„Ich bin eine typisch italienische Mama“

von Christine May

Herzlich begrüßt sie mich mit einem freundlichen Lächeln, das bis zu den Augen raufzieht. Ihr Gesicht ist mir spontan sympathisch. Es sieht nach Wärme aus, nach Güte, nach vielen, vielen Stunden, die es mit geliebten Menschen gesprochen und mit demselben ansteckenden Lachen gelacht hat, wie es das nun auch tut. „Ich bin eine typisch italienische Mama“, erzählt sie mir unter diesem Lachen, „ich möchte mich um jeden kümmern, frage nach: Hast du alles? Möchtest du etwas essen? Etwas trinken?“ Die bekannte italienische Fürsorglichkeit liegt Laura Palzenberger tatsächlich im Blut: Ihre Mutter aus dem Lungau und ihr Vater aus Florenz lernten sich beim Studium in Graz kennen. Zu einer Zeit, als es noch Telefonzellen gab, wollten sie beide gleichzeitig dieselbe verwenden, um zu Hause anzurufen. Eine schicksalhafte Begegnung, die eine glückliche Ehe und drei Töchter hervorbringen sollte: eine davon ist Laura.

Die Geschichte erzählt sie mir und rasch fühlt es sich an, als säße ich mit einer guten Freundin zum wöchentlichen Kaffeeklatsch zusammen. Die 51-Jährige schafft es in Windeseile, eine Atmosphäre der Vertrautheit herzustellen. „Ich habe sehr viel von meinen Großmüttern gelernt“, berichtet Laura weiter, „nicht nur richtig gut kochen und putzen, einen Haushalt führen, sondern auch viel über das Leben.“ Ihre Eltern eröffnen 1975 ihr erstes Lokal in Salzburg, die Pizzeria Camino. Es folgen zwei weitere, die Pizzeria Camino 2 und das Café Christine. Laura wächst viel bei ihren Großmüttern auf und verbringt ihre ersten Lebensjahre vornehmlich in Italien, ihre Hauptmuttersprache ist Italienisch. „Beide Großmütter haben mich sehr geprägt“, erzählt sie. „Sie waren beide starke Frauen, die ihren Mann früh verloren haben und mit vielen Kindern alleine zurechtkommen mussten. Die italienische Oma war eine richtige Nonna, wie man sie kennt, die Lungauer Oma wiederum eine typische Bäuerin mit Kopftuch.“ Streng sei sie gewesen, die Nonna, und gleichzeitig habe sie ihr den wichtigsten Wert für ihr Leben vermittelt: das Zusammenhalten mit den Liebsten. „Das ist etwas, was in der italienischen Kultur ganz stark verankert ist.“ Auch das Meer lernt Laura schon als Kind zu lieben, „ich mag das Meeresrauschen und plantsche so gern mit den Füßen im Wasser.“

Schon mit drei Jahren kellnerte die Halbitalienerin das erste Mal, berichtet sie lachend. „Hat’s geschmeckt?“, mimt sie nach, wie sie damals als kleines Kind wohl geklungen hat. Reichlich Trinkgeld gab es dafür, bald schon hatte sie sich das Geld für die heiß ersehnte Barbiepuppe zusammengespart. Der Gastronomie blieb die Halbitalienerin-Halbösterreicherin treu – auch wenn sie ursprünglich andere Pläne hatte. Nach der Matura beginnt sie, Publizistik und Jus zu studieren, mit dem großen Ziel, in die Führungsebene eines mittelgroßen Unternehmens aufzusteigen. Nach anderthalb Jahren Studium dann die Überraschung: Laura ist schwanger. Um ihren Sohn Patrick, den sie alleine aufziehen wird, zu ernähren, kehrt sie zum Kellnern in den elterlichen Betrieb zurück. „Das war schon eine Enttäuschung für mich, obwohl ich das Kellnern mag. Aber ich hatte ja andere Pläne. Für mich war das ein Punkt in meinem Leben, in dem ich innehalten und mich fragen musste: Was mache ich denn jetzt?“ In die Arbeit als Kellnerin findet sie durch ihren reichhaltigen Erfahrungsschatz rasch zurück. Ihren Buben verwöhnt Laura, ganz italienische Mama, nach allen Regeln der Kunst, bringt ihm jedoch auch alles bei, was sie selbst über das Leben gelernt hat, „er kann kochen und putzen!“ Der heute 27-Jährige arbeite nun seinerseits in der Gastronomie. Lauras Augen leuchten voller Stolz, wenn sie von dem jungen Mann, den sie mir auf einem Foto zeigt – er hat das sympathische Gesicht seiner Mutter geerbt –, berichtet.

