Urban Sketching mit Ceconi & Einstein
Heute schauen wir genauer hin: Flanierend, staunend und zeichnend erkunden wir das Salzburger Andräviertel. Inspiriert von Illustratorin Barbara Baumann und Austria Guide Michelle Steinmaurer.
von Judith Mederer
Gummisohlen quietschen leise auf Marmorboden. Ich durchwandere still die Andräkirche. Vorne befindet sich ein besonders farbenfroher Hochaltar, dahinter bunte Glasfenster. Rechts daneben das Kreuz mit Jesus – gehalten von einem personifizierten Gott. Auf der anderen Seite über dem Eingang eine Orgel mit riesigen Pfeifen, eine zweite in der Mitte des Raumes. Die Kühle der Kirchenmauer kriecht unter die Jacke, es riecht kaum wahrnehmbar nach Weihrauch. So startet der gemeinsame Sketch-Walk. Zum Ankommen. Fürs Sinneschärfen.
Urban Sketching
Das Zeichnen von Stadtansichten ist so alt wie das Zeichnen selbst. Erst in den letzten Jahrzehnten etablierte sich „Urban Sketching“. Ob Gabriel Campanario ahnte, welche Wellen seine Idee schlagen würde? Der Journalist und Illustrator aus Seattle erstellte 2007 einen Blog und rief Kreative aus aller Welt auf, ihre Skizzen und Geschichten unter dem Motto „See the World, One Drawing at a Time“ zu teilen. Er rief auf, die Welt zu sehen, ein Bild nach dem anderen. Silhouetten werden skizziert, Stimmungen eingefangen, Details herausgepickt oder weggelassen – gemeinsam mit Gleichgesinnten. Campanario traf den Nerv der Zeit: Seit damals gibt es mehr als 500 Ortsverbände, verstreut über den Globus von Vancouver bis Singapur, die Teil der offiziellen Gemeinschaft der „Urban Sketchers“ sind.
Der erste Strich
Nach dem Kirchengang versammeln wir uns vor der Kirche. Hier ist es angenehm warm. Wir sind zu zwölft und aus Salzburg und Bayern angereist. Ich habe den Eindruck, die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen wissen schon, was sie erwartet, aber die Kursinhalte versprechen, dass „keine bestimmten Zeichenvorkenntnisse notwendig“ sind. Zweifel, ob man hier richtig ist, zerstreut Illustratorin Barbara Baumann gleich zu Beginn. Es gehe hier um Unperfektionismus, und die ersten Striche „schaun sowieso nie gut aus“, sagt Baumann lachend. Es geht auch ums Schärfen der Sinne, das Wahrnehmen von Gerüchen, das Spüren der Wärme der Abendsonne. Wie so oft geht es vor allem um den ersten Schritt, in diesem Fall den ersten Strich. Alles andere kommt von selbst. Wir schlendern über den Vorplatz, wo jeden Donnerstag der Schrannenmarkt ist. Jetzt ist der asphaltierte Platz leer. Fremdenführerin Michelle Steinmaurer zeigt uns, wo das namensgebende Schrannengebäude als Lager für Getreide bis nach dem Zweiten Weltkrieg stand. Mit gezücktem Block und Stift und Wassertankpinsel (was für eine tolle Erfindung!) drehen wir uns um und blicken zurück auf die Andräkirche mit Steinstatuen, schmalen Fenstern, Türen, Portalen, Kreuzen … Ursprünglich stand die Kirche in der Linzer Gasse; dort musste sie der Straßenbahn weichen und wurde 1892 hier im Andräviertel neu gebaut. Hier hat sie genug Platz und während sie von den letzten Sonnenstrahlen in warmes Licht getaucht wird, lädt sie uns großzügig ein, sie aufs Papier zu bringen. Das ist der Punkt, an dem es uns sehr hilft, dass uns Barbara Baumann begleitet. Denn die Größe der Kirche, die vielen Einzelheiten, die Fülle an Eindrücken könnte verleiten, sich überfordert abzuwenden. Die Illustratorin rät uns, nur ein Detail herauszupicken. Entweder eine Stiege, eine Tür, eine Statue. Das scheint doch schon viel einfacher! Ist es auch – auch wenn das gezeichnete Eingangsportal der Illustratorin anders aussieht als das im eigenen Sketchbook. Aber fürs Vergleichen ist hier weder Platz noch Zeit. Nach diesem „Aufwärmsketch“ gehen wir weiter an der Kirche vorbei in die Hubert-Sattler-Gasse.
