„Das Leben besteht doch vorwiegend aus Kurven“
Mit diesem Satz wird Gernot Candolini auf der Tafel vor der Christuskirche in der Schwarzstraße zitiert. Der Innsbrucker Labyrinthexperte war zu Gast in Salzburg. Er referierte über Mythos und Geschichte dieses uralten Menschheitssymbols und stellte zahlreiche beeindruckende Projekte vor. Inspiriert durch diesen Vortrag begab sich unsere Autorin auf eine Reise durch das Labyrinth beim Landeskrankenhaus Salzburg, das 2009 gegenüber der Johanneskirche eröffnet wurde und eines von Candolinis Lieblingslabyrinthen ist.
von Eva Daspelgruber
Ich stehe am Eingang und lese die Worte „Gehen: Mit meinen Erfahrungen, in meinem Tempo, Wandlung geschehen lassen“. Labyrinthe faszinieren die Menschheit schon seit langer Zeit. Funde gibt es weltweit – ob in einer finnischen Kirche, einem indischen Tempel oder im Stammeszeichen amerikanischer Ureinwohner:innen. Im Gegensatz zu den später entstandenen Irrgärten muss man den richtigen Weg nicht suchen, denn er ist bereits vorgegeben und führt zur Mitte und meist wieder zurück.
Von meinem Standort aus sehe ich nur wenige Meter entfernt das blumenförmige Zentrum des Labyrinths. Doch der direkte Weg ist nicht der richtige. Denn um ein Ziel zu erreichen, braucht es einen längeren Atem. Ich mache meine ersten Schritte auf dem mit Granitwürfeln gepflasterten Weg. Als sehr ungeduldiger Mensch ist das herausfordernd, aber ich habe mir vorgenommen, ihn ruhig und achtsam zu absolvieren. Ich frage mich, wie viele Menschen schon vor mir diesen Pfad gegangen sind und welche Erfahrungen sie hier gemacht und mitgenommen haben. Für Gernot Candolini symbolisiert ein Labyrinth den Weg eines Menschen durch das Leben. Er hat beobachtet, dass es auf jeden Menschen anders wirkt. Unterstützung für die einen, Inspiration für die anderen, auf der Suche nach der Bedeutung des eigenen Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen.
Die erste Wendung kommt und ich werde langsamer. Candolini sprach über diese Wendungen im Labyrinth, die symbolisch für die Wendungen im Leben stehen. Jetzt kommt eine große Biegung und ich werde schneller, bis mich die nächste Kurve wieder bremst. Ich bin alleine hier und entscheide mein Tempo selbst. Wie es wäre, diesen Weg mit anderen zu gehen, frage ich mich. Rücksicht nehmen, zusammenbleiben, warten. Der Labyrinthexperte erzählte von Schulklassen und einer Taufgesellschaft, die gemeinsam zur Mitte und zurück spazierten. Er selbst reist regelmäßig mit Gruppen nach Frankreich, zur Kathedrale von Chartres, dem aus seiner Sicht schönsten und kraftvollsten Ort der Erde, wo die Reisenden in den Genuss der Begehung des berühmten Labyrinths kommen.
Mein Weg geht weiter, ich blende die Umgebung aus und bin ganz bei mir. Ich gehe mal langsam, mal schneller, ab und zu bleibe ich auch kurz stehen. Interessant ist es, dem Ziel schon ganz nah zu sein und trotzdem dem Weg weiter zu folgen, der Mitte den Rücken zuzukehren, sich wieder davon zu entfernen. Jetzt weiß ich, was Labyrinthexperte und -bauer Candolini meint, wenn er sagt, er stellt sich immer ein Labyrinth vor, wenn er ein neues Projekt beginnt. Das hilft ihm dabei, mit aufkommenden Problemen umzugehen.