Auch als ihr Vater stirbt und in der Folge die Lokale in Salzburg aufgelassen werden, arbeitet Laura weiter in der Gastronomie, findet rasch eine Stelle in einem anderen Lokal. Dann der zweite große Wendepunkt in ihrem Leben, wie er ihn für sehr viele Menschen bedeuten wird: Corona. Durch die Pandemie verliert Laura ihre Arbeit. Als sie vor Kummer weint, sind gerade rumänische Bekannte bei ihr zu Hause. In der Nähe des Hauptbahnhofs lebend, hat sie sie auf dem Weg zum Supermarkt kennengelernt und den drei Frauen die Möglichkeit gegeben, in ihrer Wohnung ihre Wäsche zu waschen und zu trocknen, sich zu duschen und mit einer heißen Tasse Tee aufzuwärmen. Ein Akt der Nächstenliebe, wie ihn wohl nur wenige tun würden. „Die Menschen aus Rumänien sind hier den ganzen Tag draußen, bei Wind und Wetter“, erzählt Laura, „ich möchte ihnen helfen. Durch mein Italienisch kann ich auch Rumänisch verstehen und sprechen.“ Als sie an diesem Nachmittag vor lauter Verzweiflung das Gesicht in den Händen vergräbt und zu weinen beginnt, legt ihr eine der Rumäninnen die Hand auf die Schulter. „Du kannst doch zu Apropos gehen“, sagt sie, „das geht auch jetzt bei Corona.“ Und tatsächlich: Die Verkäufer:innen von Apropos dürfen – unter Verwendung einer Maske – weiterhin verkaufen.

Laura fragt an. Sie bekommt rasch einen Verkäuferinnen-Ausweis und ist ab da mit den Zeitungen unterwegs. Das Verkaufen mache ihr Spaß, auch die kleinen Gespräche, die so mitunter entstehen. „Aber die vielen Ablehnungen sind hart. Auf einmal Ja kommen zehn Neins, das tut manchmal weh.“ Bei Apropos beginnt sie mit etwas, das sie schon in der Schule gern tat: Sie schreibt Kurzgeschichten und verarbeitet darin die Erfahrungen, die sie in ihrem Leben bereits gesammelt hat. „In Deutsch war ich immer schon gut“, erzählt sie, „und das, obwohl ich erst mit sieben richtig Deutsch gelernt habe.“ Auf die Erzählungen, die sie regelmäßig bei Apropos veröffentlicht, bekommt sie viele positive Rückmeldungen. „Das ist für mich immer eine große Freude.“ Zu Papier bringt sie die Geschichten von Hand auf demselben Tisch, an dem sie häufig Freunde und Familie empfängt und bekocht. Das Kochen für ihre Liebsten begleitet Laura schon ihr Leben lang, sie tut es gerne und viel. „Zeit füreinander zu haben, ist das schönste Geschenk“, sagt sie. Auch Yoga und Volleyballspielen zählen zu ihren Hobbys. Eines Tages möchte Laura Salzburg verlassen. Ihr großer Traum: auf einer kleinen Finca in Spanien am Meer leben und dort weiterschreiben. Und mit den Füßen im Wasser plantschen.