Wohlwollend in die Tiefe wachsen
Frühe Beziehungserfahrungen verästeln sich weit über die Kindheit hinaus in unser Leben – in Verhaltensmustern, im Nervensystem oder in der Art, wie wir uns selbst begegnen. Traumatherapeutin Verena König erklärt im Apropos-Gespräch, warum belastende Muster ursprünglich sinnvolle Anpassungsleistungen waren, weshalb korrigierende Erfahrungen wichtig sind und wie nachhaltige Veränderung gelingen kann.
Titelinterview mit Traumatherapeutin Verena König
von Chefredakteurin Michaela Gründler
Frau König, unser Schwerpunkt-Thema lautet: Verästelungen. Ist für Sie der Mensch verästelt?
Verena König: Wenn wir unser Gehirn anschauen, sind die neuronalen Netzwerke wie feine Verästelungen. Da gibt es tief geprägte Erfahrungen, die zu Verhaltensmustern führen, und davon abzweigend viele kleine Äste, die neue Möglichkeiten eröffnen.
Wie verästeln sich Wunden in die eigene Biografie hinein?
Verena König: Wenn eine Wunde nicht heilen kann, weil sie so tief ist, dass sie Jahrzehnte schmerzt, entwickeln viele von uns Anpassungsleistungen und Überlebensstrategien. Wir versuchen klarzukommen, indem wir verdrängen oder uns so verhalten, dass wir sie möglichst wenig spüren. Statt davon wegzustreben, brauchen wir jedoch Raum, uns der Wunde zuzuwenden, um gesund weiterwachsen zu können.
Ist jede Wunde ein Trauma?
Verena König: Nein. Die traumatische Wunde zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie einen Menschen in seinem gesamten Lebensgefühl beeinträchtigt. Wenn jemand früh im Leben Trauma erfahren hat, vielleicht durch das Elternhaus, kennt er das Gefühl von Sicherheit nicht – was eine dauerhafte Aktivierung von Überlebensstrategien und Alarmzuständen bedeutet.
Kommt es vor, dass Menschen den Begriff Trauma nicht auf sich beziehen, weil sie denken: „So schlimm war es bei mir nicht, andere hatten es viel schwerer“?
Verena König: Wenn Menschen das Wort Trauma hören, denken sie landläufig erst mal an eine offensichtliche Katastrophe: Verkehrsunfall, Kriegsgebiet, plötzlicher Verlust, Vergewaltigung. Damit können sich wenige identifizieren. Aber Trauma ist ein Überbegriff für viele verschiedene Formen von Traumatisierung. Wenn sie verstehen, dass mangelnde Geborgenheit in der Kindheit, Schutzlosigkeit, Vernachlässigung oder Armut etwas Traumatisierendes sein können, verändert sich die Beziehung zu dem Begriff schnell. Dann werden Menschen ganz weich. Wo vorher ein „Nein, das ist zu groß für mich“ war, kommt dann: „Ach du liebe Zeit, ich bin ja wirklich verletzt und mir hat etwas Existenzielles gefehlt.“ Hier entsteht auf einmal Mitgefühl für sich selbst, was oft der Anfang eines Heilungswegs ist.
Gibt es eine Begegnung aus Ihrer Arbeit, die besonders gut zeigt, wie sich ein Trauma in einem Menschen verästeln kann?
Verena König: Eine meiner Klientinnen hat in ihrer frühen Kindheit viel Gewalt in der...