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Einfühlung und Distanz als Lösungsmittel

Sie ist ein zuhörender Mensch. Eine Eigenschaft, die Lucia Greiner als Leiterin des Seelsorgeamts der Erzdiözese Salzburg sehr zugute kommt. Sie sieht Konflikte als Entwicklungsmöglichkeiten, die es beim Schopf zu greifen gilt, und ist der Meinung, dass es fast nichts gibt, das sich nicht lösen lässt.

Titelinterview mit Lucia Greiner
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet für Sie gelöst?
Lucia Greiner:
Wenn sich etwas Hinderliches auflöst und die Energie wieder fließen kann. Sei es, dass etwas ein gutes Ende gefunden hat oder dass der Weg klarerer geworden ist.

Wann sind Sie gelöst?
Lucia Greiner:
Wenn ich in einer Situation bin, in der ich das Gefühl habe, dass sie gut für mich ist und für die Menschen, die um mich sind.

Wie finden Sie am besten zu Lösungen?
Lucia Greiner:
Wenn ich alleine im Wald bin. Ich habe das Glück, dass ich von der Haustüre nicht weit gehen muss, um in meinen Erholungsraum, den Wald, zu gelangen. Dort habe ich Zeit, mir Situationen, Gefühle und Konflikte, die für mich schwierig sind, in Ruhe anzuschauen und herauszufinden, wie ich sie angehen kann. Indem ich meinen Weg gehe, finde ich auch die Lösungen. Manchmal kommt mir sogar vor, die Lösungen kommen mir entgegen, während ich gehe.

Sie haben innerhalb der Erzdiözese eine echte Karriere gemacht: Nach Stationen im Afro-Asiatischen Institut, im Eltern-Kind-Zentrum in Neualm, in der katholischen Frauenbewegung, im Bildungshaus St. Virgil und als Abteilungsleiterin des Seelsorgeamts sind Sie seit 2017 Leiterin des Seelsorgeamtes. Wie einfach oder wie schwierig ist es, sich als Frau in diesem männlich geprägten Umfeld zu bewegen?
Lucia Greiner:
Es ist eine tägliche Herausforderung! Natürlich gibt es viele, sehr unterschiedliche Erwartungen.  Mir ist es wichtig, dass ich bei mir bin und meine Talente und Fähigkeiten in der Erzdiözese einsetzen kann, dann fühlt es sich richtig und stimmig an.

Sind Sie die einzige Seelsorgeamts-Leiterin Österreichs?
Lucia Greiner:
Es gibt seit mehr als zehn Jahren auch in anderen Diözesen Frauen in dieser Funktion. Es war ein Bemühen der Kirchenstellen-Leitung, in Funktionen, die nicht von einem Priester besetzt werden müssen, auch Frauen einzusetzen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Lucia Greiner:
Ich glaube, dass ich einen sehr hörenden Führungsstil habe. Ich halte sehr viel davon, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Ehrenamtlichen mit ihren Erfahrungen zuzuhören, genauso wie ich es als wichtig erachte, Stimmen von außerhalb wahrzunehmen – Stimmen von Menschen aus der Gesellschaft. Das lege ich zusammen mit dem Auftrag des Seelsorgeamts, die ganze Erzdiözese im Blick zu haben, und mit meiner Berufserfahrung und Spiritualität. Auf Basis all dessen wäge ich ab und treffe die Entscheidungen.

Wie lösen Sie Konflikte?
Lucia Greiner:
Das Erste ist, in mir selbst zu spüren, warum ich jetzt so negativ berührt oder verärgert bin. Das Zweite ist, zu schauen: Warum will der oder die andere von mir etwas Gegenläufiges? Was ist der Grund, warum der andere so agiert? Es braucht ein Stück Einfühlung und ein Stück Distanz. Ich reagiere nicht sofort. Ich denke mir zuerst: „Schauen wir mal.“ Diese Distanz schützt mich. Durch das Anschauen erkenne ich oft den Schatten, der im Licht steht, eine Erfahrung, die jetzt geweckt worden ist, die möglicherweise peinlich ist oder die bloßstellt. Mir ist es wichtig, die Frage dahinter zu klären. Manchmal verhakt es sich einfach beim Aneinander-Vorbeireden.