Ich erreiche die Mitte und es fühlt sich gut an im Zentrum. Ich lächle und verweile kurz, bevor ich mich wieder auf den Weg mache, der – obwohl schon gegangen – ein anderer sein wird. Es wäre verlockend, einfach wieder rauszugehen, aber auch der Weg zurück gehört dazu. Gernot Candolini findet genau diesen Rückweg wichtig, denn übertragen auf die Arbeitswelt markiert ein Projektabschluss nicht das Ende, sondern das Erreichte soll seiner Ansicht nach mit Leben und Liebe gefüllt werden.
Obwohl die Steine, auf denen ich gehe, die gleichen sind, fühlt es sich in umgekehrter Richtung anders an. Ich gehe langsamer und denke daran, welche Materialien für die verschlungenen Wege verwendet werden. Die Grundregel lautet, dass es einen Unterschied zwischen dem Weg und seiner Begrenzung geben muss. So erzählte Candolini von einem deutschen Förster, der vor rund 20 Jahren aufforsten musste und die Gelegenheit nutzte, mit den jungen Bäumen ein Labyrinth zu gestalten. Oder von einem Bürgerkriegsdenkmal in Peru, das als Labyrinth aus 22.000 Steinen gestaltet wurde, auf denen die Namen der Opfer stehen. Lichterlabyrinthe, ein Lavendel-Labyrinth als Geburtstagsgeschenk, ein Labyrinth aus 10.000 Tulpen nach der Pandemie, eines aus 3000 bemalten Büchern oder das Labyrinth in einer Stuttgarter Kirche aus Spiegelfliesen, die mit Wünschen beschriftet waren. Die letzten drei Labyrinthe wurden von der Salzburger Künstlerin Marianne Ewaldt gestaltet. In Salzburg gibt es sogar ein mobiles Labyrinth auf einer Lkw-Plane, das man sich bei der Katholischen Jugend ausleihen kann. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, der tiefe Sinn dahinter ist immer derselbe.
Ich erreiche den Ausgang, der zuvor noch der Eingang war, und setze mich noch eine Weile auf eine nahe gelegene Bank. In mir herrscht Ruhe, ein angenehmes Gefühl. Dann taucht die Frage auf, wie viele Labyrinthe es wohl gibt. Candolini, der 1994 sein erstes Labyrinth baute und seither von diesem Thema fasziniert ist, hat fast 50 in Europa und ein „Friedenslabyrinth“ in Israel gebaut. Auf seiner Website hat er alle ihm bekannten Labyrinthe Österreichs gesammelt und beschrieben. Der Autor mehrerer Bücher erzählte in seinem Vortrag auch von Labyrinthen in Nepal, in der Savanne von Afrika und an vielen anderen Orten. Er berichtete vom Labyrinth eines Hospizvereins und von Insassen der Justizanstalt für Jugendliche Gerasdorf, die meinten, dass das dortige Labyrinth der einzige Ort sei, an dem sie zur Ruhe kommen würden.
Es ist nun Zeit für mich, diesen magischen Ort zu verlassen. Ich spaziere noch zur Christuskirche, wo ein besonderes und untypisches Labyrinth von Pfarrer Tilmann Knopf und Gernot Candolini zu bewundern ist. Es ist kein klassisches Labyrinth, auch kein römisches oder gotisches und kein Irrgarten, hat also keine typische Form. Hier entstand bedingt durch den Standort ein „Durchgangslabyrinth“ mit der Einladung, in der Mitte kurz zu verweilen und dann weiterzugehen.
Meine letzte Labyrinthstation ist der Hauptbahnhof. Unzählige Male war ich schon hier, doch erst seit Candolinis Vortrag weiß ich, dass sich am Vorplatz ein Labyrinth befindet. Nach kurzer Suche finde ich es eingelassen in einen Stein. Wenn es hier etwas ruhiger wäre, könnte ich die Linien mit dem Finger nachzeichnen. Ein weiteres Salzburger Labyrinth gibt es am Kirchplatz in Gneis. Aber vielleicht entdeckt man ja noch anderswo ein Labyrinth und damit die Möglichkeit für das Nachempfinden des Lebensweges mit seinen Wendungen, Randerfahrungen und der Suche nach der Mitte.