„Alle sind Freunde“
von Christoph Koca
Es ist ein sonniger Donnerstagnachmittag, als ich meinem Interviewpartner im Café des Hotel Auersperg zum ersten Mal begegne. „Titi“ nennt sich der Mann aus Rumänien und ich bin mir nicht sicher, ob das sein Vor- oder Nachname ist. In der kommenden Stunde wird mir der Mann, der auf mich wie ein typischer Zeitungsverkäufer wirkt – wobei ich eigentlich nicht sagen kann, wie ein „typischer“ Apropos-Verkäufer aussieht –, einen Einblick in seine Lebensrealität gewähren. Während unseres einstündigen Gesprächs frage ich mich immer wieder, ob ich ihn schon einmal gesehen habe und womöglich achtlos an ihm vorbeigegangen bin.
Wir nehmen vor dem Panoramafenster Platz, eine Dolmetscherin hilft beim Übersetzen. Titi wagt es während unseres Gesprächs kaum, mich anzusehen. Mir fallen rasch seine geschwollenen Füße auf, er hat einen fülligen Bauch, sein Gesicht ist rundlich, er hat braune Augen und sein Blick ist warm und herzlich. Auf seinem roten Kapperl lese ich: „Nur fliegen ist schöner“. Titi ist 48 Jahre alt und damit nur ein Jahr älter als ich. Er wurde in Giurgiu geboren, einer Kleinstadt mit etwa 50.000 Einwohner:innen, die ungefähr eine Autostunde von der Hauptstadt Bukarest entfernt liegt. Titi kann weder schreiben noch lesen. In seiner Kindheit arbeitete er als Stallbursche oder „Kuhkind“, wie er es nennt. In seiner Jugend habe er nicht immer das Richtige getan, gesteht er. Im Alter von zehn Jahren begann er damit, zu trinken und zu rauchen. Mit 19 Jahren heiratete er, die erste Tochter kam zur Welt. Danach wurde Titi sehr krank. Er verlor massiv an Gewicht, bis er völlig abgemagert war. Alles, was er aß, erbrach er wieder. Titi zeigt auf seinen heute kugelrunden Bauch. Die Ärzte in einem rumänischen Krankenhaus hatten ihn bereits aufgegeben. Sie meinten, er würde nicht überleben. Dann geschah etwas, das Titis Leben für immer verändern sollte. Sein Blick richtet sich nach oben, er hat zu Gott gefunden. Fortan änderte er seinen Lebensstil, Titi trinkt und raucht nicht mehr. Die Bibel hat er seitdem immer in seiner Nähe. Er ernährt sich gesund. Auch Cola oder Red Bull trinkt er nicht.
In seiner Heimatstadt baute er für sich und seine Familie ein Haus. Vier mal vier Meter ist die Behausung groß, darin leben er, seine Frau und die vier Kinder wie Sardinen. Kollegen haben ihm erzählt, dass das Leben in Salzburg besser sei, dass man hier viel mehr verdienen könnte. Vor neun Jahren kam er...