„Partnerschaft ist keine Lebensversicherung“

 

Es ist höchst an der Zeit, dass Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen. Die Verantwortung an den Partner abzugeben ist heute ein No-Go. Andrea Kirchtag ist Geschäftsführerin bei Frau und Arbeit sowie Referentin im Lehrgang Frau und Geld. Ein Gespräch über Abhängigkeit, falsche Glaubenssätze und gesunde Neugier.

 

Titelinterview mit Andrea Kirchtag

von Michaela Hessenberger

Weiß Ihre beste Freundin, wie viel Sie verdienen?

Andrea Kirchtag: Nein, aktuell nicht. Früher haben wir uns allerdings sehr offen und ehrlich ausgetauscht.

Ein altes Sprichwort lautet „Über Geld spricht man nicht“. Ist das noch zeitgemäß?

Andrea Kirchtag: Die Österreicherinnen und Österreicher schweigen eher über Geldangelegenheiten, als dass sie diese ansprechen. Gut verdienende Menschen wollen oft nicht über Geld sprechen aus Angst, dass andere neidisch sind. Und Menschen, die wenig Geld haben, wollen nicht darüber reden, weil sie deswegen häufig Schamgefühle haben. Dieses Denken ist nicht mehr zeitgemäß. Wir alle wissen, dass Frauen viel weniger verdienen als Männer und dass Teuerung, Inflation und Energiekosten an vieler Menschen Existenz gehen. Also ist es unerlässlich, sehr wohl über Geld zu sprechen – und sich vor allem als Frau aktiv damit auseinanderzusetzen.

Bedeutet Solidarität unter Frauen auch, dass sie über Gehälter sprechen?

Andrea Kirchtag: Grundsätzlich über Gehaltsrichtlinien zu sprechen ist definitiv wichtig. Doch wir müssen darauf achten, was wir vergleichen, wenn wir Summen austauschen. Deshalb ist eine realistische Einschätzung dessen, was Arbeit wert ist, ein wichtiger Bestandteil solcher Gespräche. Denn wir müssen Kollektivverträge, Qualifikation, Erfahrung oder Dienstjahre ebenfalls sehen. Geld ist ein komplexes System mit weiten Rahmenbedingungen. Ich kann nur unterstützen, dass jede Frau für sich lernt zu erkennen, wie ihr Rahmen aussieht. 

Dieses Wissen liefert bei Verhandlungen wertvolle Argumente.

Andrea Kirchtag: Optionen zu kennen ist ein entscheidender Vorteil. Wie man sich dieses Wissen aneignet? Etwa, indem man sich in der eigenen Branche austauscht, wie das bei Selbstständigen üblich ist. Für Angestellte empfiehlt es sich, in Zeiten eines eklatanten Personalmangels den eigenen Verhandlungsspielraum auszuloten. Lange Zeit haben Unternehmen ausschließlich nach dem Kollektivvertrag gezahlt. Das ist heute oft nicht mehr möglich und sie überzeugen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Benefits, also Zusatzleistungen. Wer sich um einen Job bewirbt, sollte von Anfang an wissen, welche Chancen es gibt. Dazu braucht es den Mut, Ziele an- und auszusprechen, diese zu vertreten und sich relevante Informationen zu besorgen.

Ist Wissen über Geld und Finanzen eine Hol- oder eine Bringschuld?

Andrea Kirchtag: Ich fände es super, wenn unser Bildungssystem so funktionieren würde, dass bereits in der Schule Geld ein Thema ist, ebenso wie Arbeit. Doch diese Inhalte bekommen Jugendliche in den wenigsten Fällen. In Sachen Finanzbildung in jungen Jahren könnte viel mehr passieren. Doch freilich ist es auch eine Holschuld, an Informationen zu kommen. Deshalb bestärken wir Frauen, unsere Angebote zu nutzen. Viel ist gewonnen, wenn sie sich selbstverständlich und eigenverantwortlich mit ihren Finanzen beschäftigen. Als Ansprechpartnerinnen gibt es uns, die Arbeiterkammer, die Gewerkschaften. Und es gibt Tools wie den Pensionsrechner. Da muss man nur hinschauen, die Augen zu verschließen könnte fatal sein. 

Welche Glaubenssätze Geld betreffend können Sie nicht mehr hören?

Andrea Kirchtag: Oje, das reicht von „Geld stinkt“ über „Geld ist ja nicht so wichtig“ bis hin zu „Geld macht nicht glücklich“. Diese Sätze stammen meist aus der Herkunftsfamilie und der eigenen Biografie. Doch was davon ist hilfreich, was ist belastend? Nehmen wir den Spruch „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Der lässt mehrere Sichtweisen zu. In einer Familie, die traditionell viel gespart hat, wollte die Frau nach Corona alles dahingehend verändern, dass sie alle sich jetzt und nicht später Dinge gönnen. Eine andere Frau mag diesen Satz, denn durch das Sparen war es verkraftbar, dass ihr in der Pandemie Aufträge weggebrochen sind. So konnte sie durch die Krise gehen, ohne wirtschaftlich ins Trudeln zu kommen.

