Alles für die Familie
Autorin Laura Anninger trifft Verkäufer Octavian-Florin Păcuraru
Am Beginn des Gesprächs antwortet er in kurzen Sätzen. Den Blick hat er leicht nach unten gerichtet, die Hände über dem rechten Knie verschränkt. Doch fragt man ihn nach den Menschen, die ihm im Leben am wichtigsten sind, dann öffnet er sein Gesicht wie den Bühnenvorhang in einem Theater.
Das Wort Familienmensch scheint erfunden worden zu sein für Menschen wie Octavian-Florin Păcuraru. Er ist Ehemann, dreifacher Vater und Großvater, Onkel, Bruder und Sohn. Als er das erste Mal Papa wurde, mit 18 Jahren, überstiegen Glücksgefühl und Freude die Sorgen um ein Vielfaches, erzählt er. Der Großteil seiner Familie lebt heute in Păuleasca, einem 1.200-Einwohner-Dorf in der Großen Walachei, in dem auch er aufwuchs. Seine älteste Tochter hat selbst zwei Kinder, die jüngste ist noch unverheiratet. Octavian, seine Frau Măriuca und sein Sohn sind fast 1.300 Kilometer von der Familie entfernt. Nach Hause zu fahren, wie sie es kurz vor Silvester taten, bedeutet für sie, einen Tag und eine Nacht mit anderen Menschen in einem Bus oder Auto zu verbringen.
Octavian würde gerne helfen, seine Enkel großzuziehen. Er würde ihnen gerne dabei zusehen, wie sie lachen und toben, ihnen dabei in die Gesichter sehen. Leben ohne Kinder, sagt Octavian, das sei nicht wertvoll. Warum ist er dann auf der Welt? Doch gerade ist die Realität für drei Familienmitglieder, dass sie für ihre Liebsten da sind, indem sie nicht bei ihnen sind. Ihnen zu helfen, bedeutet, jeden Tag zu arbeiten, nachts zu schlafen und sich in den zeitlichen Lücken hinter einem Handybildschirm zu versammeln und verschwommene Gesichter über Videotelefonie zu sehen. Manchmal weint der zwei Jahre alte Enkel aus Trennungsschmerz von Papa, Opa und Oma, und danach haben drei Generationen ein schweres Herz, erzählt Octavian. Er ist sehr dankbar, dass es in der Caritas-Notschlafstelle WLAN gibt.
Eine Frage macht ihm Sorgen: Wie kann ich meiner Familie eine gute Zukunft bieten? Der 41-Jährige wurde als dreizehntes von sechzehn Kindern geboren. Vier seiner Brüder leben mit einer Behinderung. Auf Fotos, die Octavian auf seinem Handy zeigt, flankieren sie seine Mutter auf einer schlichten Sitzbank. Die Familie ist groß, alle müssen genug zu essen haben. Deshalb bedeutet Kindheit für Octavian auch Arbeit. Alle, die können, arbeiten. Sie binden Besen, suchen und sammeln Metall, um es zu verkaufen, helfen den Kleinbauern im Dorf, ihr Vieh zu versorgen.
Mehr als drei Jahrzehnte später steht Octavian auf den Salzburger Straßen, Apropos-Hefte in der Hand. Oft kommen Menschen auf ihn zu, fragen, hören zu, fragen, was er braucht. Das tut seiner Seele gut, sagt er. Doch solche Momente stehen nicht allein. Auf viele gute Begegnungen folgen schlechte. Menschen, die ihn abschätzig ansehen, ihm schwere Blicke zuwerfen. Die ihm sagen, er solle arbeiten gehen, er sei ja jung und gesund genug. Diese Blicke und Kommentare, die sind schwer zu ertragen. Sie bedrücken sein Herz, sagt Octavian.
