Ich bin allen hier dankbar. Schreiben Sie das bitte!

 

von Christina Repolust 

Ion Mateiu ist 58 Jahre alt, sein Herz ist groß, aber nicht gesund. Seit einigen Jahren leidet er an Diabetes, der Stress setzt ihm zu. Aber hier in Salzburg ist für ihn alles besser als in seiner Heimat Rumänien.

Ion Mateiu und ich kennen einander aus dem Deutschkurs. Er verbeugt sich wie gewohnt, jetzt kommt gleich der Handkuss und dann sein verschmitztes Lächeln, wenn er mich – wie jede Frau, die er trifft – „Prinzessin“ nennt. Zwischen Aufregung, Wiedersehensfreude und dem Wunsch, durch dieses Gespräch bekannter zu werden, pendelt der rumänische Straßenverkäufer ab der ersten Minute des Gesprächs. Es scheint, als müsse er sich selbst zuerst einmal „einfangen“, zur Ruhe kommen und das Beste geben für seine Ausführungen. „Ion, wir sprechen miteinander, Sie erzählen und ich höre zu, stelle die eine oder andere Frage.“ Ion lauscht der Übersetzung meiner Vorgaben und schüttelt unmerklich den Kopf. Er hat einen anderen Plan für die kommende Stunde.

„Ion, was machen Sie heuer im Sommer, bleiben Sie in Salzburg oder fahren Sie heim?“, lautet meine erste Frage. Locker und leicht soll sie sein, das Eis brechen. Ion sieht und hört das ganz anders, die Übersetzerin schmunzelt in sich hinein, als sie die Antwort übersetzt: „Zuerst möchte ich mich bei allen Menschen in Salzburg bedanken, sie sind immer freundlich zu mir. Auch danke ich allen Mitarbeiter:innen von Apropos. Danke, danke!“ Ich denke an den ORF-Journalisten Martin Thür mit seinem sehr höflichen „Das war jetzt aber nicht meine Frage!“. Bei ihm treten Politiker:innen auf, die ihre Botschaft loswerden wollen, bei mir sitzt Ion, auch er mit einer Botschaft, egal, wie die Frage lautet. Ob mir ein Martin-Thür-Anzug steht? 

Also versuchen wir es erneut: „Wie lange verkaufen Sie schon Apropos?“ Diese Frage passt jetzt! „Seit 2012 bin ich in Salzburg. Das sind meine Dokumente.“ Er zückt die Mappe mit den Dokumenten, damit er alles, was er hier erzählt, auch schwarz auf weiß belegen kann. Er ist aufgeregt in einer Mischung zwischen Freude, jetzt wieder einmal – endlich! – in der Zeitung vorzukommen, und der Anspannung, wirklich alles sagen und erzählen zu können. Nur wer sicher ist, sich sicher fühlt, hat die Ruhe, in ein Gespräch einzutauchen: Wer im Alltag meint, stets auf der Hut sein zu müssen, dem fällt es schwer, sich zu öffnen und auf Fragen einzulassen.

Wenn man das Adjektiv „aufgeräumt“ in all seinen Facetten personifizieren müsste, dann wäre das mit Ion perfekt: Er sitzt aufrecht-angespannt im gut sitzenden T-Shirt, stets auf der Hut, auf dem Sprung und mit seiner Dokumentenmappe top vorbereitet auf das, was ihn erwartet. Die Papiere in der abgegriffenen Mappe dokumentieren seinen Weg, ganz oben liegt sein erster Verkäuferausweis: „Habe ich von Hans Steininger bekommen. Er ist ein Vater, ein guter Mensch. Michaela Gründler ist eine gute Frau! Alle bei Apropos helfen uns Verkäufern. Alles Gute für sie alle! Danke, danke.“

