Partner auf Zeit
Christine und Thomas sind kein Paar. Doch einmal im Monat schlafen sie miteinander. Christine bezahlt Thomas dafür. Nicht nur für Sex, sondern auch, weil bei ihm egal ist, dass sie im Rollstuhl sitzt.
von Carolin Gißibl
Es ist 5.30 Uhr, als der Pfleger ein schwarzes Spitzenhöschen über Christines Windel zieht. Er kämmt ihre langen, grauen Haare. „Löwenmähne sagt Thomas immer“, erzählt Christine und grinst wie eine Jugendliche, die voller Vorfreude ist, etwas Verbotenes zu tun.
Der Tag, als Thomas zum ersten Mal in seinem blauen Bulli mit dem Peace-Symbol auf der Motorhaube in Christines Hof im nordrhein-westfälischen Minden parkte, war der 20. April 2017 – das Datum hat sich in ihr Gedächtnis graviert. Bis dato war Thomas ein Fremder aus dem Internet.
In Flipflops, Cargohose und Hemd stieg er aus dem Wagen, erinnert sich Christine, und holte einen Koffer aus dem Laderaum: Massageöl, Dildos, eine Straußenfeder, Bluetooth-Lautsprecher für Musik, Kerzen, deren Licht das der grellen Neonröhren in den Pflegezimmern ersetzen, Spiegel, um Körperstellen zu zeigen, die sonst keiner sieht, Bondage-Seile, die Spastikern helfen, zu entspannen, Kondome, Gleitgel, Lecktücher.
Thomas hat lange Haare, Dreitagebart, Grübchen und ein Zertifikat, auf dem steht: „Herr Aeffner hat die Methoden der erfolgreichen Sexualbegleitung erlernt. Er hat darüber hinaus behinderte Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen bei ihrer sexuellen Selbsterfüllung unterstützt und dabei deren Selbstbestimmung und Würde gefördert.“
Als Sexualbegleiter hilft der 67-Jährige alten, behinderten und traumatisierten Menschen, Hemmungen vor Berührungen zu verlieren. Er streichelt, massiert, zeigt, wie sie sich selbstbefriedigen können, oder bringt sie zu mentalen Orgasmen. „Lustvoll Sex zu haben ist wichtig für ein glückliches Leben. Das will ich auch Menschen ermöglichen, die dazu allein nicht in der Lage sind“, sagt Thomas. Manchmal schläft er mit ihnen – gegen Bezahlung.
Christine war anfangs skeptisch. Würde sie sich nicht „dreckig“ fühlen, einen Mann aus dem Internet für Sex zu bezahlen?
Bevor der Pfleger zum nächsten Patienten eilt, hievt er Christine in den Rollstuhl. „Scheißkiste“ nennt sie ihren wohl treusten Gefährten. Vor 53 Jahren kam Christine als Frühchen zur Welt, im sechsten Schwangerschaftsmonat. Diagnose: spastische Tetraplegie. Ihre Beine und ein Arm sind gelähmt, nur mit der rechten Hand kann sie greifen und leichte Dinge wie Besteck oder einen Stift halten. Während ihre Schwestern mit anderen Kindern um ihren Rollstuhl rennen, musste sie begreifen, dass sie nie herumtollen wird. Sie musste begreifen, dass sie ihr Leben lang auf andere Menschen angewiesen ist.
Christine steuert mit dem Joystick...