Die Zukunft ist nur ein Lächeln

von Erich Holfeld 

Am Beginn dieser Story stehen Sie, liebe Leserin, lieber Leser. Ohne Ihren Kauf von Apropos gäbe es diese Zeitschrift nicht und daher auch keinen Verkäufer, mit dem ich reden könnte. Daher zunächst ein großes Dankeschön an Sie. Menschen mit Herz lesen häufiger, das weiß ich als alter „Medienhase“ aus eigener Erfahrung. Aber nun zu meinem Gegenüber mit dem sehr klangvollen Namen: Bina Georgian Nicolae. Er ist 27 Jahre alt und kommt aus der rumänischen Stadt Pitesti, die geringfügig kleiner ist als Salzburg. Die Gegend, in der sie liegt, ist (historisch) die „Große Walachei“, eine Ecke Europas, in die sich Touristen kaum verirren. Und auch wirtschaftlich nicht gerade eine boomende Region.

Auch wenn ich selbst schon den Apropos-Vorgänger „Asfalter“ gekauft habe und treuer Kunde geblieben bin, so ehrlich muss ich sein, nicht jede(r) Verkäufer(in) war mir gleichermaßen sympathisch. Bei Herrn Nicolae war es Sympathie auf den ersten Blick. Er steht vor der BILLA-Filiale an der Ecke Moosstraße/René-Marcic-Straße, nicht weit von meiner Wohnung. Wir führen das Gespräch im angenehmen Ambiente des Hotels Auersperg.

Seit wann kommen Sie nach Österreich und war Salzburg Ihre erste Station?

Ich komme seit 2023 nach Salzburg und war weder zuvor noch zwischenzeitlich in einer anderen Stadt. Das hat damit zu tun, dass schon mein Onkel hier war und mir vorgeschwärmt hat. Für mich gibt es keine schönere Stadt.

Wie war Ihre Kindheit, erzählen Sie uns etwas über Ihre Familie.

Da gibt es nicht sehr viel zu erzählen. Mein Vater war Lagerarbeiter, durch seine schwere Arbeit musste er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Pension. Meine Mutter war und ist Hausfrau. Ich habe eine Schwester. Wir waren arm, aber nicht unglücklich. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Leute um uns herum auch nichts hatten. Aber unsere Eltern waren immer gut zu uns.

Was haben Sie gelernt, in welchem Beruf haben Sie begonnen?

Ich habe nur die Grundschule besucht, war auch kein guter Schüler. So habe ich sofort als Hilfsarbeiter begonnen. War immer wieder einmal arbeitslos und habe einfach sehr wenig verdient. Da habe ich, mit 19 Jahren, ein Mädchen kennengelernt. Das war in meiner tristen Situation eine sehr große Freude. Meine Freundin wurde bald schwanger und ich mit 20 zum ersten Mal Vater. Wir haben dann geheiratet und ein zweites Kind bekommen.

Dann war ja wenigstens privat alles gut, wenn Sie es beruflich schon so schwer hatten.

Leider nein, wir waren beide einfach zu jung. Die Ehe hat nicht lange gehalten, das war sehr traurig, die Trennung und alles.

Wie ist es dann weitergegangen?

Dann bin ich eben nach Salzburg aufgebrochen. Ich wollte, ich musste einfach irgendwo anders neu beginnen. Zuhause hätte mich meine Situation erdrückt. Ich hatte das Glück, Apropos verkaufen zu dürfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das hat mein Leben positiv verändert. Auch privat. Ich habe mit 26 wieder eine liebe junge Frau kennengelernt. Und mit ihr und unserem ein Jahr alten Sohn hoffe ich sehr, dass es uns gelingt, eine Familie zu werden, die zusammenhält, was immer auch kommt. Deshalb habe ich auch wieder geheiratet.

