Können wir Big Tech noch entkommen?
Der Ausstieg aus Meta, Microsoft und Co. wird immer mehr zur Illusion. Mit der KI als Beschleunigerin geht das Ringen um unsere digitale Unabhängigkeit in eine entscheidende Phase.
von Georg Wimmer
Angst vor Überwachung und Datenmissbrauch, Schutz der Gesundheit oder eine politische Haltung – es gibt viele Gründe, warum Menschen mit Microsoft, Google und Insta nichts mehr zu tun haben möchten. Auch die Salzburger Co-Working-Pionierin Romy Sigl hatte schon länger Bedenken. Das Fass zum Überlaufen brachte für sie der Fall von Nicolas Guillou. Das digitale Leben des Richters aus Frankreich wurde letzten August über Nacht ausgelöscht. Er kann keine Hotels mehr buchen, nicht mehr bei Amazon bestellen, nicht mehr mit Kreditkarte zahlen. Der Grund: Richter Guillou hatte am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für die Strafverfolgung von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu gestimmt. Was US-Präsident Trump nicht hinnehmen wollte. So landeten Guillou und sechs weitere Jurist:innen vom Internationalen Strafgerichtshof auf der Sanktionsliste der USA. Das bedeutete, dass amerikanische Firmen alle Verbindungen zu ihnen abbrechen mussten.
Besonders grotesk: Ein Zimmer in Paris, das Nicolas Guillou schon online gebucht hatte, wurde noch Stunden später storniert. Das zeigt, in welche Position die US-Tech-Giganten auf diesem Planeten gelangt sind. Weil praktisch jeder digitale Dienst irgendwo in der Kette Berührungspunkte mit US-Firmen hat, haben diese Macht über Einzelpersonen, Unternehmen oder ganze Länder.
„Ich war geschockt, als ich davon erfahren habe, und habe das gleich geshared“, erzählt Romy Sigl. Reaktionen bekam sie darauf kaum. Dann entschloss sie sich, aus Insta, Facebook und WhatsApp auszusteigen. Davor hatte sie täglich bis zu zehn Storys aus ihrem Privat- und Arbeitsleben mit der Welt geteilt. Unter dem Titel „Digitale Souveränität“ ist auf der Website von Co-Working Salzburg jetzt zu lesen: „Dieser Fall (Guillou, Anm.) macht sichtbar, wie verletzlich Freiheit ist, wenn zentrale digitale Infrastrukturen von wenigen Akteuren kontrolliert werden.“ Der Ausstieg aus Meta mit seinen Plattformen Insta, Facebook und WhatsApp ist kein leichter Schritt. Wie viele noch nötig wären, um echte „Souveränität“ zu erreichen, ist schwer abzuschätzen. In einem durch und durch digitalen Leben sind die Abhängigkeiten einer jeden Person von den Tech-Konzernen komplex wie ein Zauberwürfel.
Raus aus Insta ist ein erster Schritt
Auch für viele Regierungen war die Isolierung von Richter Guillou ein Weckruf. In Frank-reich muss jetzt jedes Ministerium einen Plan vorlegen, wie es bis Herbst das Ziel der digitalen Souveränität erreichen will. Doch geht das überhaupt? Was ist damit überhaupt gemeint? Geht es darum, keine amerikanischen IT-Produkte mehr zu kaufen? Muss meine Cloud auf einem europäischen Server liegen? (Womit die Frage des Datenschutzes noch nicht gelöst ist.) Welche Tasten muss ich drücken, wenn ich digital unabhängig werden will?
„Das hängt davon ab, welches Ziel man verfolgt“, sagt Frank Pallas, Professor an der Fakultät für digitale und analytische Wissenschaften der Universität Salzburg. Wer erwar-tet, dass Österreich alle Computerchips, die es braucht, selbst produziert, werde enttäuscht werden. Wenn es aber darum gehe, sich als Person oder Organisation unabhängiger zu machen, gibt es Alternativen. Für Frank Pallas ist digitale Souveränität weniger ein Ziel oder ein Zustand, sondern vielmehr eine Einstellung, die sich trainieren lässt.
