Der Schlapfendampfer von Itzling
Als moderne Drucktechnik den Handsatz aus den Druckereien verdrängte, endeten viele Holzlettern schlicht im Ofen. Bernhard Müller sammelt, was übrig geblieben ist, restauriert die alten Buchstaben und druckt damit einfach weiter.
von Sandra Bernhofer
Die Lettern sitzen fest im Rahmen, das Papier auf der gegenüberliegenden Seite der Maschine hat Bernhard Müller mit Malerkrepp in Position gebracht. Mit der Handrakel streicht er über die Platte, zieht einen bunten Regenbogenverlauf über die Buchstaben. Dann ein beherzter Stoß. Ein Tritt aufs Pedal. Im nächsten Moment pressen sich die Bleilettern mit drei Tonnen Druck pro Quadratzentimeter ins handgeschöpfte Samenpapier.
Wer sich an Bernhard Müllers Letterpress-Manufaktur wendet, sucht das Besondere. „Wir nehmen uns die Zeit, mit Liebe und Aufmerksamkeit fürs Detail etwas wirklich Einzigartiges von Hand zu produzieren“, erklärt der Drucker aus Leidenschaft. Ob Plakate in Kleinstauflage, Visitenkarten oder ausgefallene Hochzeitseinladungen – all das kommt aus dem Studio in Salzburg-Itzling. Die historischen Druckmaschinen bewältigen Papierstärken bis 1800 Gramm, machen Hochprägung über Positiv-negativ-Klischees möglich und lassen komplexe Farbkombinationen entstehen, wenn sich mehrere Druckvorgänge übereinanderlegen. Besondere Stückerl, an denen moderne Maschinen scheitern würden.
Der „Schlapfendampfer“, wie die Liberty Press auf gut Österreichisch genannt wird, hat seinen Weg über New York, Hamburg und eine ehemalige Salzburger Buchdruckerei in Müllers Werkstatt gefunden. Gut 2 bis 3 Millionen Mal muss sich die Maschine in den 170 Jahren, die es sie gibt, schon gedreht haben, hat er ausgerechnet. Daneben hat er noch alte Boston-Handtiegel, eine Phönix von 1890 aus Leipzig und eine Andruckpresse in Verwendung. Was aus ihnen hervorgeht, hat Charakter: Jeder Druck ist ein Unikat. „Der Farbauftrag ist nie gleich, auch die Holzmodel haben sich über die Jahrzehnte verzogen“, erklärt der Drucker. Ein Handwerk mit charmanten Fehlern, das gut in die moderne Welt passt: Eben hat eines von Müllers Plakaten seinen Weg auf ein Buchcover des Anton-Pustet-Verlags gefunden.
Bei Bernhard Müller, der eigentlich gelernter Fotograf ist, war die Faszination für Typografie immer da. Angefangen zu drucken hat er mit nur acht Buchstaben: Zum 100-Jahr-Dada-Jubiläum setzte Müller damit das Wort „Dada“ auf 48 internationale Zeitungen. Wenig später landeten sechs Kartons voller unsortierter Lettern aus einer aufgelösten Druckerei bei ihm. Inzwischen ist seine Sammlung auf 45 Bleisätze und 25 aus Birnenholz angewachsen. Die älteste Schrift, die Müller einsetzt, stammt aus dem Jahr 1790. Einfach sei es allerdings nicht, vollständige Sätze zu finden. „Vieles wurde in den 80er-Jahren schlicht verheizt“, sagt Müller. Als moderne Maschinen in die Druckereien einzogen, landeten unzählige Holzlettern im Ofen. Was heute noch existiert, taucht oft nur in zerpflückten Sätzen auf, die in kleinen Sets weiterverkauft werden. Auf Ebay werden einzelne Buchstaben mittlerweile für rund zehn Euro gehandelt. „Für unsere kleine Druckerei ist das eine hohe Summe.“ Wenn ein Zeichen fehlt, hilft sich Müller deshalb manchmal selbst – und bildet es im Bedarfsfall aus Linol nach.
In Österreich gibt es jedenfalls nur noch eine Handvoll Anbieter, die wie Müller per Hand drucken. „Es ist uns ein Anliegen, dieses Kulturgut zu erhalten, bevor es verloren geht“, erklärt er. Das Wissen um das Handwerk gibt er daher in öffentlichen Workshops weiter (der nächste am 6. Juni), genauso wie an Schulklassen und Studierende.
Übrigens: Bernhard Müller arbeitet nicht nur an Auftragswerken, sondern realisiert auch eigene künstlerische Projekte. Seine Plakatreihe zur Lyrikerin Friederike Mayröcker ist vom 6. bis 30. Mai in der Galerie Eboran zu sehen, mit einer Performance von Dorit Ehlers und Yoko Yagihara am 21. Mai. Parallel zeigt die Academy Salzburg ab 28. Mai seine politisch-unpolitischen Plakate.