Pseudodetails
„OEFFENTLICHE SCHULE FUER KNABEN UND MAEDCHEN“. Die Inschrift und gelb-rote Papierblumen hinter mächtigen mehrflügeligen Fenstern zeigen, wer hier fleißig lernt. Auf mitgebrachten Sitzunterlagen findet jeder seinen Zeichenplatz und studiert das Gebäude der Volksschule Campus Mirabell. Unsere Augen suchen ein passendes Motiv und wandern zwischen Skizzenblock und Schule hin und her. Barbara Baumann zeigt im eigenen Block, wie man mit Pseudodetails, also nur Andeutungen, besonders detailreiche Fassaden erfassen kann, ohne sich in Feinheiten zu verlieren. Alle sind vertieft ins eigene Tun. Es wird skizziert, gezeichnet, hier mit Farbe eingefärbt, dort mit Papierwischer Schatten hinzugefügt. Wer fertig ist, kann sich stärken: bei Liptauer-Jause mit Baguette. Während wir kauen, verrät uns Michelle Steinmaurer, was die Volksschule Campus Mirabell einzigartig macht: Nobelpreisträger Albert Einstein hat hier seine Relativitätstheorie erstmals der Welt präsentiert!
Jugendstil im Andräviertel
Wir packen unser Zeichenzeug zurück in unsere Rucksäcke und halten uns links. Zahlreiche Häuser tragen im Andräviertel die Handschrift der Ceconi-Dynastie: Mehr als 500 Gebäude in der Stadt Salzburg hat die aus Friaul stammende Baumeister- und Architektenfamilie entscheidend geprägt. Neben dem Café Bazar, dem Hotel Auersperg und dem Marionettentheater finden sich im Andräviertel zahlreiche Ceconi-Gebäude, stark verziert, mit Schnörkeln und Büsten. Wir gehen an einigen dieser Bauten vorbei, dazwischen zeugen glatte Hausfassaden vom Wiederaufbau nach Zerstörungen von Bomben im Zweiten Weltkrieg. Ein Stück weiter am Eck zur Franz-Josef-Straße steht das Haus der ehemaligen Volkshochschule. Auch wenn sie schon lange nicht mehr hier ist, sind die Anfangsbuchstaben VHS auf dem Dach noch immer von Weitem zu sehen – und erinnern mit den großen weißen Lettern ein bisschen an den Hollywood-Schriftzug in Los Angeles. Von der Franz-Josef-Straße, gesäumt von Platanen, biegen wir ab in die Haydnstraße zu unserem letzten Zeichen-Stopp. Im Rücken die kleine Schranne, sammeln wir uns vor einem Wohngebäude. Zwei mächtige Säulen mit identen Frauenbüsten säumen den Eingang der Haydnstraße 5 – und erinnern an Werke des Jugendstilmalers Alfons Mucha. Wenn das kein Ansporn für einen Abschluss-Sketch ist!
Was bleibt
Zweieinhalb Stunden waren wir unterwegs und haben wenig Weg und viele Eindrücke hinter uns. Wenn wir später unsere Blöcke durchblättern, werden wir uns daran erinnern, wie warm es noch war, als wir uns vor der Kirche getroffen haben. Wie wir vor dem VHS-Gebäude standen und ein bisschen Hollywood-Feeling hatten. Wie wir ein Liptauerbrot aßen, während wir erfuhren, dass Albert Einstein in der Volksschule seine Relativitätstheorie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert hat. Wer zeichnet, fängt ein, was er spürt, was er hört, was er schmeckt. Wer zeichnet, ist im Moment. Oder um Barbara Baumann zu zitieren: Es geht nicht um die perfekte Zeichnung. Sondern dieses Gefühl von: Ich war wirklich da.