Was ist das Besondere an Konflikten?
Lucia Greiner:
Bei einem Konflikt, den man nicht im Auge behält oder den man versucht, wegzuschieben, kann man sich gewiss sein, dass er wiederkommt. Er bleibt einem treu in Form einer anderen Person oder durch eine neue Situation. Ich bin im Übrigen zutiefst überzeugt, dass Konflikte immer Entwicklungsgelegenheiten sind. Man kann sie nützen oder versäumen. Das ist der Kairos des Konflikts. Kairos bedeutet die Gunst der Stunde. Kairos ist in der griechischen Mythologie ein kleiner, wendiger Gott mit dem Schopf vorne. Wenn du diese Gelegenheit nicht beim Schopf packst, dann ist er weg – weil du ihn von hinten nicht mehr erwischt.
Einer meiner Leitsätze ist daher:

Der wichtigste Mensch ist der, der dir gegenübersteht, der wichtigste Zeitpunkt ist jetzt.

Wodurch entstehen Ihrer Meinung nach Konflikte?
Lucia Greiner:
Durch nicht geachtete Bedürfnisse. Das können sehr grundlegende sein. Als meine drei Söhne noch jünger waren, war es nicht immer einfach, herauszufinden, weshalb sie unrund waren. Oft waren es schlichtweg Hunger, Durst oder Müdigkeit. Sozialer Friede entsteht, wenn zuerst das Bedürfnis nach Essen, Wohnung, Kleidung befriedigt ist, und dann jenes nach Anerkennung und Wertschätzung. Erst dann ist man gegenläufigen Bedürfnissen anderer gegenüber kompromissbereit. Wenn nicht, ist man in der Not und daher auch nicht in der Lage dazu.
Bei Erwachsenen in der Berufswelt entsteht dieser Konflikt oft, weil das, was sie brauchen, zu wenig gesehen oder wertgeschätzt wird.

Was lässt sich lösen und was nicht?
Lucia Greiner:
Es gibt wenige Dinge, von denen ich glaube, dass sie sich nicht lösen lassen. Wenn man etwa nach herkömmlichen Einschätzungen sagen würde: „Das ist eine solche Tragödie“, dann trifft man immer wieder auf Menschen, die das gelöst haben oder die zumindest einen Umgang gefunden haben, damit leben zu können. Ich denke an eine Mutter, die ihren Mann und ihre beiden Kinder bei einem Autounfall verloren hat – auch sie hat ihren Weg im Leben gefunden, nicht schnell, aber ich glaube, dass sie jetzt ein gutes Leben lebt. Manchmal kann man über längere Zeit hinweg in der Seelsorge nichts anderes tun, als gemeinsam mit einem Trauernden die Gefühle auszuhalten, die vorherrschend sind.

Was macht eine gute Seelsorge aus?
Lucia Greiner:
Sie braucht einen geistlichen Grund, nämlich dass ich mich traue, zur Liebe Gottes zu stehen, und den Wunsch habe, sie spürbar zu machen. Zudem braucht es eine grundsätzliche Haltung des Daseins. Dasein bedeutet: Nicht ich habe die Lösung, sondern ich biete dir an, dass ich dich auf deinem Weg begleite, eine Lösung zu finden. Im Grunde ist Seelsorge ein Weg und da kann ich unterschiedliche Positionen einnehmen, wenn ich mit einem Menschen unterwegs bin: Ich kann mit ihm, neben ihm, hinter ihm oder auch voran gehen. Das ist jeweils zu finden. Seelsorge braucht sehr viel Aufmerksamkeit für den Menschen, der mir begegnet.

