„Du wirst eines Tages stolz sein“
Mit diesem kühnen Versprechen lockte Literatur-im-Nebel-Initiator Rudolf Scholten den Schriftsteller Salman Rushdie nach Heidenreichstein. Nun, 20 Jahre später, löst er es ein. Ein Gespräch über Weltliteratur im Waldviertel, Tiefgänge unter die Oberfläche und weshalb Kultur nicht alle erreicht.
Titelinterview mit Rudolf Scholten
von Michaela Gründler
Sie haben vor 20 Jahren mit Salman Rushdie den Reigen eröffnet für Literatur im Nebel und jetzt ist er neuerlich zu Gast. Wie ist es Ihnen damals gelungen, ihn nach Heidenreichstein zu holen?
Rudolf Scholten: Ich bin von einer hochgestellten Adresse in Berlin gebeten worden, ihn zu fragen, ob er zu Brechts Geburtstag in Berlin sprechen möchte. Ich habe ihn angerufen und wusste, dass ich ihn eigentlich für Literatur im Nebel einladen will, das wir gerade in der Neuplanung hatten. Er hat darauf gesagt: „Brechts Geburtstag in Berlin ist ja wahnsinnig viel Arbeit, da komme ich lieber nach Heidenreichstein.“ (lacht) Er war damals oft bei uns, weil er über Wien nach Amerika gereist ist, da er mit den großen europäischen Fluglinien nicht fliegen durfte. Ich hatte mit der Austrian vereinbart, dass sie ihn nach Amerika mitnehmen.
Dass er 20 Jahre später wiederkommt – war das ein bewusstes Konzept?
Rudolf Scholten: Bei einem 20-Jahr-Jubiläum gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man findet jemanden, der als Höhepunkt die Reihe rechtfertigt – was angesichts unserer bisherigen Gäste unmöglich und unhöflich allen anderen gegenüber gewesen wäre. Oder man löst ein Versprechen ein. Ich habe Salman vor 20 Jahren gesagt: „Du wirst eines Tages stolz sein, die Reihe derer angeführt zu haben, die wir vorhaben einzuladen.“ Das war natürlich ein bisschen vermessen, weil wir damals noch niemanden sonst eingeladen hatten. Wenn man sich die Liste heute anschaut, kann man sagen, es ist gelungen: Man kann stolz sein, wenn man diese Liste anführt.
Jorge Semprún, Margaret Atwood, J. M.
Coetzee oder Tsitsi Dangarembga – es ist beeindruckend, welche Weltliteraten bereits in Heidenreichstein waren. Wie ist die Idee zu diesem Gang in die Tiefe entstanden?
Rudolf Scholten: Ich würde es eher einen Gang unter die Oberfläche nennen. Ausgangspunkt war, dass es sehr viele literarische Veranstaltungen gibt, die eine Streuung anbieten, bei der man viele verschiedene Werke oder Künstler kennenlernt. Wir wollten das Gegenteil: Konzentration. Wenn jemand bei uns diese zwei Tage erlebt, hat er oder sie das Gefühl, das Werk des Hauptgastes wirklich profund kennengelernt zu haben. Unser Ziel war, zu zeigen, dass man etwas entlegen von der Großstadt machen kann, das in der Abgeschiedenheit sogar besser funktioniert. Man gewinnt Künstler:innen, die für die Stadt schwer zu bekommen wären, und man hat eine Konzentration des Publikums, die es in einer Stadt so nicht gibt. In der Halle sitzen 550 Menschen und es herrscht bis zum letzten Augenblick eine spürbare Aufmerksamkeit. Bei 5,5 Stunden Programm pro Tag ist das keine Selbstverständlichkeit.
Was bei Ihrem Festival auffällt: Es lesen mindestens 20 professionelle Stimmen aus dem Werk des Gastes.
Rudolf Scholten: Wir laden zumeist deutschsprachige Autor:innen ein sowie Schauspieler:innen, die ausschließlich aus der Arbeit des Hauptgastes lesen. Durch diese unterschiedlichen Blickwinkel und Stimmen lernt man das Werk sehr gut kennen. Wir haben die Regel, dass niemand zweimal bei uns liest, um einen fixen Insiderkreis zu verhindern.