Es ist ein Vertrauensbeweis, dass uns Ion seine Dokumentenmappe zum Durchblättern überlässt, jedes Dokument repräsentiert einen seiner Lebensabschnitte. „Ich bin kein Roma! Ich bin Rumäne! Hier ist mein Ausweis!“ Der Blick in seine Mappe berührt ihn selbst sehr: Oben liegt der alte Verkäuferausweis von Apropos, das zeigt seine Verbundenheit mit seiner „Salzburger Familie“, der Redaktion von Apropos. „Da! Schauen Sie bitte, schreiben Sie das, das müssen alle wissen: Ich habe 1989 gegen Ceausescu und sein Regime demonstriert. Ich war Teil dieser Protestbewegung. Ich war immer auf der Straße mit dabei. Bei diesen Demonstrationen mitzugehen, war gefährlich damals. Aber wir wollten, dass sich alles ändert. Keine Korruption mehr, ein gutes Leben für uns alle in Rumänien!“ Der „Beweis“ für seine damaligen politischen Aktivitäten, eine abgegriffene Urkunde, liegt zwischen uns am Tisch. Ich lese, die Übersetzerin unterstützt und Ion kommentiert die Lektüre: „Ich war dabei. Ich war immer ehrlich, ich habe gekämpft. Das ganze Leben lang habe ich gekämpft!“ – Abrupt erinnert sich mein Gegenüber an seine Kindheit: „Meine Mama war die beste Mutter für mich. Sie hat immer für mich gesorgt und war immer für mich da. Sie hat schwer gearbeitet und uns beide ernährt. Mama hat bei ARO gearbeitet, das war ein Werk, das Autos hergestellt hat. Ich musste nicht arbeiten als Kind und durfte sogar die Schule besuchen, zehn Jahre lang.“ Welchen Beruf er gelernt hat? „Elektrik, auch bei ARO, aber dann wurde ich arbeitslos. Es gab so viel Korruption in meiner Heimat.“ Wenn Ion von seiner Kindheit und Jugend erzählt, erzählt er von seiner „Mama“, Freunde erwähnt er nicht, auch keine Jugendstreiche, wohl aber sein Fahrrad, das ihm die Mama gekauft hat. Seine Enttäuschung darüber, dass er auch nach 1989 arbeitslos war bzw. blieb, ist ihm nach wie vor anzusehen: „Meine Hoffnungen waren groß. Aber es war alles umsonst, wir kleinen Leute müssen immer die Rechnung zahlen!“ Akribisch achtet Ion darauf, was und wie die Übersetzerin ihre Arbeit macht, sie soll ja nichts auslassen, er habe ja alle Beweise dabei. Ob ich sie nicht noch einmal ansehen möchte? Er sei ehrlich, alles sei hier dokumentiert, alle sollen das sehen! „Haben Sie Kinder?“ Diese Frage ist mein neuerlicher Versuch, in die Gegenwart zu gelangen, weg von den Dokumenten. 

„Ja, ich habe drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter! Der Sohn ist 36, die Töchter sind 33 und 30.“ Seine Frau sei die beste Frau der Welt, wie seine Mama, sie kümmert sich um die ganze Familie, sie ist zu Hause in Rumänien und hält die Familie zusammen. Ion kommen die Tränen: „Mein Herz gehört meiner Familie in Rumänien und meiner Familie hier, Hans und Michaela und allen anderen.“ Begriffe wie „Herz“, „Heimat“ und „Familie“ klingen bei ihm warm und so neu, als hätten sie Schlager und Parolen nicht bereits über alle Maßen abgenutzt. Passt der Begriff der kindlichen Seele zu diesem großen 58-jährigen Mann, der von seiner Mama, seinem Fahrrad, Michaela Gründler und von Hans (Steininger) im selben Tonfall – Empathie, Liebe, Dankbarkeit – erzählt? Was er sich wünscht? „Gesundheit für alle. Ich habe so viel Stress, das ist schlecht für mich. Aber ich mache weiter, ich bleibe hier, gebe nicht auf und verkaufe die Zeitung. Danke an meine Kunden. Können Sie das bitte schreiben?“