Wem gehört, was vergangen ist?
Renate Welsh sinniert über Erinnerungen, das Nichtgesagte und die Kraft der Wörter an der Schwelle zwischen gestern, heute und morgen.
von Christina Repolust
Das Buch „Ich fall mir selbst ins Wort“ könnte man als wesentlichen Teil der Lebensgeschichte der 1937 in Wien geborenen österreichischen Autorin Renate Welsh missverstehen. Dabei ist dieses Werk ein intensives Zwiegespräch an einer Schwelle, die die Grenze zwischen dem Kind, das Welsh war, und der erwachsenen Frau markiert, die nach einem Schlaganfall ihre Sprache verlor und sie sich Wort um Wort wieder neu aneignen musste. Ihre Aussage „Als mich der Schlag traf, war ich nicht dabei“ belegt ihren Mut, über das Altern, das Schwach- und Kranksein zu schreiben und sich den Weg zurück zu den Wörtern und zum selbstbestimmten Leben zu erkämpfen und dabei selbstkritisch auf das Schreiben und Leben zu schauen.
Der Jugendbuchklassiker „Dieda oder Das fremde Kind“ erschien 2002 im Obelisk-Verlag und erzählt von einer Kindheit, die von Fremdsein und Ausgrenzung geprägt ist. Der Roman spielt im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, Ursel – „Dieda“ – wird zu ihrer eigenen Sicherheit, so meint es ihr Vater, gemeinsam mit ihrer Stiefmutter ins Ausseerland geschickt: Da wartet eine große, tüchtige Familie auf sie. Doch es fehlt an Liebe, am Angenommensein, am Dazugehören. Ursel erlebt sich als Fremde, als „Dieda“, beschäftigt mit dem Tod der Mutter, dem Schweigen des Vaters, den Liebes- und Erziehungsversuchen der Stiefmutter: Beide sind vom beschäftigten Vater alleingelassen. Bei den Ausseer Verwandten der Stiefmutter dominiert „der Alte“, ein grober Mann, dessen Adern schnell anschwellen, wenn er wütend wird: Wenn diese einmal platzen und das Blut spritzt, würde sie, so fantasiert „Dieda“, auf den Berg steigen „und oben die Arme ausbreiten und lachen. Und ihr Lachen würde von allen Felsen zurückschallen.“ (Ich fall mir selbst ins Wort, S. 17)
23 Jahre nachdem der Kinderroman „Dieda oder Das fremde Kind“ erschienen ist, tritt seine Autorin, Renate Welsh, mit sich, ihren Erinnerungen und Erfahrungen in einen feinsinnigen wie vorsichtigen Dialog. Diesen können die Leser:innen dank der klaren Erzählstruktur bzw. Kapitelüberschriften mitverfolgen: „Bad Aussee 1945“, „Bad Aussee 2005“ oder „Wien, 2025“. Renate Welsh nimmt immer wieder Bezug auf den Ursprungstext von „Dieda“ und stellt ihm ihre jetzige Sicht an die Seite. Sie gibt dabei Einblick in ihr Schreiben, die genaue Recherche und das Berührtsein, wenn Leser:innen auf ihre Texte reagieren. So ist es bei einer Lesung in Aussee 2005 geschehen, als ihr eine Frau ein Körbchen mit drei Buchteln und eine Karte in die Hand legt: „Die größte Freude für das arme Mäderl war, wenn ihr die Nachbarin eine Buchtel geschenkt hat. Die habe ich heute für Sie gebacken.“ (Ich fall mir selbst ins Wort, S. 7) Diese Buchteln stellen – nicht nur als Geste – die Verbindung der Autorin zu jener einstigen Nachbarin her, die ihr, der „Dieda“, der ungeliebten Stieftochter aus Wien, gelegentlich Buchteln zusteckte, als kleinen Trost in diesen lieblosen Zeiten. So ist die Verbindung zu einer „Zeugin“ von früher hergestellt, die Spurensuche und Selbstbefragung nimmt behutsam ihren Lauf.
Vom Trennenden zum Gemeinsamen
Schwelle um Schwelle nähert sich Renate Welsh dem früheren Ich, der Dieda, die so viele Wörter nicht sagen durfte, aber so viele Sätze in sich formulierte, an. Inwieweit Erinnerungen ein getreues Abbild der Wirklichkeit sein können, reflektiert die Autorin ebenso intensiv, wie sie längst nicht mehr daran glaubt, „dass der Film in meinem Kopf ein getreues Abbild der Wirklichkeit darstellt, er reißt immer wieder ab, die Zeitenfolge gerät heillos durcheinander“.