„Es soll aufhören!“
Wann beginnt Gewalt und wie kann der erste Schritt heraus aussehen? Das Gewaltschutzzentrum Salzburg ist für alle Menschen da, die von häuslicher Gewalt, Stalking, Zwangsheirat oder anderen Formen der Beziehungsgewalt betroffen sind. Gewaltschutzberaterin Elisabeth Simm-Herzog erzählt von ihrer täglichen Arbeit, von Warnsignalen und warum Betroffene nicht warten sollten, bis die Situation eskaliert.
Interview mit Elisabeth Simm-Herzog
Wie sieht ein Arbeitstag im Gewaltschutzzentrum aus?
Elisabeth Simm-Herzog: Nehmen wir als Beispiel einen Montag. Am Morgen trifft sich das Beratungsteam zu einer ersten Besprechung: Was war am Wochenende los in Salzburg und Umgebung? Was ist passiert, und was hat die Polizei gemacht? Wir erfassen zuerst die Berichte, die uns die Polizei übermittelt hat. Heute sind es zum Beispiel zehn Betretungs- und Annäherungsverbote aus der Stadt und aus den Regionen, außerdem eine Meldung über eine „Beharrliche Verfolgung“ („Stalking“). Wir besprechen die Meldungen und nehmen eine Einschätzung der Gefahrenlage vor. Dann entscheiden wir, was bei der Kontaktaufnahme mit der gefährdeten Person wichtig sein könnte. Es geht darum, bereits beim ersten Telefonat Vertrauen aufzubauen, um weiterführend Beratung anbieten zu können.
Was passiert danach?
Elisabeth Simm-Herzog: Während eines 14-tägigen Betretungs- und Annäherungsverbotes besprechen wir mit unseren Klient:innen, welche weiteren Schutzmaßnahmen notwendig sind und wie wir sie einleiten können. Wir beraten allerdings nicht nur dann, wenn es bereits zu einer Anzeige gekommen ist oder die Polizei eingeschritten ist. Jedes Beratungsgespräch, auch mit allen, die sich von selbst bei uns melden, führt zu einer Gefährlichkeitseinschätzung und wir klären, welche weiteren Schritte nötig sein könnten, um mehr Sicherheit zu erreichen.
Kann ich mich auch ans Gewaltschutzzentrum wenden, wenn noch gar nichts passiert ist?
Elisabeth Simm-Herzog: Ja, und das kann besonders wichtig sein. Es gibt viele Menschen, die von selbst anrufen bei uns, weil sie sich beraten möchten zum Schutz vor Gewalt oder weil sie sich für eine andere Person, die von Gewalt bedroht ist, informieren wollen. Manchmal ist ein „ungutes Gefühl“ und die Frage „Ist das schon Gewalt, was ich erlebe?“ eine gute Signalgeberin. Auch dann können wir gemeinsam hinschauen in der Beratung, die Gefahr zusammen abklären und entscheiden, welche Schutzschritte wichtig sein könnten. Frühzeitiges Hinschauen ist ein wichtiger erster Schutzschritt.
Werden Betroffene ans Gericht begleitet, wenn es zu einer Verhandlung kommt?
Elisabeth Simm-Herzog: Ja, das Gewaltschutzzentrum bietet allen Betroffenen von Gewalt, bei denen es zu einer Anzeige kommt, kostenlos Prozessbegleitung an. Wir informieren über den Ablauf des Strafverfahrens, begleiten zu Terminen bei Polizei und Gericht, unterstützen bei Kontakten mit Behörden und beauftragen gegebenenfalls eine kostenlose Rechtsvertretung als Opfervertretung im Strafprozess. Unser Ziel ist es, Sicherheit zu geben, Ängste zu nehmen und den Weg zu erleichtern.
Was raten Sie Personen, die von Gewalt betroffen sind?
Elisabeth Simm-Herzog: Gewalt lässt Menschen oft in Einsamkeit, Verlorenheit und Geheimhaltung erstarren und dann kann es ein erster Schritt sein, in einem vertraulichen Rahmen darüber zu sprechen. Niemand muss mit der Gewalterfahrung und der Angst allein bleiben, weder in einer Beziehung noch nach einer Trennung. Wer betroffen ist oder eine Person kennt, die Unterstützung braucht, sollte sich frühzeitig Unterstützung holen. „Gewalt ist keine Liebe – wir bieten Perspektiven und Veränderung“ – das ist der Leitsatz, den wir vertreten.
Warum ist frühzeitige Beratung so wichtig?
Elisabeth Simm-Herzog: Fast täglich lesen wir in den Medien von erschreckender Gewalt und davon, dass trotz aller gesetzlichen Verbesserungen und menschlichen Bemühungen Gefahren unentdeckt blieben und Gewalt nicht verhindert werden konnte. Umso wichtiger ist es, hinzuschauen. Eine frühzeitige Beratung und die gute Zusammenarbeit zwischen Gewaltschutzzentren, Polizei, Gericht und weiteren Einrichtungen können oft ein Fortschreiten der Gewalt verhindern.
Woran erkennen Sie, dass Ihre Arbeit etwas bewirkt?
Elisabeth Simm-Herzog: Wir erfahren es immer wieder aus unseren Follow-up-Kontakten mit Klient:innen, die wir vor längerer Zeit begleitet haben und denen es gelang, die Gewaltspirale zu beenden und sicherer weiterzuleben. Viele dieser Kontakte, die wir einige Monate nach Ende eines Beratungsverlaufes noch einmal herstellen, um zu erfragen, ob und wie sich eine schwierige und gefahrvolle Lebenssituation verändert hat, geben mir auch nach 27 Jahren als Gewaltschutzberaterin Motivation und Mut, weiterzumachen.