Neues Haus, neues Glück und das alte Lächeln
Autor Wilhelm Ortmayr trifft den ehemaligen Apropos-Verkäufer Kurt Mayer
Als ich Kurt Mayer im Frühjahr vor vier Jahren kennenlernen durfte, hat mich seine Lebensgeschichte allein schon sehr beeindruckt. Noch stärker in Erinnerung geblieben ist mir aber die Art, wie er über seinen schwierigen, oft schmerzhaften Werdegang erzählte und wie zuversichtlich und zufrieden er mit seiner Lebenssituation dennoch war.
Nun treffen wir einander wieder. Kurt sitzt im Rollstuhl, die schweren Durchblutungsstörungen in den Beinen haben sich weiter verschlechtert. „Servus, wie geht es dir?“, begrüße ich den mittlerweile 66-Jährigen und bekomme als Antwort ein strahlendes Lächeln. „Danke, mir geht’s gut. Ich bin sehr zufrieden.“ Er hat sie also nicht verloren, diese umwerfend positive, lebensbejahende Grundstimmung. Bei Kurt ist das Glas immer halbvoll.
Wie kann jemand mit dieser Lebensgeschichte kein bisschen verbittert, hadernd oder zynisch sein? Von Geburt an von niemandem gewollt oder gar geliebt, ein Aufwachsen als Weggegebener und Verleugneter in Heimen – ohne Geborgenheit, aber mit Schlägen und Misshandlungen. Danach eine Bäckerlehre, die an Mehlallergie scheitert, und eine kurze Karriere als Hilfsarbeiter, unstet und prekär, in der bereits das Abgleiten zum Alkohol, zu den Drogen und der Obdachlosigkeit vorgezeichnet ist. Zwanzig Jahre lang ist sein Leben „rastlos“, wie er es nennt. Nirgendwo konnte und wollte er länger bleiben. Ein Herumgetriebensein ohne Halt und Hoffnung, zumindest keiner realen.
Mit Mitte 40, körperlich völlig am Ende, schafft Kurt es, sich an den letzten Strohhalm zu klammern. Er kommt los vom Alkohol, gewinnt wieder an Struktur und Lebenskraft und kann dann sogar in eine eigene kleine Wohnung in der Goethesiedlung ziehen, die er sich, auch dank der Erlöse durch den Apropos-Verkauf, sehr nett und wohnlich einrichtet. Das Leben, das echte, selbstbestimmte, hat ihn wieder.
Seit unserem ersten Treffen ist Kurts Leben nicht „einfacher“ geworden. Mitunter kann er nicht mal einen kurzen Moment stehen. „Es fühlt sich an wie tausend Nadelstiche in der Fußsohle.“ Am linken Bein sei er schon fünf Mal operiert worden, erzählt Kurt, aber jedes Mal seien die Gefäße kurz danach wieder zugegangen. „Mein großes Problem ist generell die Durchblutung, ich habe dauernd eiskalte Füße und Hände.“
An eindeutigen Spätfolgen des jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsums leidet auch Kurts Magen-Darm-Trakt. „Alles ist sehr porös, immer wieder gibt es Löcher, obwohl ich ohnehin ganz weich esse.“ Jederzeit kann in Magen oder Darm etwas aufgehen, es passiert auch immer wieder, schildert Kurt. Diese kleinen Löcher würden dann stets Spitalsaufenthalte notwendig machen, bei denen auch das Blut „gereinigt“ wird.
