„Ich habe 30 Jahre keine Vögel zwitschern gehört“
Aufhören kann Abschied bedeuten, Befreiung oder einen Neuanfang. Für Nicole Baïer, Filmemacherin, Künstlerin, Jugendcoachin und Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, hat das Wort noch eine ganz andere Dimension: Sie hat selbst aufgehört zu hören. Nach Jahren zunehmender Schwerhörigkeit war sie fast vollständig gehörlos, bevor sie 2019 ein Cochlea-Implantat* bekam. Im Gespräch mit Apropos erzählt sie, warum Loslassen Mut braucht, was uns am Aufhören hindert – und wie sie wieder hören lernte.
Titelinterview mit Nicole Baïer
von Monika Pink
Für Sie sind die Begriffe Aufhören und Hören eng miteinander verbunden – warum?
Nicole Baïer: Ich bin hörend geboren und aufgewachsen und bis ich 16 Jahre alt war, hat niemand bemerkt, wie schlecht ich höre. Erst als mein Schulkollege mir beim Schummeln etwas zugeflüstert hat und ich laut „Was?“ geschrien habe, hat man mich zum Ohrenarzt geschickt. Der hat mir gesagt, dass ich so gut höre wie eine 60-Jährige mit normalen Abnutzungserscheinungen. Der Hörverlust kam schleichend: Zuerst konnte ich in lauten Situationen sehr schwer verstehen, nach und nach verschwanden die höheren Töne, dann die Konsonanten. Aber ich konnte sehr gut Lippen lesen.
War eine Therapie möglich?
Nicole Baïer: Mit 20 Jahren habe ich Hörgeräte bekommen und sie gleich wieder weggepfeffert, weil ich meine eigene Stimme nicht erkannt habe. Ich habe sie nur ab und zu getragen und hatte sie meistens in der Tasche. Mit 27 kam ich nach Salzburg zum Studieren und da wurde mir eines Tages meine Tasche gestohlen – mit den Hörgeräten. Ich habe mir dann fünf Jahre keine neuen geholt, bis mein Nachbar gesagt hat: „Es reicht jetzt, wir halten es nicht mehr aus, wir fahren dich zum Akustiker!“
Das heißt, das Umfeld wurde aktiv … War die Situation nicht auch für Sie belastend?
Nicole Baïer: Ich war immer dabei, habe ganz viel einfach so mitgemacht und Lippen gelesen. Es gab einen Running Gag, weil ich einmal in einer Redaktionssitzung, als ich nichts verstanden habe, nachgefragt habe: „Was, Kreuzworträtsel?“. Ab dann hieß es immer: „Nicole, du hörst Kreuzworträtsel!“. Aber natürlich ist das schwerhörige Hören wahnsinnig anstrengend, es ist wie ein Lückentext, man hechelt immer so ein bisschen hinterher und fragt dauernd: „Was, was, was?“.
Kam dann ein neues Hörgerät und alles war gut?
Nicole Baïer: Der Prozess des Hörverlusts ging weiter, ich habe von heute aus betrachtet keine Idee mehr, wie ich das gemacht habe. Die Geräusche gingen verloren und dann gingen die Stimmen der Menschen langsam verloren. Ich...