Es ist, wie es ist, sagt das Leben
von Karolin Brauer
Emil Geamanu war ab Ende letzten Jahres für einige Wochen bei seiner Familie im rumänischen Dorf Micești. Deshalb wurde dieses Interview bereits im Dezember geführt. Heute verkauft Emil Geamanu wieder an seinem Verkaufsplatz beim Spar in der Morzger Straße.
Es ist Anfang Dezember. Schnee gibt es noch nicht, aber der Winter ist eindeutig angekommen. Ich stopfe meine Hände tiefer in meine Taschen. Es ist kalt, meine Schritte werden schneller und ich bin froh, gleich im Hotel Auersperg zu sein, wo ich zu einem Treffen mit dem Apropos-Verkäufer Emil Geamanu verabredet bin. Dass meine kalten Hände nur ein Luxusproblem sind, wird mir klar, noch bevor das Gespräch überhaupt beginnt. Der Alltag von Emil Geamanu funktioniert nach anderen Regeln als meiner. Das ist nicht weiter überraschend. Aber wie oft mache ich mir Gedanken darüber, was das mit einem Menschen macht?
Bei frostkalten Nächten ist ein Schlafplatz in der Notschlafstelle der Caritas keine Frage von Bequemlichkeit, sondern eine existenzielle. Unsere Dolmetscherin telefoniert, als ich ankomme. Die Betten sind knapp – gemessen an dem tatsächlichen Bedarf in Salzburg. Und wer nicht bis zu einer bestimmten Uhrzeit vor Ort ist, hat keine Chance auf einen Platz. Unser Termin liegt dafür recht spät, sodass die Dolmetscherin zunächst versucht, telefonisch um eine Ausnahme zu bitten. Doch da lässt sich nichts machen. Abwarten und hoffen und sehen, was passiert. Das ist der Plan. Ob das für Emil in Ordnung ist, ist schwer zu sagen. Er selbst bleibt ruhig, lässt sich äußerlich nichts anmerken.
Wir beginnen das Gespräch und schnell stelle ich fest, dass sich die äußerliche Ruhe durch unser ganzes Interview zieht. Emil ist nicht der Typ, der sich über etwas aufregt, das nur ein Vielleicht ist oder was er nicht ändern kann. Er lebt nicht im Konjunktiv, sondern konzentriert sich darauf, mit dem umzugehen, was ist. Ohne das Bedürfnis, Ereignisse oder Eventualitäten mit Worten groß- oder kleinzureden. Es ist, wie es ist. Und so wird dies ein Gespräch, bei dem die ungesagten Worte am Ende fast mehr erzählen als die, die ausgesprochen werden.
In Salzburg ist Emil seit neun oder zehn Jahren, so genau kann er das gar nicht sagen. Damals ist er mit einem Bekannten hergekommen und geblieben. „Ich mag Salzburg“, sagt er. „Hier ist es schön. Und die Menschen sind nett.“ An guten Tagen verkauft er 15 bis 20 Zeitungen, heute waren es zehn. Am Monatsanfang mit der neuen Ausgabe ist das Interesse natürlich größer. Danach sind zumindest die Stammkund:innen an seinem Verkaufsstandort beim Spar in der Morzger Straße versorgt. Er hilft den Kund:innen auch gern mit den Einkäufen. Manchmal ergeben sich dabei kleine Unterhaltungen, die er schätzt. Mit den anderen Apropos-Verkäufer:innen hat er einen guten Kontakt, sie sprechen sich zum Beispiel ab, wenn es um die Schlafplatzsuche geht. Oder sie treffen sich an den Tagen, an denen sie keine Zeitung verkaufen, um spazieren zu gehen oder in den Park. Doch da ist Emil selten und dann meist nur kurz dabei. „Ich bin am liebsten für mich. Ich habe gern meine Ruhe.“ Wenn es laut wird, zu viele Menschen zusammenkommen, dann fühlt er sich nicht wohl.