Wie schwierig ist es, ein Jahr ums andere die Größen der Weltliteratur für Literatur im Nebel zu gewinnen?
Rudolf Scholten: Zu Beginn waren es Schriftsteller, die wir zuvor schon persönlich gekannt hatten, das hat es etwas leichter gemacht. Dann sind wir von einem zum anderen weitergereicht worden. Wenn ein Autor oder eine Autorin die Einladung bekommt und sich die Liste der bisherigen Gäste anschaut, überlegen die meisten nicht lange.
Weshalb haben Sie den Fokus auf Autorinnen und Autoren am Zenit ihres Schaffens gelegt?
Rudolf Scholten: Am Anfang war das pragmatisch: Ein neues Festival in der Peripherie braucht einen Namen mit Strahlkraft, um Menschen dorthin zu bringen. Wir haben aber schon öfters überlegt, ob wir nach 20 Jahren einen bewussteren Bruch wagen und Jüngere einladen sollten.
Gibt es Momente, die in Ihnen besonders nachhallen?
Rudolf Scholten: Oh ja, das kann ich Ihnen genau sagen. Der alte Jorge Semprún, der selbst in Buchenwald war, sitzt in der ersten Reihe neben mir, vor ihm die Bühne, Elisabeth Orth liest aus seiner Arbeit über das Konzentrationslager und er weint still – ausgelöst von der Art, wie Elisabeth Orth mit seinem Text gearbeitet hat. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.
Was schätzen Sie an Salman Rushdie besonders?
Rudolf Scholten: Man kann schwer zwischen dem Menschen, den man oft erlebt hat, und seinen Texten trennen. Wenn Sie ihn ironisch sprechen hören, dann lesen Sie auch die Texte manchmal so, dass er sie Ihnen buchstäblich schmunzelnd erzählt. Als ich seine Autobiographie „Knife. Gedanken nach einem Mordversuch“ gelesen habe, ging es mir genauso. Da kommt seine Ironie durch, etwa wenn er dieses fiktive Gespräch mit dem Attentäter führt. Man kann darin das zornige Opfer sehen oder jemanden, der lächelt und sich überlegen fühlt.
Die Tickets sind mit 25 Euro für einen Tag und 40 Euro für beide Tage recht niedrig angesetzt. Zudem setzen Sie sich für Aktionen wie „Kultur für alle“ ein. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Rudolf Scholten: Ich halte es für ein substanzielles Problem, dass wir in vielen Bereichen der Kunst den größten Teil der Menschen nicht erreichen. Wir tragen die Wichtigkeit der Kunst vor uns her und sagen, sie sei das Rückgrat einer freien Gesellschaft. Zugleich gehen die meisten Menschen an Museen und Theatern vorbei und haben nicht das Gefühl: „Da gehöre ich dazu.“ Es ist absurd: Ein Großteil der künstlerischen Produktion ist öffentlich mitfinanziert – aber wir erreichen im Wesentlichen nur jene, die gleichsam selbstverständlich kommen. Wir müssen spürbarer einladen.
Was bewirkt Ihrer Meinung nach Teilhabe an Kultur im Menschen?
Rudolf Scholten: Ich glaube nicht, dass Kunst den besseren Menschen macht, aber sie öffnet neue Möglichkeiten, die man ohne sie zum Teil nicht wahrgenommen hätte. Das Grundproblem der Teilhabe existiert bei Literatur im Nebel genauso wie überall anders. Den Schuldirektor werden wir leichter erreichen als die Regaleinräumerin. Was dem Publikum hier erkennbar Freude macht, ist diese besondere Form des Sich-auf-etwas-Einlassens: „Da gehe ich hin, setze mich zwei Tage hinein und komme mit dem Gefühl heraus, wirklich etwas gelernt zu haben.“ Das macht den großen Unterschied aus.