„Wir sind alle unvollendete Geschichten“
Im Laufe seines Lebens hätte es genügend Gründe gegeben, zu verstummen. Doch der Weltliterat Salman Rushdie ließ sich weder von der über ihn verhängten Fatwa noch durch ein Messerattentat, das ihn fast das Leben gekostet hätte, vom Schreiben abbringen. Im Gegenteil. Beim Waldviertler Festival Literatur im Nebel beweist der 78-Jährige eindrucksvoll, wie eng Leben und Schreiben miteinander verwoben sind.
von Michaela Gründler
„Das ist ein Lottosechser für mich!“ Ein Herr in seinen Sechzigern erzählt seinem Sitznachbarn von dem großen Glück, noch eine Karte ergattert zu haben. Denn sobald im Winter 2025 klar war, dass der Gastautor für das 20-Jahr-Jubiläum von Literatur im Nebel in Heidenreichstein Salman Rushdie heißt, waren die Karten innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Nach einem geplatzten Willhaben-Deal wandte sich der Mann in seiner Not an die Veranstalter – und bekam die einzige zurückgegebene Karte. Er kann es noch immer nicht recht fassen: Nun ist er tatsächlich hier. Gemeinsam mit mehr als 500 Literaturbegeisterten wird er die kommenden beiden Tage in der Margithalle mit dem Weltliteraten in einem Raum sein.
Seit 20 Jahren gibt sich im 3800-Seelen-Ort Heidenreichstein die internationale schriftstellerische Elite die Klinke in die Hand. An zwei Tagen steht das Werk eines literarischen Ehrengastes im Mittelpunkt – gelesen, vorgetragen und diskutiert von deutschsprachigen Schriftsteller-Kolleg:innen und Schauspieler:innen, inklusive des Gastes selbst. Den Reigen eröffnete 2006 Salman Rushdie. Die Liste der bisherigen Gäste liest sich wie das Who’s who der Weltliteratur: Amos Oz, Jorge Semprún, Margaret Atwood, Ian McEwan oder Herta Müller, um nur einige zu nennen. Anlässlich des 20-jährigen Festival-Jubiläums ist Rushdie zurückgekehrt – und schließt damit einen Kreis.
„Ich bin berühmter für die Missgeschicke meines Lebens als für meine Bücher“, sagt Salman Rushdie ironisch. 1989 verhängte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini die Fatwa über ihn und all jene, die an der Veröffentlichung seines Romans „Die satanischen Verse“ mitgewirkt hatten. Mit dem Tode bedroht, begann für den damals 41-Jährigen eine lange Zeit im Untergrund. Über ein Jahrzehnt war er gezwungen, an wechselnden Wohnorten in England unter Polizeischutz zu leben. Während dieser Zeit kämpfte er darum, die Fatwa gegen ihn aufzuheben und sein Recht auf Meinungsfreiheit durchzusetzen. „Ich fühle mich nicht wie ein Symbol für Meinungsfreiheit. Ich bin nicht die Freiheitsstatue mit der Fackel in der Hand“, sagt er trocken.
Als sich die politische Lage entspannte, zog Salman Rushdie Anfang der 2000er-Jahre nach New York. Im August 2022 wurde er bei einer Veranstaltung in Chautauqua im Bundesstaat New...