Er will arbeiten, er arbeitet gerne, betont er, und um das zu untermalen, öffnet er die Galerie auf seinem Handy und zeigt Fotos: seine Frau sitzend auf einem Feld, vor einem mannshohen Berg Fisolen. Da waren sie gemeinsam als Saisonarbeiter in Frankreich. 23 Jahre sind Măriuca und er bereits zusammen, sagt Octavian und wischt zum nächsten Foto: ein großer, grauer Innenraum mit frischem Estrich am Boden, aus der Zeit, als er als Hilfsarbeiter auf deutschen Baustellen arbeitete. Ein solcher Job brachte ihn auch nach Salzburg, er hatte ihn immer monatsweise, so viele, dass sie sich am Ende auf sechs Jahre summierten. Eines Tages verstarb der Bauunternehmer und Octavian erhielt keinen Anruf mehr.
Nicht arbeiten zu können, ist sehr schwer, erzählt er, denn er will arbeiten, was genau, ist ihm nicht wichtig. Es gibt keine schlechten Jobs, sagt er. Bei wie vielen Firmen er angefragt hat, weiß er nicht mehr. Die Rückmeldung ist meist dieselbe. Um bei ihnen anzufangen, muss er ausreichend Deutsch verstehen und sprechen können. Nur wie soll er die Sprache lernen, wenn seine Energie und Zeit begrenzt sind? Wenn jede Stunde eine Möglichkeit eröffnet, ein paar Euro zu verdienen, die er nach Hause schicken wird, mit denen seine Mutter Essen kaufen und seine älteste Tochter sparen kann, um ihre beiden Töchter zur Schule zu schicken? Er selbst war sechs Jahre an der Schule, sagt Octavian. Seine Kinder aber haben die neunjährige Pflichtschule abgeschlossen, alle drei. Für die weitere Bildung im Gymnasium reichte das Geld nicht.
Er ist dankbar, sagt Octavian: den Öster-reicher:innen, den Salzburgern, den Menschen, die bei Apropos und der Caritas arbeiten. Ihnen allen wünscht er, dass es ihnen immer gut geht. Fragt man ihn, ob er sich auch etwas von den Menschen in Österreich wünscht, dann schweigt er. Keine Antwort ist auch eine Antwort, befindet die Übersetzerin. Die Menschen hier, ergänzt Octavian dann, helfen ihm, weiterzumachen und seiner Familie Geld schicken zu können. Wenn er sich etwas für sich selbst wünschen könnte, dann wäre das: Arbeit. Eine mit geregelten Arbeitszeiten,
in der er nach acht bis zehn Stunden zur Ruhe kommen kann.
Draußen zu verkaufen, bei jedem Wetter, jeden Tag, sich die Schlafräume mit anderen Menschen zu teilen, das laugt ihn aus. Vor allem, wenn es kalt ist. Dann spürt er etwas, das vor neun Jahren passierte. Damals war er in einem Waldstück unweit seines Dorfes und zerkleinerte Holz, da rutschte er ab und schnitt sich mit einer alten Motorsäge in die Nase und den Kiefer. Zum Glück war er nicht allein. Seine Kinder brachten ihn zurück. Nach einem Monat waren die Fleischwunden verheilt. Seitdem hört er schlecht am rechten Ohr und eine daumenlange Narbe zieht sich über die rechte Seite seines Kinns. Ist es kalt, fühlt sich seine rechte Gesichtshälfte taub und eisig an und sein Gaumen schmerzt.
Vor dem Unfall war seine Frau Măriuca Gott sehr nah. Aber seit neun Jahren, da glaubt auch Octavian. Das Erlebnis und die Tatsache, dass er noch lebt, zeigten ihm, dass er da ist und auf ihn aufpasst, sagt er. Außerdem falle ihm das Leben mit Gott auch leichter. Seitdem dankt er ihm jeden Morgen nach dem Aufstehen dafür, dass er wieder aufstehen darf, und bittet Gott, auf seine Familie aufzupassen. Măriuca und er haben einen Vertrag mit ihm und seitdem hat er sich immer daran gehalten.
Während des Treffens ruft Octavians älteste Tochter an. Wahrscheinlich braucht sie seine Unterstützung, sagt er, während er milde lächelnd dem Handy beim Klingeln zusieht. Als die leeren Kaffeehäferl am Tisch stehen und die Abschiedsworte gesprochen sind, bedankt er sich, mit der rechten Hand am Herzen. Dann greift er in seine Tasche, zu seinem Handy, und ruft zurück, kaum ist er aus der Tür.