Wer mit Microsoft Windows arbeitet, kann sich alle weiteren Schritte gleich sparen, ist Bernd Thomann überzeugt. Der Salzburger, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat schon vor vielen Jahren Workshops für verschlüsselte Kommunikation gehalten. Für Thomann ist Microsoft Ausdruck all dessen, was Abhängigkeit und Missbrauch mit Daten ausmacht. Dazu genießt Microsoft ein Monopol, das Behörden auf keinem anderen Markt tolerieren würden, seine Programme laufen in mehr als 90 Prozent der Büros in Deutschland. Wobei hier eine Unterscheidung wichtig ist: Denn einerseits gibt es das Betriebssystem Microsoft Windows, das alle weiteren Programme auf einem Computer verwaltet. Darüber hinaus gibt es das Schreibprogramm Word. Was vielen Nutzenden aber nicht bewusst ist: Mit der Installation der Programme akzeptieren sie die routinemäßige Übermittlung von Daten – einschließlich von besuchten Websites und verwendeten Apps – an Microsoft. „Die Einstellung ‚Erforderliche Diagnosedaten‘ lässt sich zwar reduzieren, aber nie ganz abschalten“, erklärt Bernd Thomann.
Ein unabhängiger Arbeitsplatz ist möglich
Die gute Nachricht: Zu Word gibt es eine Alternative. Das kostenlose Programm Libre Office ist sogar wie Word aufgebaut. Ähnliche Alternativen existieren für Excel und
PowerPoint. Mit Thunderbird ist auch ein freies E-Mail-Programm verfügbar. Im Büroalltag wäre also ein Umstieg möglich. In einigen Salzburger NGOs wie der Radiofabrik laufen diese Programme seit vielen Jahren ohne Probleme. Doch welcher Nicht-Computer-Freak würde sich so eine Umstellung zutrauen?
Noch entscheidender als die Office-Programme ist für die digitale Souveränität das Betriebssystem. Hier gibt es mit Linux eine Alternative, die laut Thomann auch Nicht-Profis installieren können. Unter Fachleuten, die beide Systeme kennen, gilt Linux sogar als sicherer und leichter zu warten als Windows. Vor allem aber: Linux ist ein Open-Source-Programm. Das heißt, jeder Quellcode ist öffentlich einsehbar. Jede Person kann nachschauen, wie das System funktioniert. Open Source bedeutet außerdem, dass Verbesserungen und Innovationen gemeinschaftlich entstehen.
Die schlechte Nachricht: Selbst Linux bietet keine Unabhängigkeit von Big Tech. Denn längst sind an Linux große Firmen beteiligt wie Intel, Google oder IBM. Die nutzen erfolgreiche Entwicklungsschritte von Linux, um sie auf ihre eigenen Produkte zu übertragen. Die Open-Source-Software bleibt aber kostenlos. Das Paradoxe daran: Linux funktioniert deshalb so gut, weil eben viel Kapital dahintersteckt und Weiterentwicklung möglich macht. Und das basierend auf Werten wie Transparenz, freier Verfügbarkeit und Gemeinnützigkeit.
Problem Cookies: Wir verschenken Infos über unser Verhalten
Die französische Regierung will nun alle Ministerien auf Linux und Libre Office umrüsten. Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein übersiedelte seit dem Jahr 2025 mehr als 30.000 Büro-Arbeitsplätze in der Verwaltung auf Open Source und gilt europaweit als Vorzeigebeispiel. Doch ein unabhängiger Arbeitsplatz ist das eine. Wer dann ins Internet geht, gerät sogleich ins Reich der Datenkraken, die Informationen absaugen, sammeln und analysieren und versuchen, uns zu manipulieren. Oder die Daten an die US-Behörden weitergeben müssen. Wie wir da wieder rauskommen?
