Die helle Seite der Welt

Zwischen Kriegen, Klimakrise und Polit-Chaos gehen kleine Siege oft unter. Konstruktive journalistische Formate wie „Die Gute Woche“ zeigen, dass die Welt nicht nur schlechte Nachrichten schreibt – und dass gute nicht seicht sein müssen, sondern weiterbringen.

von Sandra Bernhofer

Wussten Sie, dass in Indien 118 Millionen Frauen regelmäßig Geld vom Staat bekommen – ein finanzieller Zuschuss, der ihnen mehr Unabhängigkeit und die Chance auf ein eigenständiges Leben schenkt? Oder dass Berlin bis 2040 die Bäume in der Stadt per Gesetz auf eine Million Stück erhöhen will, damit künftig im Schnitt alle 15 Meter ein Baum Schatten spendet? Und dass australische Haushalte dank des massiven Ausbaus der Solarenergie inzwischen jeden Tag mehrere Stunden lang Strom nutzen können, ohne dafür zu bezahlen?

Nein? Kein Wunder. Zwischen Krisen, Skandalen und Eilmeldungen gehen gute Nachrichten und konstruktive Geschichten schnell verloren. „Es gibt einfach so viele Missstände in der Welt, über die man sich aufregen kann und muss“, sagt Tom Schaffer, Chefredakteur des Onlinemagazins Moment.at, hinter dem als Herausgeber die österreichische Denkfabrik Momentum Institut steht. „Gleichzeitig wissen wir, dass wir als Menschheit ständig Fortschritte machen. Weil das aber meist langsam und beständig passiert, ist es nicht so sensationell und oft keine große Schlagzeile wert“, sagt er. Das Momentum Institut, das sich mit Themen wie Klimakrise, Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie befasst, stellt diese kleinen und großen Momente der Zuversicht jeden Samstag mit dem Newsletter „Die Gute Woche“ bewusst ins Rampenlicht.

Bitter nötig in Zeiten wie diesen, in denen man mit Scheußlichkeiten überflutet wird, sobald man eine Social-Media-App am Handy öffnet. „Aus der Sozialforschung wissen wir: Damit Menschen sich für eine bessere Welt einsetzen, ist es wichtig, dass sie nicht komplett hoffnungslos sind und wissen, dass sich wirklich etwas verbessern lässt“, erklärt Schaffer die Motivation hinter dem Newsletter. Auch wenn gute Nachrichten tatsächlich oft gar nicht so einfach zu finden seien: „Das liegt auch daran, dass ja auch wir als Medium einen medial vermittelten Blick auf die Welt haben. Wir können als kleine Redaktion allein nicht die ganze Welt im Blick behalten.“

Wer ständig nur mit Nachrichten konfrontiert ist, die Ohnmacht erzeugen, schaltet innerlich ab. Gleichzeitig schwindet das Vertrauen in die Medien. Diesen Trend bestätigen die Ergebnisse des Digital News Reports des Reuters Institute of Oxford der letzten Jahre. Der aktuelle Report zeigt, dass es in Österreich inzwischen 39 Prozent der Bevölkerung sind, die Nachrichten bewusst meiden. Und dabei vor allem junge Menschen. Hauptgründe: Nachrichten machen schlechte Laune (39 Prozent), die Informationsflut überfordert (31 Prozent), es gibt zu viele Berichte über Konflikte, Krieg und Politik (je rund 30 Prozent).

Eine Entwicklung, die nicht nur Medienhäuser vor Probleme stellt, weil der Nachwuchs gar nicht erst feste Nachrichtenroutinen entwickelt, sondern die auch der Gesellschaft schadet: Wer zu wenig über politische und gesellschaftliche Entwicklungen weiß, kann sich kaum informiert am demokratischen Prozess beteiligen. „Die guten Meldungen nicht aus den Augen zu verlieren, ist für uns nicht nur ein wichtiger Beitrag für ein realistischeres Bild der Welt. Es ist als Aufgabe des Journalismus genauso wichtig für eine gesunde und gerechte Demokratie, wie es das Aufdecken von Problemen auch ist“, ist der Moment.at-Chefredakteur überzeugt.