Eine Ausnahme macht Emil bei seiner Familie, die ist ihm sehr wichtig. Acht Geschwister sind sie. Und die Eltern. Sie leben alle noch in Micești in Rumänien oder ganz in der Nähe. Einige von ihnen sind zwischenzeitlich im Ausland unterwegs wie Emil. Wenn sie aber in der Heimat sind, kommen sie im Elternhaus zusammen. „Bei der Mama“, sagt Emil. Und das ist einer der seltenen Momente, in denen ein Lächeln über sein Gesicht huscht. Seine Mutter bedeutet ihm offenbar sehr viel. „Vor einem Jahr waren wir zu Weihnachten alle zu Hause. Auch da haben wir uns bei Mama getroffen.“ Die Geschwister waren vor Ort, mit ihren Familien, mit den Enkelkindern, Emils Nichten und Neffen. Zwischen 20 und 30 Personen seien es, wenn alle zusammenkommen. „Schön ist es, wenn wir gemeinsam Weihnachten feiern“, sagt er. Und wieder zeigt er sein seltenes Lächeln. Wie genau das Fest aussieht, darüber mag er keine Worte verlieren. „Wir reden“, sagt er. Und über den Alltag vor Ort erzählt er, dass das Vieh versorgt werden müsse Kühe, Schweine, ein Pferd.
Aber vor allem ist da die Mama. Zu ihr scheint Emil eine starke Bindung zu haben. Wie seine Mutter so ist, frage ich. „Sie ist ein guter Mensch“, antwortet er. Mehr nicht. All das, seine Familie, sein Zuhause in Rumänien, ist ihm sehr wichtig, das ist spürbar. Zu wichtig aber, um es mit fremden Menschen zu teilen. Zu anders vielleicht auch, als dass er Verständnis erwartet. Die Menschen in seiner Heimat sind sehr arm, die Lebensbedingungen hart. Ins Detail geht er nicht und Jammern liegt ihm nicht. „Die Menschen sollen doch nicht Mitleid mit mir haben, nur damit ich mehr Zeitungen verkaufe.“
Sein Alltag in Salzburg ist eher ruhig. Emil ist ein gläubiger Mensch, geht regelmäßig in die Kirche. Dort habe er auch sehr nette Menschen kennengelernt. Schwester Franziska zum Beispiel. Sie hat er vor Jahren im Gottesdienst zum ersten Mal getroffen, seitdem sind sie in Kontakt. Oder die ältere Dame, die ihn manchmal unterstützt, im Notfall sogar mit einem Schlafplatz. Wofür er betet, frage ich. „Gesundheit“, sagt er, das sei das Wichtigste. Und er weiß, wovon er spricht, nicht nur, weil das Leben auf der Straße hart ist. Als Kind konnte Emil aufgrund gesundheitlicher Probleme als Einziger von den Geschwistern nicht in die Schule gehen. Gern hätte er wie sie lesen und schreiben und rechnen gelernt. Ob sie es ihm zu Hause vielleicht beigebracht hätten, will ich wissen. „Ja, sicher“, sagt er, aber danach gefragt habe er sie nie.
Das gesamte Gespräch über bleibt er verschlossen, zurückhaltend. Die Aufmerksamkeit scheint ihm unangenehm. Aber Emil ist auch keine Nuss, die ich knacken, kein Rätsel, das ich lösen muss. Ich durfte in ihm eine sehr bescheidene Person kennenlernen. Jemanden, der sehr vorsichtig mit Wünschen und Erwartungen und Ansprüchen ist. Und der einfach nicht alles nach außen trägt. Je mehr ich darüber nachdenke, finde ich seine Haltung konsequent und verständlich. Das muss man respektieren.
Zum Ende unseres Gesprächs frage ich ihn noch, ob er einen Wunsch hat, so kurz vor Weihnachten. Er überlegt kurz und sagt wieder nur: „Gesundheit.“ Und dass er weiter Geld durch den Verkauf der Zeitung verdienen kann. Und er möchte sich bedanken bei allen Menschen, die bei ihm das Apropos kaufen.
Dem möchte ich mich anschließen. Und hoffe, dass es – nicht nur – an diesem Abend noch geklappt hat mit dem Schlafplatz.