„Gar nicht. Der Zug ist abgefahren“, befürchtet Hans-Christian Dobler, ein kritischer Web-Designer, der seit mehr als 30 Jahren im Salzburger Techno-Z eine Agentur für Online-Kommunikation führt. „Sobald wir ins Netz gehen, schenken wir viel zu viele Rechte her“, sagt Dobler und demonstriert das mit dem Besuch einer beliebigen kommerziellen Website, in diesem Fall von www.krone.at. Mit dem Aufpoppen der Startseite erscheint zugleich ein Fenster, in dem Nutzer:innen über die Verwendung von sogenannten Cookies entscheiden können. „Zustimmen und weiter“ heißt das Feld, das die allermeisten anklicken. Bei krone.at erteilen sie damit die Erlaubnis, dass ihr Verhalten über mehrere Websites verfolgt und analysiert werden darf, und zwar von 78 Unternehmen. Die detaillierte Liste erscheint auf den zweiten Klick: Amazon, booking.com, Google, Insta, Porsche AG, TikTok, YouTube … Alle diese Firmen werden unter anderem informiert, wenn die betreffende Person wieder auf krone.at vorbeischaut.
Warum sind wir so bequem?
Zu wenig Wissen und fehlendes Bewusstsein sind zwei Gründe, warum die Mehrheit der Menschen im Universum von Meta und Co. gefangen bleibt, vermutet Hans-Christian Dobler. In den allermeisten Fällen komme Bequemlichkeit dazu. Oft wollen wir die Dinge gar nicht durchschauen. In Diskussionen erklären ihm Bekannte, dass sie zum Beispiel eh nicht mehr in der Google-Cloud seien, sagt Dobler. „Doch über die Kontakte am Handy oder über den Kalender sind sie doch wieder mit Big Tech verbunden.“ Und bekommen gezielt Nachrichten auf Handy und Notebook gespielt. Im Hintergrund geben Elon Musk, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg vor, wie wir uns informieren, wie wir diskutieren, kommunizieren und was wir tun sollen.
Signal statt WhatsApp für die ganze Familie
Für die menschliche Kommunikation scheinen die großen Dienste unverzichtbar. WhatsApp ist einfach zu bedienen, verlässlich und alle haben es am Schirm. Das macht es noch schwerer, dass digitale Souveränität als Thema in der Mitte der Gesellschaft ankommt. In jeder Eltern- oder Sportgruppe stellt einmal jemand die Frage, ob nicht doch Signal oder Mattermost besser wäre. Nach 20 Sekunden ist das Thema wieder vom Tisch. Rüdiger Wassibauer beobachtet eine geradezu „skurrile Passivität“, die vorherrscht und ihn genauso betrifft. Wassibauer gründete vor vielen Jahren mit anderen die Schmiede Hallein, ein Festival für Medienkunst, Technologie und Gesellschaft, das junge Kunstschaffende aus der ganzen Welt anzieht. Das Thema digitale Souveränität schlägt hier regelmäßig auf. Die Kommunikation nach innen und außen läuft aber über gewohnte Kanäle. Mitunter beschweren sich Teilnehmende sogar, wenn auf dem Insta-Kanal der Schmiede zu wenig los ist. „Es wird immer wichtiger, dass man nicht überall dabei ist“, meint der künstlerische Leiter der Schmiede. Und es brauche wieder mehr Räume für richtige Begegnungen.
Wer die große Öffentlichkeit sucht, kann sie in den sozialen Medien finden. Der Preis dafür ist Getriebenheit, weil die technische Möglichkeit allein keine Reichweite bringt. Dafür braucht es freche Storys in hoher Frequenz. Was zu Müdigkeit führen kann. Bei den Follower:innen genauso wie bei jenen, die Inhalte produzieren. Seit Romy Sigl nicht mehr auf Insta ist, läuft ihr Coworking-Space besser denn je, berichtet sie. Jetzt habe sie endlich Zeit für die wichtigen Dinge. Für echte Begegnungen. Geschäftlich habe ihr die ganze Posterei ohnehin nichts gebracht. Über Insta hat sich im Laufe von 14 Jahren ein einziger Kunde bei Co-Working gemeldet. Doch genau darum geht es doch, im Privaten wie im Geschäftlichen, im Internet und im richtigen Leben: ums Finden und Gefundenwerden, ums Zusammenfinden.