Schönfärberei sei freilich keine gute Idee. Es geht um Lösungsansätze. Und die zeigt der konstruktive Journalismus auf. Diese journalistische Strömung wurde im skandinavischen Raum von Journalist:innen wie Cathrine Gyldensted und Ulrik Haagerup geprägt. Sie ignoriert schlechte Nachrichten nicht, redet Probleme nicht klein. Denn Negatives muss auf den Tisch – sonst werden Medien schnell unglaubwürdig. Entscheidend ist, darüber hinaus zu schauen: Wer packt Probleme an? Wo geht es voran? Welche Lösungen zeichnen sich ab? Konstruktiver Journalismus zeigt die Seite der Wirklichkeit, die zwischen Krisen und Konflikten sonst untergeht – und entdeckt dort die kleinen Hoffnungsschimmer. Es geht beim konstruktiven Journalismus nicht um bloße „Good News“, sondern um handfeste Beispiele, die man prüfen kann und die Handlungsspielräume aufschließen. Hoffnung entsteht hier nicht durch Weglassen von Problemen, sondern durch ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen und Möglichkeiten.

Konstruktive journalistische Formate haben sich durchaus etabliert, auch im deutschsprachigen Raum: die Plattform bachrauf.org etwa, ein Gemeinschaftsprojekt von Journalist:innen und Fotograf:innen von FAZ bis taz, die hier ihre bereits andernorts veröffentlichten Geschichten zur Verfügung stellen, oder das österreichische Kollektiv relevant.news. Auch der Ansatz von Moment.at scheint sich zu bewähren, denn die Leserschaft der „Guten Woche“ wachse beständig, wie Chefredakteur Tom Schaffer erzählt. „Auch aus persönlichem Feedback hören wir: Die Leute sind gerade in diesen Zeiten froh darüber, dass wir ihnen helfen, die guten Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren.“ Ob es mehr gute Nachrichten im Journalismus bräuchte? „Wenn andere Medien den Wert von konstruktivem Journalismus erkennen, wäre das sicher gut“, sagt Schaffer. Gleichzeitig räumt er ein: „Unser bewusst gemeinnützig orientiertes Medium gibt es ja aus einem guten Grund: Die Logik kommerzieller, großer Medien im Besitz von reichen Menschen oder Konzernen wird gewisse Perspektiven und Notwendigkeiten immer vernachlässigen. Was dort als gute Nachricht verkauft wird, ist oft entpolitisiert, auf Einzelschicksale fokussiert oder aus unserer Sicht eine Mogelpackung. Es ändert die Welt nicht strukturell und fragt nicht: Wie verteilen wir Vermögen und Macht? Wer gewinnt am Fortschritt? Wer entscheidet, was ein Problem ist?“

Warum die Nachrichtenauswahl in Medien dennoch so stark dazu tendiert, sich auf Negatives zu konzentrieren? Weil es das Publikum am Ende offenbar doch so will, trotz gegenteiliger Beteuerungen, wie die beiden Psychologen Daniel Kahneman und Steven Pinker herausgefunden haben. Bad News treiben den Puls nach oben und fesseln. Dieser Negativitätsbias lässt sich evolutionsbiologisch einfach erklären. Stress und Aufregung erhöhen die Aufmerksamkeit. Und schützten unsere Vorfahr:innen vor Gefahren. Ein Mechanismus, der heute noch tief in uns steckt, auch wenn kein Säbelzahntiger hinter der nächsten Ecke lauert. „Im Negativen liegen eben oft auch die große Emotion und die große Neuigkeit begraben“, fasst Tom Schaffer vom Onlinemagazin Moment.at zusammen.