Das klingt ja ganz hoffnungsvoll und ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie das schaffen. Nicht ganz leicht allerdings. Die Entfernung zwischen Salzburg und Pitesti beträgt laut Google Maps 1.177 Kilometer. Wie oft sehen Sie da Frau und Kind?

Ja, das ist hart, aber ich muss einfach mindestens zwei oder, besser, drei Monate ununterbrochen hierbleiben, damit ich nicht wieder zu viel Geld für die Fahrtkosten ausgeben muss. Ich habe es geschafft, hier eine feste Unterkunft zu bekommen. Das gelingt nicht allen.

Sie sind zwar noch jung und schauen auch gesund aus. Aber auch wenn man jung ist, kann man einmal krank werden. Wie kommen Sie da zu einer ärztlichen Behandlung?

Da haben Sie einen wunden Punkt angesprochen. Ich und meine Kolleginnen und Kollegen sind deshalb so unendlich dankbar, dass es von der Caritas Salzburg die Virgil-Ambulanz gibt. Das möchte ich ganz groß herausstreichen! Was diese Menschen dort leisten, ist großartig, Gott segne sie. Ich weiß ja nicht, ob und wie es für mich in Salzburg weitergeht, aber ich möchte es schaffen, in eine eigene Krankenversicherung einzahlen zu können. Ich möchte niemandem zur Last fallen.

Wenn Sie da vor dem BILLA stehen, haben Sie je ein Problem mit der Marktleitung oder Kundinnen und Kunden gehabt?

Nein, Gott sei Dank, nie. Im Gegenteil, ich erlebe die Menschen hier als sehr freundlich. Vielleicht, weil sie glücklich sein dürfen, in einem so schönen Land, in einer so schönen Stadt und, im Großen und Ganzen, in Wohlstand leben zu dürfen.

APROPOS kommt ziemlich pünktlich zu Monatsbeginn heraus. Wirkt sich der Erscheinungstermin irgendwie auf den Verkauf aus? Und wie ist das Verhältnis „Stammkunden“ zu „Laufkunden“ bzw. Frauen zu Männern?

In den ersten zwei Wochen eines Monats verkaufe ich schon etwas besser, obwohl unsere Inhalte ja nicht tagesaktuelle Themen behandeln. Was die Käuferinnen und Käufer betrifft, schätze ich, dass etwa ein Drittel Stammkunden sind, wo es schon eine gewisse Verbindung gibt. Da weiß ich schon, wenn die Dame oder der Herr wieder aus dem Geschäft kommt, kauft man mir ein Exemplar ab. Was das Verhältnis Frauen zu Männern angeht, sind zwar die Damen in der Mehrzahl, es gehen ja auch mehr Frauen einkaufen, aber es kaufen gar nicht so wenige Männer Apropos. Das hätte ich am Anfang nicht geglaubt.

Wenn man, so wie ich, als rundum gut versorgter „Unruheständler“ einem jungen Mann gegenübersitzt, dann ist es ja nicht unverständlich, wenn man ihn fragt, wie er sich die Zukunft vorstellt, nachdem man selbst mehr Vergangenheit hat. Ich habe ihn das also gefragt, aber sofort bereut. Denn die Antwort war ein Lächeln. Aber eines, das bei ihm folgende Gedanken ausgelöst haben könnte: „Was fragst Du mich, alter ‚weißer‘ Mann? Meine Zukunft ist ein Leben von Tag zu Tag. Konstant ist bei mir nur die Ungewissheit, wie es weitergeht“.

Ich habe im Anschluss an das Interview mit einer Dame gesprochen, die bei uns vor allem Menschen aus Rumänien betreut. Sie meinte, der Hauptgrund für diese Schicksale sei der geringe Bildungsgrad. Aus Rumänien, immerhin ein EU-Land, kämen nicht selten faktische Analphabeten. Das zu verschweigen oder schönzuschreiben mag ich nicht. In APROPOS stehen Geschichten, die das Leben schreibt – und nicht PR-Profis (ich kann das sagen, denn ich war einer von denen).