„Menschen brauchen einen Plan B, einen Fluchtweg“
Seit 2022 ist assistierter Suizid in Österreich gesetzlich erlaubt. Das Sterbeverfügungsgesetz wirft auch neue Fragen auf: Was bedeutet Selbstbestimmung am Lebensende? Und was kann Palliative Care leisten, bevor aus einem Sterbewunsch eine unumkehrbare Entscheidung wird? Stefan Lorenzl kennt diese Themen aus seiner täglichen Arbeit. Der Neurologe und Palliativmediziner leitet das Institut für Palliative Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg und begleitet seit vielen Jahren Menschen mit schweren, fortschreitenden Erkrankungen. Im Interview spricht Lorenzl über die Kraft von Nähe und Vertrauen und darüber, weshalb gute Palliative Care nicht bedeutet, Menschen vom assistierten Suizid abzubringen.
Titelinterview mit Stefan Lorenzl
von Sandra Bernhofer
Wie geht unsere Gesellschaft mit Menschen um, die an der Schwelle des Lebens stehen? Schauen wir genug hin – oder eher weg?
Stefan Lorenzl: Wir können heute entscheiden, welches Auto wir fahren, wo wir wohnen. Beim Tod scheint diese Selbstbestimmung lange nicht möglich gewesen zu sein. Und genau davor haben viele Menschen Angst. Wenn ich vor 20 Jahren ein Zimmer betreten habe, war es für viele Patient:innen, als käme der Tod persönlich zur Tür herein. Es hieß: „Ist es schon so weit?“ Heute ist Palliative Care weniger angstbesetzt, weil die Menschen wissen: Es gibt Möglichkeiten, Beschwerden zu lindern und das Lebensende bewusst mitzugestalten. Ich habe den Eindruck, dass das gute Sterben in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren wieder stärker in den Fokus gerückt ist. Und wir einen immer gesünderen und offeneren Blick darauf entwickeln.
Als Palliativmediziner erleben Sie Menschen oft an einem Punkt, an dem alles aussichtslos erscheint. Wie häufig begegnen Ihnen Menschen mit einem Sterbewunsch?
Stefan Lorenzl: Immer wieder. Gerade bei Tumorerkrankungen oder neurologischen Erkrankungen. Manche Menschen äußern diesen Wunsch bereits früh im Krankheitsverlauf, oft aus Angst vor dem, was auf sie zukommt. Sie haben beispielsweise im Internet gelesen, dass sie irgendwann ersticken könnten. Andere fürchten einen Zustand völliger Abhängigkeit, wenn die Krankheit fortschreitet.
Wenn ein Mensch zu Ihnen sagt: „Ich möchte nicht mehr leben“ – was tun Sie als Erstes?
Stefan Lorenzl: Einen solchen Wunsch muss man immer ernst nehmen. Für mich ist er zunächst Zeichen einer großen Krise, in der dieser Mensch jemanden braucht, der zuhört. Und ich bin froh, wenn jemand offen mit mir spricht, denn es zeigt, dass Vertrauen da ist. Dann versuchen wir, die Sorgen konkret zu benennen und Lösungen zu finden. Zum Beispiel, indem wir die Versorgung so organisieren, dass sich der Mensch wieder sicherer fühlt und auch die Angehörigen...