Die unterschätzte Kunst des Aufhörens
Noch eine Mail. Noch ein Termin. Noch ein Jahr in diesem Job. Noch ein Versuch. Noch ein Gespräch. Noch schnell fertig werden. Und dann ist wirklich Schluss. Wir sind erstaunlich geübt darin, anzufangen und weiterzumachen. Das Neue bekommt Aufmerksamkeit, das Dranbleiben Anerkennung. Nur mit dem Ende tun wir uns oft schwer: Wir zögern es hinaus, reden es uns schön oder vermeiden es. Vielleicht liegt darin ein blinder Fleck unserer Zeit: Wir sind hervorragend darin, Möglichkeiten zu vermehren. Aber wie gut sind wir darin, sie auszuschließen?
Interview mit Sebastian Riedel-Endres
von Konstantia Url-Praher
Aufhören heißt, eine Entscheidung zu treffen, etwas nicht länger fortzuführen, nur weil es einmal richtig war. Und auszuhalten, dass offen bleibt, was danach kommt. „Auf-hören“ lässt sich auch als Einladung verstehen, wieder hinzuhören: wahrzunehmen, was sich verändert hat und wann es Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Was macht ein gutes Ende aus? Warum fällt uns das Aufhören so schwer? Und warum braucht es dafür manchmal mehr Mut als für einen Neuanfang? Darüber sprechen wir mit Sebastian Riedel-Endres, der sich beruflich und im Rahmen seiner Doktorarbeit mit Innovation und Exnovation im kirchlichen Kontext beschäftigt.
Was bedeutet Aufhören für Sie persönlich?
Sebastian Riedel-Endres: Aufhören ist ein Veränderungsprozess. Und Veränderung ist für die meisten Menschen – auch für mich – nicht immer angenehm. Es braucht Mut und Neugier auf das Neue. Oft kommen Zweifel, die einen eine Entscheidung bereuen lassen.
Dennoch war etwas da, das mich hat aufhören lassen: eine Vision, ein Ziel oder eine Krise. Wenn ich auf meine Biografie schaue, habe ich eine Art „Aufhör-Biografie“. Ich habe Öko-Energietechnik studiert und gearbeitet, bis ich irgendwann in einer Sinnkrise gemerkt habe: Ich muss aufhören und mich neu orientieren. Dann bin ich ins Priesterseminar eingetreten – ohne kirchlichen Hintergrund. Mein Vater hat mich darin bestärkt. Das ist, glaube ich, wichtig: Nur wenige Entscheidungen werden komplett allein getroffen. Ich bin dann nicht Priester geworden. Das Theologiestudium hat mich begeistert und neue Horizonte eröffnet. Später war ich im Seelsorgeamt tätig und habe parallel Soziale Innovation studiert. Dort bin ich schließlich auf das Thema Aufhören beziehungsweise Exnovation gestoßen.
Kann Neues überhaupt entstehen, wenn das Alte nicht aufhört?
Sebastian Riedel-Endres: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Innovation omnipräsent ist. Wir wollen Neues entwickeln, verbessern, beschleunigen. Doch wenn wir nur Neues hinzufügen, ohne Altes bewusst abzubauen, funktionieren Veränderungen oft nicht.
Genau hier kommt Exnovation ins Spiel: Während Innovation Neues hervorbringt, bezeichnet Exnovation das gezielte Beenden, Zurückbauen oder Abschaffen von Bestehendem. Denn Neues setzt sich nicht automatisch durch, nur weil es besser oder nachhaltiger ist. Das zeigt sich etwa im Verkehr: Wir haben längst zahlreiche Mobilitätsinnovationen und wissen, dass wir mehr Carsharing, Elektromobilität und öffentlichen Verkehr brauchen. Die Frage ist: Wie gelingt der Umstieg? Dafür müssen auch bestehende Strukturen und Routinen verändert werden: durch weniger Tankstellen oder Parkplätze. Erst dann entsteht Raum für neue Lösungen.
Exnovation bedeutet also nicht einfach, etwas wegzunehmen. Es geht um die bewusste Entscheidung, was nicht mehr weitergeführt werden soll. Das kann unbequem sein, weil an Bestehendem Interessen, Gewohnheiten und Investitionen hängen. Deshalb ist Aufhören auch eine politische Frage: Wer entscheidet, was bleiben darf und was aufhören muss?
Auch persönlich machen wir es oft umgekehrt: Wir beginnen etwas, nehmen noch etwas dazu, dann noch etwas und merken irgendwann: Hoppla, das geht sich nicht mehr aus. Innovation braucht Exnovation. Das Neue braucht nicht nur Raum, manchmal braucht es ein Ende des Alten.
Warum halten wir an Dingen fest, obwohl wir längst wissen, dass es Zeit wäre aufzuhören?
Sebastian Riedel-Endres: Es gibt das Aufhören als äußeres Phänomen und das Loslassen im Inneren. Man kann etwas beenden und trotzdem daran festhalten. Ich bin leidenschaftlicher Motorradfahrer, seit ich 16 Jahre alt bin. Irgendwann wollte ich aufhören. Die Argumente waren gut: Sicherheit, Nachhaltigkeit, ein einfacher Lebensstil. Und Motorräder bringen ja einiges mit: Helm, Kleidung, Zubehör. Also habe ich alles verkauft. Aber ich habe gemerkt: Ich hatte zwar aufgehört zu fahren, aber innerlich noch lange nicht losgelassen. Heute habe ich zwei Motorräder.
Wie viel Kopf braucht das Aufhören – und wie viel Bauchgefühl?
Sebastian Riedel-Endres: Beides ist wichtig. Um eine gute Entscheidung zu treffen, sollten wir unsere Optionen kennen – aber nicht auf die perfekte Lösung warten. Die gibt es ohnehin nicht. Wichtig ist, eine Entscheidung zu treffen und dann auch dazu zu stehen.
Was ich allerdings vermeiden würde: In einer Phase der Trostlosigkeit große Entscheidungen zu treffen. Solche Phasen gehen vorbei. Danach sieht manches schon wieder anders aus. Hilfreich kann es sein, sich Rat zu holen. Freunde, Coaches oder andere Menschen können helfen, die eigenen Motive und Zweifel zu sortieren. Die Entscheidung selbst kann einem aber keiner abnehmen.
Was macht für Sie ein gutes Ende aus?
Sebastian Riedel-Endres: Ein gutes Ende braucht Anerkennung. Wir sollten ein Ende auch als solches wahrnehmen und nicht sofort zum nächsten Punkt übergehen. Gerade weil wir so stark auf das Neue und das Weitergehen fokussiert sind, übersehen wir oft, dass auch im Aufhören etwas Wertvolles liegt.
Rituale können dabei helfen: ein Gespräch, ein Abschied, ein bewusst gesetzter Schlusspunkt. Enden müssen nicht immer groß inszeniert werden, aber sie dürfen Raum bekommen. Manchmal gehören sie sogar gefeiert.
Und nicht jedes Ende muss sofort einen neuen Anfang hervorbringen. Man darf etwas beenden, ohne schon genau zu wissen, was danach kommt. Für mich bedeutet gutes Aufhören deshalb: anerkennen, was war, loslassen, was nicht mehr weitergehen soll, und offen sein für das, was daraus entstehen kann.