Sie organisieren jeden November den Gottesdienst „Verwundet und aufgehoben“ für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben. Weshalb?
Lucia Greiner:
Seit vielen Jahren gibt es in der Margarethenkapelle im Friedhof von St. Peter den Trauerraum, der von allen Kirchen ökumenisch getragen wird. Dort gibt es Stationen, bei denen jeder Mensch aktiv werden  kann, um mit seiner Trauer in Berührung zu kommen: Scherben legen, etwas aufschreiben, ein weißes Band als Erinnerung an einen Baum knüpfen und es gibt natürlich auch Gesprächsgelegenheiten. In zahlreichen Gesprächen ist uns bewusst geworden, dass Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben, eine besondere Form der Trauer haben. Daher wollten wir einen Gottesdienst anbieten, der in sensibler Weise auf diese komplexe Trauer eingeht.

Wie kann man sich diesen Gottesdienst vorstellen?
Lucia Greiner:
Wir suchen bei diesem ökumenischen Gottesdienst nach Formen, in denen Aspekte der Trauer in einer behutsamen Weise spürbar, sichtbar und benennbar gemacht werden können. Das kann der Schock oder die Wut darüber sein, dass ein Selbstmord passiert ist, die Hilflosigkeit, weil man es gespürt hat, aber nicht verhindern konnte, oder auch die Trauer über das Elend des Menschen, der sich das Leben genommen hat, weil er mit seiner psychischen Erkrankung nicht mehr zurechtgekommen ist. Der Gottesdienst bietet den Angehörigen die Gelegenheit, sich diesem Tabuthema zu nähern. Es geht dabei auch um die Hoffnung, dass der Verstorbene in Gottes Hand ruht.  Der Gottesdienst sucht nach einer Sprache und Ritualen, wie wir die Zerbrechlichkeit des Lebens würdig anschauen können.

Es geht also um einen geschützten Raum?
Lucia Greiner:
Vor allem geht es im Gottesdienst um das Bemühen, immer mit den barmherzigen Augen Gottes zu schauen. Was brauchen wir für Haltungen fürs Aushalten? Es gibt Eltern, die jahrelang erstarrt sind in dem Schock, dass ihr Kind sich getötet hat. Es geht nicht darum, diese Starre aufzulösen, sondern in dieser Starre mit ihnen zu sein. Oft geht es auch darum, mit den eigenen Schuldgefühlen umzugehen: „Hätte ich nicht doch ...! Vielleicht hätte ich es verhindern können ...“ Es geht darum, mit der eigenen Machtlosigkeit zurechtzukommen. Rund um den Suizid gibt es sehr viele gesellschaftliche Tabus. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen ringen schwer mit dem Leben. Wer sich selbst tötet, will sich nicht das Leben nehmen, er will seinem Leid ein Ende machen, weil er es nicht mehr aushält. Letztlich kann ein Gottesdienst nichts lösen oder gut machen. Wir können immer nur das Vertrauen einüben, dass es sich in Gott lösen wird.

Wie lassen sich Schuldgefühle lösen?
Lucia Greiner:
Nur mit Ehrlichkeit. Schuldgefühle bringen mich mit dem, was nicht gut ist in mir, in Verbindung. Es ist eine sehr mühsame Arbeit, sie anzuerkennen und sich in seinem eigenen Ungenügen zu mögen. Wenn ich jemandem Leid zugefügt habe und das auch erkenne, ist das Reue. Ich kann dann nach außen gehen und fragen, ob es möglich ist, etwas wieder gutzumachen. Man ist allerdings immer davon abhängig, ob es der andere annimmt. Ich kann nicht sagen: „Ich entschuldige mich“, sondern ich kann nur sagen: „Ich bitte um Entschuldigung.“ Denn entschulden muss mich der andere.