Finanzen sind für Frauen oft ein ungeliebter Lebensbereich. Wieso ist es wichtig, das eigene Geld selbst zu verwalten und die Verantwortung nicht einfach dem Partner zu übertragen?

Andrea Kirchtag: Dahinter steckt Sozialisation, also wie wir aufgewachsen sind und was wir uns aus dieser Zeit gemerkt haben. Frauen geben die Hauptverantwortung für die Finanzen in Partnerschaft oder Familie häufig an ihre Männer ab, weil sie den Satz „Geld ist eh nicht so wichtig“ tief in sich haben. Doch damit geraten sie in eine Abhängigkeit. Erst recht, wenn Kinder da sind. Denn sie steigen nach der Karenz mit einer geringen Teilzeitbeschäftigung wieder ins Berufsleben ein. Freilich verstehen wir, dass Rahmenbedingungen wie die Kinderbetreuung nicht leicht sind. Doch Frauen müssen sich bewusst machen, dass es geleistete bezahlte und unbezahlte Arbeit gibt. Letztere betrifft beispielsweise die Versorgung der Familie, die Pflege von Angehörigen, die Organisation des Haushalts sowie die emotionale Versorgung ihrer Lieben. All das ist Arbeit. Ich ermutige die Frauen, wahrzunehmen und festzustellen, wie viel sie eigentlich leisten. Dann kommt bei vielen unterm Strich heraus, dass sie 20 Stunden bezahlte Arbeit leisten und 40 Stunden, wenn nicht weitaus mehr, unbezahlt arbeiten.

Macht es Frauen Angst, in der Partnerschaft das Thema Geld anzusprechen?

Andrea Kirchtag: Manchen ja, denn unsere Gesellschaft ist es schlichtweg gewohnt, dass Frauen entweder unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit verrichten. Was Leistung wert ist, wissen viele Leute nicht. Nur wer sieht, was tagtäglich geleistet wird, kann den Wert der eigenen Arbeit erkennen und diesen auch in einer Summe ausdrücken.

Also wäre die Schule doch ein guter Ort, um auf einer breiten Basis Worte für genau diesen Lebensbereich zu haben.

Andrea Kirchtag: Wir erkennen immer stärker, dass es Finanzbildung braucht. Deshalb arbeiten wir im Ministerium an der nationalen Finanzbildungsstrategie mit. Fachleute sehen, dass Bildung für den Umgang mit Geld, Konsum und Schuldenfallen notwendig ist. Im Regelschulsystem ist das noch nicht angekommen. 

Wie können Eltern mit ihren Kindern über Geld sprechen? 

Andrea Kirchtag: Indem sie beim Taschengeld ansetzen und beginnen, offen zu reden und viel zu erklären. So können Kinder nach und nach ein Gefühl für Geld bekommen. Um möglichst früh Wissen zu vermitteln, bieten wir bei Frau und Arbeit Workshops für Eltern an. Wir kümmern uns um den richtigen Zeitpunkt dafür, dass Kinder den Umgang mit Bargeld lernen. Dass sie verstehen, was sparen heißt, wie Konsum funktioniert oder eine Investition. Wir sprechen darüber, wo es sich anbietet, dem Nachwuchs langsam mehr Verantwortung für Geld zu übertragen, und wie das mit digitalem Geld auf Kreditkarten läuft.

Im Internet motivieren Influencerinnen wie „Investorella“ Frauen, ihr Geld nicht nur auf dem Konto, am Sparbuch oder im Bausparer zu behalten. Ist der Handel mit Aktien und EFTs schon ausreichend in der Mitte der Gesellschaft angekommen, um Frauen generell dazu zu raten, ihr Geld mutig(er) anzulegen?

Andrea Kirchtag: Nun, das Interesse ist unbestritten groß. Viele werden neugierig, wenn sie erfahren, dass sie bei ETFs – so die Abkürzung für „exchange traded funds“, also börsegehandelte Fonds – auch mit geringen Investitionssummen einsteigen können. In diesem Bereich kommen wir wieder auf alte Glaubenssätze, die gar nicht stimmen – denn wenn es um Aktien oder Anleihen geht, braucht man eben kein großes Geld, um ins Geschäft einzusteigen.

Was macht ein gesundes Money-Mindset aus?

Andrea Kirchtag: Leicht erreicht man ein solches Mindset, wenn man exakt die erlernten Glaubenssätze, die uns so oft zurückhalten, infrage stellt und prüft, ob sie denn überhaupt stimmen. Am besten klappt das im Austausch mit anderen oder mit einer versierten Trainerin. Sie weist auch darauf hin, welche Konsequenzen welcher Schritt haben kann. Konsequenzen gehören übrigens auch dazu, wenn Geldangelegenheiten nicht in die eigene Hand genommen, sondern dem Partner überlassen werden. Viele Ehen werden geschieden, Partnerschaften enden. Das hat massive Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Frauen, die oft schlecht aussteigen. Eine Partnerschaft ist eben keine Lebensversicherung.