Medizin und mehr für wirklich alle

Ärztliche Grundversorgung für jene Menschen, die sonst keine hätten: Dieser lang gehegte Wunsch vieler sozialer Organisationen ging vor eineinhalb Jahren in der Virgilambulanz in Salzburg-Parsch in Erfüllung. Dass das Angebot für die Patienten deutlich weiter reicht als bis zum Arzneischrank, macht die Einrichtung doppelt wertvoll.

von Wilhelm Ortmayr

Was lange währt, wird (beziehungsweise wurde) endlich gut. Schon kurz nachdem 2014 der Virgilbus ins Leben gerufen wurde und Menschen ohne Sozialversicherung, darunter vielen Wohnungslosen, erstmals ein gewisses Maß an gesundheitlicher Versorgung ermöglichte, entstand der Wunsch nach einer Virgilambulanz – einer festen Einrichtung mit ausgedehnteren Öffnungszeiten, die Betreuung und Versorgung bieten kann.

Ein Ambulatorium benötigt Räume, es muss gut ausgestattet sein, es braucht angestelltes ärztliches und pflegerisches Personal. Das alles kostet Geld und muss geplant, verhandelt und koordiniert werden. Im August 2024 hatten Land, Stadt, SAGES und ÖGK (als Geldgeber) in Zusammenarbeit mit der Caritas und dank vieler (großer und kleiner) Spender das Kind dann endlich geboren – die Virgilambulanz konnte in der Gaisbergstraße 27 in Betrieb gehen.

Medizin, Pflege, Sozialarbeit – so kurz lässt sich zusammenfassen, was die Virgilambulanz bietet. Denn in diesen drei Begriffen steckt das Besondere der Einrichtung. Es gibt nicht nur ärztliche Hilfe, sondern weit breitere Unterstützung. „Wir sind ein multiprofessionelles Team aus Sozialarbeit, Pflege und Medizin“, erklärt Felix Wanger, der die Ambulanz organisatorisch leitet. Er ist Sozialarbeiter und daher gewohnt, die Menschen ganzheitlich zu sehen.

Tatsächlich tragen viele der mehr als 400 Menschen, die allein im ersten Jahr in die Virgilambulanz gekommen sind, eine durchaus komplexe Geschichte mit sich, sei es gesundheitlich, psychisch oder von ihrer Lebensführung her. Aus medizinischer Sicht liegt oftmals schon eine Chronifizierung von Erkrankungsbildern vor, nicht selten benötigen die Klienten auch sozialarbeiterische Unterstützung und werden von der Virgilambulanz erstmals mit anderen Trägern in Kontakt gebracht, die ihnen weiterhelfen können. „Daher sind wir immer zu dritt im Dienst, das ist unser Grundprinzip“, sagt Winfried Köhler, der ärztliche Leiter.

Seine Patienten in der Virgilambulanz sind bunt gemischt: Armutsmigranten und -migrantinnen, Notreisende, Haftentlassene oder Personen, die keine Versicherung haben, weil sie vorher im Ausland gelebt haben und hier erst wieder Fuß fassen müssen. Andere wiederum befinden sich in einem Übergang oder konnten es aus ihrer psychischen Verfasstheit heraus nicht schaffen, in ein Sozialversicherungsverhältnis zu kommen. „Es suchen uns aber auch ausländische Studenten auf, die sich nicht um eine Versicherung bemüht haben oder zu kurz da sind“, erzählt der Allgemeinmediziner.

