Unbekanntes Glück statt bekanntes Elend

 

Den gewohnten, sicheren Job aufgeben oder doch lieber alles beim Alten lassen? Wir haben bei einer ehemaligen Rechtsanwältin und einem bekannten Gastronomen nachgefragt, warum sie den Sprung ins Unbekannte gewagt haben. Weshalb unser Gehirn an Gewohntem festhält und wie Veränderung trotzdem gelingt.

von Michaela Hessenberger

Raus aus der Komfortzone und hinein ins Neue – diesen Schritt setzte Hanna Wagner für sich und ihre Familie. Die ausgebildete Rechtsanwältin hängte ihren anerkannten Job im Konzern an den Nagel und ging ins Network Marketing. Dieser berufliche Wechsel sorgte im Umfeld der Saalfeldenerin durchaus für hochgezogene Augenbrauen und kritische Fragen. Das Vorurteil vom „gefährlichen Schneeballsystem“ kann sie mittlerweile nicht mehr hören und sagt: „Fakt ist, dass Network Marketing sowohl in Österreich als auch in Deutschland legal ist. Schneeball- oder Pyramidensysteme hingegen sind Betrug und damit verboten.“ Bevor die Pinzgauerin sich für ihren Neuanfang entschied, prüfte sie das Unternehmen mit ihrem juristischen Blick genau. Wagner wollte kein Risiko eingehen.

Was sie hingegen sehr wohl wollte, war, ausreichend Zeit mit ihrer Familie und ihrem Baby zu verbringen. Seit gut zweieinhalb Jahren arbeitet sie nun im Network Marketing, baut ihr Mama-Business auf und hat ausreichend Zeit für ihre Tochter. Für die Ex-Rechtsanwältin ist ihr neues berufliches Umfeld der Ausweg aus jener Teilzeitfalle, in der viele Mütter landen. „Wir verkaufen nicht nur hie und da nette Produkte. Im Network können Frauen groß und erfolgreich werden“, sagt sie. Einsatz sei freilich gefragt – wie in jedem anderen Unternehmen auch.

In den vergangenen Monaten ist ihr bewusst geworden, wie stark dieser Wirtschaftszweig ist und wie sehr er wächst. Sie ist auch längst nicht die einzige Akademikerin, die auf den Direktvertrieb setzt. „Ich kenne eine Juristin, die nicht weit entfernt von mir dasselbe Mama-Business macht wie ich. Ansonsten kommen die Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Branchen und haben die unterschiedlichsten beruflichen Hintergründe“, berichtet sie. 

Eine Rückkehr in den Beruf als Anwältin schließt Hanna Wagner übrigens nicht aus. Vielleicht später einmal. „Da mein Geschäft vererbbar ist, könnte ich es meiner Tochter zu ihrem 18. Geburtstag überschreiben und selbst wieder als Anwältin arbeiten“, überlegt sie.

Veränderung braucht Bilder im Kopf

Doch woran merkt man, dass es beruflich Zeit für einen Neuanfang ist? „Ganz oft ist der Körper das Sprachrohr für notwendige Veränderungen“, sagt Gerald Ziegler. Erste Anzeichen seien häufig unscheinbar – Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder anhaltende Müdigkeit. Bleiben sie unbeachtet, können sie sich verstärken und im schlimmsten Fall bis zum Burn-out führen. Daneben gibt es emotionale Warnsignale. „Dazu zählen etwa eine anhaltende Unlust, zur Arbeit zu gehen, oder Angst in der Zusammenarbeit mit Vorgesetzten“, erklärt der Experte für Neuausrichtung. Auch diese Gefühle machten sich körperlich bemerkbar, etwa im Magen.

Dass viele Menschen dennoch lange an einer belastenden Situation festhalten, hat einen nachvollziehbaren Grund. „Der Körper strebt nach Kohärenz, also nach Ordnung und innerer Stabilität. Deshalb liebt unser Gehirn Routinen und Gewohnheiten. Und oft erscheint uns das bekannte Elend daher sicherer als das unbekannte Neue“, sagt Gerald Ziegler, der auch als „The Changemaker“ bekannt ist. Druck von außen – etwa finanzielle Verantwortung oder die Sorge um die Familie – erschwert Veränderungen zusätzlich. Entscheidend sei deshalb nicht, ob Druck vorhanden ist, sondern wie Menschen mit diesem umgehen.

„Veränderung wird möglich, wenn Menschen sich vorstellen können, dass es auch anders geht. Sobald wir ein inneres Bild entwickeln, erkennen wir neue Möglichkeiten“, sagt der Salzburger. Deshalb misst er Visionen und dem bewussten Blick nach vorne große Bedeutung bei. „Alles, was wir heute als selbstverständlich erleben, entstand zuerst in der Vorstellung eines Menschen. Deshalb können wir heute fliegen, Jeans tragen und ein iPhone in die Hosentasche stecken.“ Ziegler ermutigt, die eigenen Denkgrenzen zu erweitern und darauf zu vertrauen, dass eine berufliche oder private Neuorientierung nicht das Ende ist, sondern der Beginn eines neuen Kapitels sein kann.

„Machen, was wir wollen“

Die Erfahrung, dass ein Wechsel in vielen Belangen guttun kann, macht Phil Zezula in diesen Tagen. 15 Jahre lang hat er die „Academy“ in der Franz-Josef-Straße in der Stadt Salzburg geführt. Nun steht ein kompletter Wechsel für ihn an. Den „ganz großen Anlass“ für diese berufliche Veränderung gibt es nicht, betont er. Seine Entscheidung, Gewohntes zu verlassen und sowohl die Stadt als auch den Job zu wechseln, sei über einige Monate gereift und dann doch sehr schnell gefallen. „Ich habe gewusst, dass ich etwas anderes machen werde und dass es einfach Zeit ist“, sagt Zezula.

Was genau nun für ihn kommt? Jedenfalls ein Wechsel nach Wien mit Ende Oktober. Beruflich lässt er sich alle Möglichkeiten offen und schätzt die große Freiheit, die er sich selbst ermöglicht: „Manchmal ist es notwendig, etwas komplett abzuschließen, um überhaupt Raum zu schaffen für neue Leidenschaften.“