Schweigen ist keine Lösung, sondern Gift
„Schweigen kann unglaublich verletzen, während Reden heilen kann.“ Das sagt Professor Reinhard Haller, Gerichtspsychiater und Autor. Gerade ist sein neuer Bestseller in die Buchläden gekommen. Wir haben ihn in St. Virgil Salzburg zum Interview gebeten und mit ihm über Verletzungen, das toxische Schweigen und Lösungen für Konflikte gesprochen.
Interview mit Reinhard Haller
von Michaela Hessenberger
Warum tut es besonders weh, wenn Bekannte, Freunde oder Partner uns kränken?
Reinhard Haller: Eine Verletzung fällt schwerer aus, je näher mir die verletzende Person ist. Dabei bringen meist nicht die großen Konflikte Sand ins Getriebe, sondern die vielen kleinen Kränkungen. Durch eine große Häufigkeit ergibt sich eine hohe Leidenssumme. Gerade in überschaubaren Kreisen muss man sich bewusst sein, dass Kleinigkeiten sehr viel anrichten können: nicht grüßen, nicht auf Fragen eingehen, Informationen vorenthalten, zynisch lächeln. Das sind keine tätlichen Aggressionen, aber aggressive Taten.
Gibt es dagegen so etwas wie eine „seelische Immunabwehr“?
Reinhard Haller: Resilienz ist der Fachausdruck für einen guten Umgang mit fordernden Situationen. Ich nenne es etwas laienhafter „Rechthäutigkeit“. Die seelische Haut eines Menschen soll einerseits nicht zu dick sein, sonst wären wir empathielose Wesen. Sie soll andererseits nicht zu dünn sein, sonst wären wir nur allzu verletzlich. In der lebenslangen Persönlichkeitsentwicklung ist der entscheidende Punkt, die rechte Abwehr zu finden und dennoch sensibel zu bleiben.
Wenn die Fronten verhärtet sind – was wäre aus Ihrer Sicht der gesündeste erste Schritt zur Heilung?
Reinhard Haller: Das Wichtigste ist, überhaupt im Gespräch zu bleiben. Ob in einer Ehe, in der geschwiegen wird, ob im beruflichen Bereich oder in der großen Politik, wenn Ukrainer und Russen nicht miteinander sprechen. Erstaunlicherweise schaffen es viele Menschen, unabhängig von Rang und Status, nicht, dies zu erfüllen.
Woran liegt das?
Reinhard Haller: Nun, ein Philosophenwort sagt: Wer in ein Gespräch geht, muss damit rechnen, dass die oder der andere recht haben könnte. Manchen mag das gefährlich erscheinen. Dabei liegt die wahre Kunst der Konfliktlösung in der eigenen Flexibilität. Nicht stur auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, das ist eine reife Art der Auseinandersetzung mit einem Streitpunkt.
Sie betonen in Ihren Büchern immer wieder die Macht der Anerkennung. Wie lässt sich Wertschätzung kultivieren?
Reinhard Haller: Während Kränkungen eines meiner zentralen Themen sind und sie mir in Kriminalität und Verbrechen so oft begegnen, sind sie wissenschaftlich noch so wenig erforscht. Klar ist jedenfalls, dass ihr Gegenstück die Wertschätzung ist. In der Praxis wird dieser Begriff heute leider recht inflationär verwendet. Doch in unserer Gesellschaft gibt es eine wirklich große Wertschätzungs-Blockade. Dabei sind Wahrnehmen, Lob und Bestärkung Verstärkungsfaktoren ersten Ranges. Sie motivieren und stärken das Selbstbewusstsein – das der gelobten Person ebenso wie das der lobenden.
In Ihrer Arbeit und Forschung haben Sie unzählige Konflikte zwischen Menschen gesehen. Was ist der häufigste Fehler, den sie im Streit machen?
Reinhard Haller: Der Gesprächsabbruch. Nicht mehr miteinander reden zu können, da steckt unglaubliche Psychologie dahinter. Wenn ich mit der oder dem anderen nicht mehr rede, dann drücke ich aus: „Du bist mir nichts mehr wert“, „Du bist gar nicht existent“. Das kann beim Angeschwiegenen bis zur Depression führen. Schweigen ist ein doppeltes Schwert, zeigt es doch, wie beleidigt jemand ist, wenn die Worte fehlen.
Die Lösung?
Reinhard Haller: Reden. Denn mit Worten wird ein Problem beschrieben. Die Lage wird schnell sachlicher und verliert an Brisanz. Wer reden kann, ist die starke Persönlichkeit, nicht wer schweigen kann. Das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ gilt so also nicht. Neben dem Im-Gespräch-Bleiben ist die Bereitschaft zu verzeihen essenziell. Sich selbst und dem Gegenüber. So schneidet man Grübeleien, Schlafstörungen und psychosomatische Reaktionen ab und bringt sich in einen gelassenen Zustand. Was gut ist, denn Gelassenheit ist das allerhöchste Ziel.
Doch manchmal begegnet uns das Gegenüber mit eisigem Schweigen.
Reinhard Haller: Dann liegt toxisches Schweigen vor. Es ist eine psychische Waffe ersten Ranges, mit der ich mich in meinem neuesten Buch befasse. Dieses Schweigen wirkt wie Gift und kann den angeschwiegenen Menschen in Verzweiflung und Krankheit treiben. Wir finden es rund um Femizide ebenso wie im Mobbing. Heutzutage ist auch das narzisstische Schweigen nach dem Motto „Ich hab’s doch gar nicht notwendig, mit dieser Person zu sprechen“ sehr aktuell.
Manche Konflikte lassen sich partout nicht lösen. Wann ist es Zeit, eine Situation zu verlassen?
Reinhard Haller: Wenn man alles probiert hat, einschließlich Beratung von außen. Das kann eine Partnerschaftstherapie oder eine Familienberatung im Privatbereich sein oder eine Konfliktberatung am Arbeitsplatz. Bleibt alles ohne Effekt, dann muss man sich die Frage stellen, ob man in so einer Situation auf Dauer leben möchte und kann. Wenn die Antwort Nein lautet, dann kann ich als Psychotherapeut nur den Rat geben, die Flucht zu ergreifen und niemals wiederzukehren. Das eigene Wohlergehen muss wichtiger sein als das Festhalten an einer Situation um jeden Preis.
Wer mit Narzissten verheiratet ist oder narzisstische Führungskräfte am Arbeitsplatz hat, braucht sowieso andere Strategien.
Reinhard Haller: Der Narzissmus hat im Großen und Kleinen deutlich zugenommen, das ist wissenschaftlich bewiesen. So wurde seit dem Jahr 2000 ein Zuwachs von 470 Prozent gemessen. Unsere Gesellschaft ist also immer narzisstischer geworden. Das sehen wir ja auch an den Führern, die sich narzisstisch gebärden und sich weltweit größter Beliebtheit erfreuen. Im privaten Umfeld ist die wichtigste Frage die, ob sich eine Person traut, sich aus einer solchen Situation und von einem narzisstischen Menschen zu lösen. Wie gesagt, wer vorher alles probiert hat, der oder dem empfehle ich, einen klaren Schnitt zu machen, einen klaren Schlussstrich zu ziehen. Andernfalls wiederholt sich Vorheriges nur.