Etwas erleichtert wird Kurts Krankengeschichte durch die vielen positiven Veränderungen der vergangenen Jahre. Er wohnt nun in Aigen, in einem „Betreuten Wohnen“. Mit dem Rollstuhl sei er in der Wohnung in der Goethestraße gar nicht gut zurechtgekommen. „Sie war ja in keinster Weise barrierefrei.“ Über Vermittlung seines Vermieters, der GSWB, hat das städtische Wohnungsamt ihm die Möglichkeit geboten, in die Einrichtung in Aigen zu übersiedeln. Die dortige Wohnung hat ihm sofort zugesagt. „Wir haben gemeinsame Aktivitäten, alle 14 Tage gibt es ein gemeinsames Mittagessen, außerdem Kaffeenachmittage und Spielegruppen. Aber ich führe meinen Haushalt selbst und kann meinen Tag gestalten, wie ich möchte.“ Privat, aber doch betreut zu sein, genießt Kurt sehr. „Ich brauche auf kein Amt mehr zu gehen, muss keine Behörde mehr aufsuchen. Das wird alles geregelt. Für mich ist das ein Segen, weil ich Angst habe. Mir wäre jahrelang die Sozialhilfe zugestanden, aber ich habe sie nicht ‚abgeholt‘ – Behördengänge waren mir immer ein Gräuel.“
Nun gibt es eine Betreuung, die viel für Kurt organisiert. Demnächst zum Beispiel muss er wieder für ein paar Tage ins Krankenhaus. „Die Überweisung dorthin hat mir ebenso unsere Betreuung organisiert wie den Transport ins Spital, da muss ich mich um nichts kümmern.“
Die Goethesiedlung fehlt Kurt kein bisschen. „Das Klima dort ist geprägt von Anonymität, aber auch von Alkohol und Streit, auf Dauer ist das nichts“, sagt er. So sehr die 16 Jahre in Itzling für ihn eine wichtige und letztlich auch gute Phase seines Lebens gewesen seien – nach den Jahren auf der Straße –, genieße er Aigen nun sehr. „Es leben viele sehr nette Menschen im Haus, wir unterstützen uns gegenseitig und die Atmosphäre ist gut.“
Dass Kurt das neue Zuhause so sehr gefällt, mag auch an Ingrid liegen, die ihn zu unserem Gespräch begleitet. Die beiden haben einander gleich nach Kurts Übersiedlung kennengelernt, Ingrid wohnt im selben Stockwerk, nur fünf Türen entfernt. Auch ihr Leben war ein hürdenreiches, nach einem schweren Gehirnschlag in jungen Jahren musste sie so gut wie alles neu lernen – essen, sprechen, gehen, ihre Hände gebrauchen, es war ein fünf Jahre dauernder, quälender Rehabilitationsprozess. Nun teilen die beiden schöne Momente, Ingrid unterstützt ihn im Haushalt und ihr grüner Daumen kümmert sich außerdem um die Blumen- und Pflanzenpracht auf Kurts Balkon.
Obwohl Kurt sein neues Zuhause sehr genießt und zudem viele Wege mit dem Rollstuhl mühsamer zu bewältigen sind als früher zu Fuß – unterwegs ist er nach wie vor sehr viel. „Ich kann nicht den ganzen Tag in den eigenen vier Wänden sein, das konnte ich nie. Leider sind in Aigen viele Gehsteige schlecht beisammen und überhaupt nicht rollstuhlgerecht, aber ich schau schon, dass ich überall hinkomme.“ Wenn er draußen ist, gehört das Beobachten der Tier- und Pflanzenwelt zu Kurts Lieblingsbeschäftigungen. „Vielleicht kommt das noch aus meiner Zeit ohne Wohnung. Da habe ich ja sehr viel im Wald geschlafen und gelernt, auf die Natur zu hören.“
Vor allem in der kühleren, dunkleren Jahreshälfte liest Kurt viel. „Auf meinem E-Book sind mittlerweile 112 Bücher drauf“, erzählt er nicht ohne Besitzerstolz. Warum er nicht ausleihe, etwa in der Stadtbibliothek, frage ich ihn. Das sei nicht sein Ding, lieber kaufe er die Titel, weil er sie dann besitze und immer wieder reinlesen könne, erklärt Kurt. „Und falls ich nochmals übersiedeln sollte, hat das E-Book den Vorteil, dass ich keine Bücherkisten schleppen muss.“
Ferngesehen wird auch, aber nur gezielt. Der Fernseher läuft nicht durch. „Salzburg heute“ sieht er regelmäßig und auch „Universum“ versäumt Kurt fast nie. Denn da geht es um die Natur oder das Weltall. Wie gesagt: Naturwissenschaften interessieren ihn sehr. Mehr noch als Geschichte.
Was dem 66-Jährigen wirklich fehlt, sind seine alten Bekannten und Freunde vom Europark, die er allesamt aus jener Zeit kennt, als er dort „Apropos“ verkaufte. „Die Kontakte sind leider lose geworden, mit einigen wenigen telefoniere ich noch ab und zu.“ Es waren liebgewonnene Menschen, die ihn auch über den Zeitungskauf hinweg in vielfältiger Weise unterstützt hätten, schildert Kurt. Doch die Übersiedlung und seine Beine hätten seine Verkaufstätigkeit in letzter Zeit verhindert.
Nun hat er fix vor, wieder anzufangen. Mit der S-Bahn könnte er ja gut zum Europark gelangen, doch leider ist der Bahnhof Aigen nicht rollstuhltauglich. Eine echte Hürde für Kurt. Und die Fahrt mit dem Obus ist wegen des Umsteigens am Hanuschplatz zumindest ebenso mühsam.
Doch es wäre nicht Kurt Mayer, wenn sich nicht auch in diesem Fall eine für ihn gute Lösung finden ließe. Er lässt sich nicht unterkriegen, sein Glas ist halbvoll. Es geht ihm gut und er ist zufrieden. Weil er das Leben anlächelt, nach wie vor.