Kein einfacher Weg ...
Lucia Greiner:
Der Versöhnungsweg ist ein sehr schwieriger. Manchmal hat man das Gefühl, man hat einen Schritt vorwärts gemacht, und dann kommt es wieder zurück. Seelsorglich kann man immer wieder schauen, dass man zum einen nicht vergisst, mit der Schuld umzugehen, zum anderen aber, dass es immer die Grundzusage Gottes gibt, dass man geliebt ist und dass man nicht in der völligen Verwerfung landet. Da ist es gut, wenn jemand mitgeht, soweit man das mag. Dieses Begleiten ist das, was Seelsorge beziehungsweise die Sakramente anbieten, nämlich einen Verankerungspunkt der Barmherzigkeit zu geben.
Es gibt aber noch einen speziellen Aspekt bei Schuldgefühlen. Manche Menschen hegen und pflegen sie, weil sie sich keine Lösungen vorstellen können und sich nicht auf den Weg machen wollen. Indem sie an der Schuld festhalten, fühlen sie sich enthoben, sich zu verändern. Ich bin mir jedoch nicht selbst ausgeliefert. Ich bin nicht allmächtig, ich bin aber auch nicht ohnmächtig. Ich bin teilmächtig.

Was bedeutet für Sie Spiritualität?
Lucia Greiner:
Sie ist die Haltung, aus der heraus ich lebe: dass ich mich von Gott geliebt weiß. Ich versuche, diese Grundierung für mich und andere Menschen wirksam zu machen. Spiritualität ist für mich etwas, das mein Leben reich macht, wo ich einen Bezugspunkt habe, wo ich Ereignisse in meinem Leben in einem bestimmten Licht deute. Es gibt einen letzten Grund, auf dem ich aufruhe, und der ist ein Stück unabhängig davon, was an Gutem oder Schlechtem passiert.

Was ist für Sie bislang noch ungelöst?
Lucia Greiner:
Persönlich führe ich ein sehr zufriedenes Leben. Für die Gesellschaft ist es mir eine große Sorge, dass wir uns in Gruppen isolieren, die nicht wirklich gut miteinander kommunizieren. Dieser gesellschaftliche Zusammenhalt ist immer mehr Gefahren ausgesetzt. Da denke ich mir, dass wir gemeinsam etwas tun müssen. Hier gilt es, genau hinzuschauen, Dinge genau wahrzunehmen und dann auch zu benennen.

Was ist ein Weg, um Dinge wahrzunehmen?
Lucia Greiner:
Eine gewisse Langsamkeit sowie eine gewisse Beweglichkeit, um die Blickrichtung verändern zu können. Wenn man permanent beschäftigt ist, ist man immer etwas gefährdet, die Wahrnehmung zu verlieren, und übersieht das, was gerade am Entstehen ist. Es gehört die innere Haltung dazu, dass das, was ich sehen und erkennen kann, mir Gutes zuwachsen lässt. Sonst verschließe und schütze ich mich, wenn ich mir der Welt rund um mich herum nicht sicher sein kann nach dem Motto: „Ich will nichts wissen oder sehen.“ Um das Vertrauen in das Leben zu stärken, braucht es ein bewusstes Wahrnehmen, das sich auch einüben lässt. Mein Weg führt mich ganz stark in die Naturwahrnehmung, die mich einbindet und rückbindet in ein größeres Ganzes, da ist es ganz gleich, ob ich nun eine Blüte, ein Insekt oder den Sternenhimmel betrachte. Letztlich sind wir mit allem verbunden. 

Was war die größte Herausforderung in Ihrem Leben, die Sie bislang gelöst haben?
Lucia Greiner:
Persönlich war es die Kinderfrage, ob ich nach einem Frühchen mit Herzfehler und einem Sternenkind den Mut für weitere Kinder habe. Mein Mann und ich haben uns eine große Familie gewünscht. Es sind dann drei geworden. Das Leben ist uns zugewachsen.
Beruflich war es die Frage, ob ich den Mut aufbringe, die Arbeitsstellen zu verlassen und anderswo neu anzufangen. Es ist jedes Mal anders geworden, als ich es mir vorgestellt habe, aber immer gut.