„Altern ist eine Zumutung“
Autorin Stefanie Rabensteiner trifft ehemaligen Vertriebsleiter Hans Steininger
Ankommen und Abfahren. Kaum an einem anderen Ort kreuzen sich die Wege von so vielen unterschiedlichen Lebensbiografien wie am Bahnhof. Dass wir uns im Café Johann am Salzburger Hauptbahnhof treffen, könnte für Hans Steininger nicht besser passen. Seit fast 20 Jahren begegnet er bei Apropos Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, nämlich jenen Menschen, die die Zeitungen auf den Straßen Salzburgs verkaufen.
Noch bevor er sich zu mir setzt, beginnt er zu erzählen. Anfangs klopft er immer wieder im Takt mit seinen Fingern auf den Tisch. Er scheint verwundert darüber, dass sich jemand für sein Leben und seine Geschichte interessieren sollte. Aber schon nach den ersten Minuten wird klar: Hans hat einiges zu erzählen. Über die Arbeit mit seinen „Schäfchen“, seine Schwierigkeiten mit dem Älterwerden und darüber, was man als spätberufener Vater noch so alles lernen kann.
Hans Steininger ist gebürtiger Oberösterreicher und arbeitete lange Zeit als Texter und Konzeptionist in der Werbung. Nachdem die damalige Firma zusperrte, war er auf der Suche nach einem neuen Job. Er habe sich bei diversen Werbeagenturen beworben und insgeheim jedes Mal gehofft, dass ihn niemand einstelle, erzählt er mir. Durch Zufall stieß er auf ein Inserat von Apropos. Freitags hatte er das Bewerbungsgespräch, am darauffolgenden Montag die Jobzusage. Wenn es um seine Arbeit geht, wirkt er bescheiden und reflektiert: „Ich habe die Verkäufer:innen betreut und die Zeitungen an sie verkauft. Das ist keine übermäßig große Arbeit“, sagt er. Dass er die Arbeit mit seinen „Schäfchen“, wie er sie nennt, und dem Apropos-Team schätzt und liebt, merkt man vor allem daran, wie er von ihnen spricht.
Als Hans von der Werbung zu Apropos gekommen sei, habe er, wie er heute selbstironisch sagt, geglaubt, er sei ein Heiliger und werde die Welt retten und alle glücklich machen. Er habe aber schnell bemerkt, dass er beim Umgang mit den Verkäufer:innen noch einiges lernen müsse, erzählt er. Insbesondere Georg Aigner habe ihn dabei tatkräftig unterstützt. Denn: „Bis man einmal diese Art von Leben kapiert, dauert es Jahre.“ Wie er mit den oft tragischen Lebensgeschichten der Menschen umgehe, frage ich ihn. Nicht die Abgrenzung sei der Schlüssel, sondern das Hereinlassen.
Wenn er von den Beschwerdeanrufen erzählt, muss er selbst ein wenig lachen. Die Aufklärungsarbeit war ein wichtiger Teil seiner Aufgaben bei Apropos, damit die Käufer:innen ein Verständnis für das Leben der Apropos-Verkäufer:innen bekommen. Neben dem Vertrieb schrieb er für mehr als zehn Jahre die Seite 5, also ein kurzes Apropos zum Heftthema. Die Seite 5 ist ausgiebig Thema unseres Gesprächs und das Aufhören des Schreibens hat für ihn einen ambivalenten Nachgeschmack. Einerseits habe ihn das Schreiben am Schluss eher gequält, trotzdem war er traurig. „Ein Abschied mit Schmerz, das ist etwas Würdiges“, sagt er.
Seit 2018 ist Hans Steininger eigentlich in Pension. Ganz losgelassen hat ihn die Arbeit aber nie. Einmal pro Woche für vier Stunden arbeitet er noch. In der Pension bestehe vor allem die Gefahr, dass man verblöde und es keine Reibungspunkte mehr gebe. Und diesen Austausch, die unterschiedlichen Meinungen und das gemeinsame Finden eines Konsenses nimmt Hans als Luxus bei Apropos wahr.
Was er an den restlichen Tagen macht, frage ich ihn. Lesen, Rad fahren, spazieren gehen und in gediegener Weise nichts tun. „Ich kann stundenlang in der Gegend herumschauen. Ich habe keinen Tätigkeitsstress“, antwortet er. Bei seinem Büchergeschmack bleiben wir ein wenig hängen. Gute Bücher sind für ihn jene, die er auch über die Müdigkeit hinaus weiterlesen will. Krimis liest er gerne, insbesondere die Millennium-Trilogie von Larsson hat ihn sehr begeistert. Jetzt sei er noch auf der Suche nach fesselnden Büchern.
Sein Leben, bevor er nach Salzburg gekommen ist, hat Hans Steininger lieber in einer sicheren Truhe verschlossen. Er habe einige Fehler gemacht, Chancen nicht ergriffen. „Ich habe immer wieder mal Glück gebraucht“, erzählt er. Daraus ist ein wichtiger Erziehungssatz für seinen Sohn entstanden: „Du musst so leben, dass du möglichst wenig Glück brauchst.“ Apropos Sohn: Hans wurde erst mit 48 Jahren Vater. Und wenn er von seinem Sohn und seiner Bonus-Tochter spricht, dann glänzen seine Augen und der Stolz in seiner Stimme ist kaum zu überhören. Kinder seien nämlich das wirksamste Selbsterfahrungsseminar, meint Hans.
Ein Thema lässt uns das gesamte Gespräch nicht los: das Älterwerden. Damit kann Hans nur schwer umgehen. Nicht nur die Diskrepanz zwischen Geist und Körper nimmt er bei sich wahr, sondern am meisten sorgt er sich darum, das Leben seines Sohnes nicht mehr mitzuerleben. Altern sei eine Zumutung, die er trotzdem versuche zu akzeptieren, obwohl das Ende des Lebens für ihn keine schöne Aussicht ist. Den Druck des Körpers habe er auch beim Rauchen bemerkt. Hans war 50 Jahre Genussraucher. Nur sein Körper sei vernünftiger als er und habe ihm gezeigt, dass nun Schluss sei. „Am 12. Februar dieses Jahres war mir abends so dermaßen schwindlig. Am nächsten Tag zünde ich mir eine Zigarette an und plötzlich fährt die Welt wieder Karussell.“ Da habe er ausreichend Panik bekommen und alle Zigaretten vernichtet, erzählt er mir.
Wie mit dem Rauchen will er auch mit Apropos Ende des Jahres Schluss machen. Ob er das wirklich ernst meint, frage ich ihn. Und er sagt mit einer gewissen Wehmut: „Irgendwann ist es genug. Dann muss ich mir halt etwas einfallen lassen, damit ich trotzdem nicht verblöde.“