Heraus mit der Sprache!

Kommunikation findet in der Natur permanent statt. Aber nur selten in einer Sprache, die wir verstehen. Zeit, genauer hinzuhören. Denn wer versteht, wie Tiere und Pflanzen sich mitteilen, lernt auch, klüger mit ihnen umzugehen.

von Sandra Bernhofer 

Stellen Sie sich vor, Ihr Kaktus brüllt Sie an, weil Sie schon wieder vergessen haben, ihn zu gießen. Klingt abwegig? Vielleicht weniger, als Sie denken. Denn möglicherweise schreit er tatsächlich gerade. Sie können es nur nicht hören.

Wenn die Natur spricht, bleibt es für uns Menschen nämlich oft still. Denn wenn wir von Kommunikation reden, denken wir zunächst an das, was uns selbst auszeichnet: Laute, Worte, Sprache. Dabei teilen auch wir uns längst nicht nur auf der auditiven Ebene mit. Wir reagieren auf Blicke, Gesten, Berührungen, auf chemische Signale wie Pheromone. Kommunikation ist weit mehr als Sprache – und in der Tier- und Pflanzenwelt potenziert sich diese Vielfalt.

Es gibt hier zahlreiche Kommunikationskanäle, die außerhalb der menschlichen Wahrnehmung liegen. Unter der Rinde, zwischen Wurzeln, in der Luft läuft ein ständiger Informationsaustausch. Pflanzen sind dabei alles andere als passiv. Alte Bäume versorgen jüngere, sogar artübergreifend. Über das sogenannte Wood Wide Web – das weitverzweigte Netzwerk unter der Erde, das aus Wurzeln und Pilzgeflechten besteht – teilen sie Nährstoffe und Informationen. Wird etwa ein Blatt von einer Raupe angefressen, setzt der Baum gezielt chemische Duftstoffe frei, die durch die Luft zu benachbarten Gewächsen getragen werden, damit diese dank der Signale Abwehrstoffe produzieren können oder natürliche Feinde der Schädlinge zu Hilfe rufen.

Und auch auf akustischer Ebene sind Pflanzen erstaunlich aktiv: Für den Menschen unhörbar senden sie im Ultraschallbereich Klickgeräusche aus. Je mehr sie unter Stress stehen – etwa weil sie zu wenig Wasser bekommen –, desto häufiger treten diese Laute auf. Israelische Forscher:innen konnten vor einigen Jahren zeigen, dass Pflanzen auf diese Weise ihr Unwohlsein regelrecht in die Welt hinausschreien.

 Und auch Tiere nehmen diese Signale wahr: Für die Afrikanische Baumwollminiermotte etwa ist das richtige Zuhören eine Frage des Überlebens. Immerhin ist die Pflanze, auf der der weibliche Falter seine Eier ablegt, auch die Nahrungsquelle für die frisch geschlüpften Raupen. In der Studie legten die Motten ihre Eier bevorzugt in der Nähe stiller Pflanzen ab, also solcher, die keine Stresslaute aussendeten. Die Insekten scheinen zu verstehen, was die Pflanzen ihnen mitteilen: Bei mir geht es dir gut.

Kommunikation dient in der Natur also nicht nur der Verständigung, sondern auch dem Überleben. Besonders deutlich wird das bei sozialen Insekten wie Ameisen oder Bienen. Ihr wichtigstes Kommunikationsmittel sind chemische Botenstoffe. Mit Pheromonen markieren Ameisen Wege zu Futterquellen, alarmieren das Volk bei Gefahr oder signalisieren, wer zur Kolonie gehört und wer nicht. Bienen wiederum nutzen neben Duftstoffen auch eine beeindruckend präzise Bewegungssprache: den Schwänzeltanz. Mit ihm teilen sie ihren Artgenoss:innen mit, wo sich ergiebige Nahrungsquellen befinden, inklusive Richtung, Entfernung und Qualität. Ihr Tanz wird zur Landkarte.

Andere Tiere setzen vor allem auf visuelle Signale. Ein Pfau schlägt sein Rad nicht aus ästhetischen Gründen, sondern um Informationen zu senden: über Gesundheit, genetische Qualität und Fitness. Auch die leuchtenden Farben vieler Frösche, Fische oder Insekten sind keine bloße Zierde, sondern signalisieren Giftigkeit, Paarungsbereitschaft oder Revieransprüche. Wer diese Zeichen nicht lesen kann, riskiert schnell sein Leben. Oder verpasst eine Gelegenheit.

Besonders faszinierend sind Kommunikationsformen, die sich unserem Wahrnehmungsspektrum fast vollständig entziehen: Elefanten etwa verständigen sich über tieffrequente Infraschalllaute, die sich kilometerweit durch den Boden und die Luft ausbreiten. So können Herden auch über große Distanzen in Kontakt bleiben. Fische wiederum nutzen elektrische Felder, um sich zu orientieren, Artgenoss:innen zu erkennen oder Rival:innen einzuschüchtern.

All diese Beispiele zeigen, wie fein abgestimmt und zuverlässig Kommunikation in der Natur funktioniert. Solange die Rahmenbedingungen stimmen. Doch genau die werden zunehmend zum Problem: Menschliche Einflüsse greifen heute tief in diese Kommunikationssysteme ein. Lärm überdeckt akustische Signale, Lichtverschmutzung stört die nächtliche Orientierung von Zugvögeln oder sorgt dafür, dass Insekten um Lichtquellen tanzen, bis sie vor Erschöpfung zugrunde gehen. Pestizide und andere Chemikalien verfälschen Duftspuren, auf die viele Tiere angewiesen sind. Wer sich nicht mehr hört, riecht oder findet, verschwindet.

Warum dieses Wissen für uns Menschen relevant ist? Weil es unseren Blick auf die Welt verändert. Wenn Pflanzen Stress melden, lange bevor er sichtbar wird, eröffnet das neue Möglichkeiten für die Landwirtschaft: Felder könnten gezielter bewässert, Krankheiten früher erkannt, Chemikalien sparsamer eingesetzt werden. Auch im Naturschutz liefert das Wissen über tierische Kommunikationssysteme wichtige Hinweise darauf, wann Lebensräume aus dem Gleichgewicht geraten. Wer versteht, wie Tiere und Pflanzen miteinander und mit ihrer Umwelt kommunizieren, kann besser erkennen, wo Eingriffe notwendig sind – und wo Zurückhaltung angebracht wäre.

Vom Kaktus auf dem Fensterbrett werden wir weiterhin nicht hören, was er uns zuruft. Zuhören heißt hier vor allem: genau hinschauen.