Doch einige der Patienten der Virgilambulanz sind sehr wohl sozialversichert. Dass sie kommen, sei trotzdem völlig in Ordnung, betonen Wanger und Köhler. Manche Personen, die versichert sind, schaffen die Schwelle in eine normale Versorgung einfach nicht, sei es, weil sie sich im Gesundheitssystem nicht auskennen, sich nicht durchnavigieren können oder weil andere Gründe einen „normalen“ Arztbesuch für sie unmöglich machen. „Wir haben Patienten, die aufgrund ihrer psychischen Ausgangssituation, etwa Angststörungen oder Depressionen, dazu nicht in der Lage sind. Für manche ist es extrem schwierig, Termine einzuhalten. Auch die Situation im Wartezimmer ist nicht für alle einfach.“

All diese Probleme fallen in der Virgilambulanz weg. Es gibt keine langen Wartezeiten. „Wir sind eine niederschwellige Einrichtung und können auf diese Menschen und ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen“, so Wanger. „Dazu sind wir da.“

In Sachen Ausstattung präsentiert sich die Virgilambulanz so komplett wie jede andere Ambulanz oder Praxis eines Allgemeinmediziners bis hin zu Ultraschall und EKG. Auch für Laboruntersuchungen und das Verabreichen von Infusionen ist man ausgerüstet. Das ermöglicht sowohl diagnostischen Tiefgang als auch die längerfristige Behandlung etwa chronisch kranker Patienten. „Je mehr wir machen können, ohne unsere Patienten in andere Praxen oder in Spitäler weiterschicken zu müssen, umso besser ist es für sie.“

Die Palette der Beschwerden, mit denen die Menschen in die Ambulanz kommen, ist extrem breit, selbst für einen „gestandenen“ Allgemeinmediziner wie Winfried Köhler. Da gibt es chronische Krankheiten, die lange Zeit übersehen wurden, chronische dermatologische Beschwerden, Harnwegsinfekte, Augenentzündungen, grippale Infekte, Brüche, äußere Verletzungen, aber durchaus auch brenzlige Sachen wie Lungenembolien.

Dass der Patienten- und Klientenkreis alle Altersgruppen und Nationalitäten umfasst, liegt auf der Hand. Sprachprobleme gibt es dennoch keine. Für Rumänisch gibt es eine Frau, die übersetzen kann, auch die vielen Dialekte. Das ist insofern von Bedeutung, als sehr viele rumänische Staatsbürger, die die Virgilambulanz aufsuchen, die rumänische Hochsprache kaum verstehen. Ein Arztkollege Köhlers, der in der Ambulanz mitarbeitet, spricht außerdem Arabisch, bei vielen anderen Sprachen helfen KI-gestützte Übersetzungsgeräte, mittels derer man zumindest in schriftlicher Form kommunizieren kann.

Und nicht zuletzt gibt es Menschen, die nur zum Sozialarbeiter kommen. Dabei geht es vor allem um „Schnittstellenmanagement“, wie Felix Wanger es bezeichnet. Es werden also Anlaufstellen kontaktiert und Klienten dorthin vermittelt. Jeder Fall sei Neuland, es gelte immer wieder, individuelle Wege zu finden und Netzwerke zu schaffen. Die Sozialarbeit in der Ambulanz unterstützt beispielsweise dabei, den Wiedereintritt ins Sozialversicherungssystem zu finden.

Speziell bei längeren oder chronischen Erkrankungen ist das Thema E-Card den Ärzten wirklich ein Anliegen. „Wir müssen die Patienten sonst ständig mit Medikamentenmustern versorgen, und wenn die nicht verfügbar sind, müsste die Caritas dafür aufkommen. Da wäre es uns aus Kostengründen lieber, wenn die Sozialarbeit drauf schaut, dass die Menschen in ein Sozialversicherungsverhältnis überführt werden können“, sagt Köhler.

Doch um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Geholfen wird in der Virgilambulanz jeder und jedem. „Die große Hilfsbereitschaft des medizinischen Sektors und vieler anderer Institutionen hilft uns sehr und erleichtert die rasche Hilfe bei dringenden Fällen“, betonen Köhler und Wanger. Die Liste der Unterstützer und Kooperationspartner reicht von Radiologie Mirabell (Dr. Kainberger), dem Labor Mustafa und der Borromäusapotheke bis zum Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, den SALK, dem UKH, den Blaulichtorganisationen sowie der Ärzte- und der Apothekerkammer.