Der Wetterchronist

 

Seit 1970 führt Horst Nöbl akribische Wetteraufzeichnungen für die Stadtgemeinde Saalfelden. Mittels Naturbeobachtungen gibt der 84-Jährige Prognosen für das Wetter in der Pinzgauer Gemeinde ab. Ein Gespräch über Naturbeobachtungen, den Klimawandel und das Recht des Stärkeren.

Titelinterview mit Horst Nöbl

von Julia Herzog

Das April-Apropos steht unter dem Thema „Wechselhaft“. Wenn Sie heute aus dem Fenster blicken – ist das Wetter wechselhaft?

Horst Nöbl: Nein. Von wechselhaftem Wetter spricht man, wenn ein schneller Wechsel erfolgt. Wenn es am gleichen Tag Sonnenschein gibt und auch Bewölkung oder Niederschlag. Oder wenn es morgens regnet und am Nachmittag schön ist. Wenn beides vorhanden ist, Sonne und Bewölkung und Regen, das ist wechselhaft.

Sie zeichnen das Wetter in Saalfelden seit 56 Jahren auf, und das jeden Tag. Wie prägen diese Beobachtungen Ihren Alltag?

Horst Nöbl: Für mich gehören die täglichen Aufzeichnungen dazu. Ich stehe in der Früh auf, mache Kaffee und gehe hinaus in den Garten. Dort habe ich meine Wetterstation, mit der ich den Niederschlag messe, wenn es einen gegeben hat. Außerdem messe ich die Temperatur, die Schneehöhe und den Luftdruck. Das trage ich in meinen Kalender ein.

Sie sind auch Imker und Ehrenobmann der Saalfeldner Bienenzüchter. Welche Rolle spielen die Bienen und Naturbeobachtungen für Ihre Prognosen?

Horst Nöbl: Die Naturbeobachtung ist für meine Prognose sehr wichtig. Ich beobachte zum Beispiel den Waldhonig, der eine wichtige Nahrung für die Bienen ist, aber auch für Wespen und Ameisen. Es gibt Bauernregeln, die besagen, dass ein schneereicher Winter bevorsteht, wenn es in einem Jahr viele Wespen gibt und die Ameisenhügel wachsen. Aber das Ganze hängt eigentlich nur vom Waldhonig ab. In einem Jahr mit wenig Waldhonig gibt es wenige Wespen, dafür sehr viele Fliegen und Mücken, weil die Wespen sie nicht fressen. Auch die Ameisen vermehren sich nicht besonders. Früher wurden nur die Ameisenhügel und Wespen beobachtet. In Waldhonigjahren gibt es im darauffolgenden Winter doppelt so viel Schnee wie in Jahren ohne Waldhonig.

Was ist noch wichtig für die Prognose?

Horst Nöbl: Die Blühjahre der Fichte sind besonders wichtig. Die Fichte blüht in Abständen von vier bis fünf Jahren. Im Sommer kommt die Hälfte unserer Niederschläge aus den Wolken, die vom Atlantik zu uns ziehen, und zur Hälfte von der Verdunstung der Wiesen und Wälder. Unsere Wälder bis 1850 Meter Seehöhe sind hauptsächlich Fichtenwälder. Normalerweise wachsen an den Zweigen der Fichte jedes Jahr neue, grüne Triebe. Dieser frische Austrieb verdunstet viel Wasser. Ein großer Fichtenbaum verdunstet an einem Tag an die 200 Liter. Das Wasser wird aus dem Boden gepumpt, steigt auf, bildet Wolken und es gibt Niederschlag. Die Bäume nehmen das Wasser wieder auf und verdunsten es gleich wieder.

Wie verändert sich dieser Kreislauf in einem Blühjahr?

Horst Nöbl: Dieser Kreislauf ist im Blühjahr der Fichte unterbunden. Wenn die Fichtenwälder blühen, haben sie keinen Austrieb, weil das nur Blütenknoten sind. Die abgeblühten Knospen fallen ab. Heuer ist wieder ein starkes Blühjahr der Fichte, das heißt, dass die Bäume kaum etwas verdunsten können. Also haben wir einen trockenen Sommer mit teilweisen Hitzewellen zu erwarten.

Was hat Ihre Leidenschaft für Wetterbeobachtung geweckt?

Horst Nöbl: Ich bin auf einem Bauernhof im Gailtal aufgewachsen. Als Kind habe ich immer das Wetter beobachtet, wenn wir beim Heuen waren. Wenn die Gewitterwolken von Südwesten zu uns nach Südosten zogen, habe ich gesagt: „Es wird gefährlich“, und wir haben uns tummeln müssen. Wenn ich gesehen habe, dass die Wolken nach Norden ziehen, hinter die Gailtaler Alpen, habe ich Entwarnung gegeben. Wenn das Heu auf dem Feld lag, musste man schnell reagieren bei einem Wetterumschlag. Wir mussten es entweder schnell einfahren, was nur mit einem Wagen ging, während das restliche Heu liegen blieb, oder wir haben es auf einen Haufen zusammengetan. Dann wurde es im Inneren nicht so nass, wenn es zu regnen begann. Später, mit 14 oder 15 Jahren, habe ich mit den Bienen angefangen. Durch sie begann ich, die Blühzeiten der Pflanzen und Bäume aufzuschreiben.

Was lässt sich aus Ihren jahrzehntelangen Aufzeichnungen der Blühzeiten ablesen?

Horst Nöbl: Wenn ich die aktuellen Aufzeichnungen mit denen aus den 1970er- und 80er-Jahren vergleiche, stelle ich fest, dass sich die Blütezeit der Pflanzen im Durchschnitt um zwei Wochen nach vorne verschoben hat. Das ist relevant. Es gibt immer noch frühe und späte Jahre, aber im Mittel sind wir jetzt genau 14 Tage früher dran. Das merkt man besonders am Obst: Die Ernte ist gigantisch und man kann alle späteren Sorten anpflanzen. Als wir 1977 unser Haus gebaut haben, haben wir nur frühe Sorten von den Zwetschken gesetzt. Die späten Sorten wurden gar nicht reif. Ich kann mich noch erinnern, Anfang der 70er-Jahre ist die Marille im September reif geworden. Jetzt werden alle späten Sorten reif. Man kann sagen: Die Vegetationsbedingungen des Mostviertels auf 400 Metern Seehöhe sind nun im Pinzgau auf 800 Metern angekommen.

Der Klimawandel ist in Ihren Daten also eindeutig sichtbar?

Horst Nöbl: Er ist eindeutig nachweisbar. Dieser Vergleich der Blütezeit ist das Ausschlaggebende. Die Temperatur ist relativ uninteressant. Meldungen über Höchstwerte genieße ich mit Vorsicht. Diese Extremtemperaturen sind meistens auf die Umgebung zurückzuführen. Wenn es etwa eine Messstation auf einem Dorfplatz gibt und ringsum alles zugepflastert ist, dann ist dort die Temperatur natürlich wesentlich höher. Seriöse Temperaturvergleiche kann man nur an einem Ort anstellen, wo sich nichts an der Umgebung ändert, etwa auf der Messstation am Sonnblick. Die Messungen in Städten sind meist Veränderungen unterworfen. Am deutlichsten sehe ich den Klimawandel in meinen Aufzeichnungen aber aufgrund der frühen Blütezeit und aufgrund meiner Arbeit bei der Wildbachverbauung.

Sie waren stellvertretender Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung im Pinzgau. Inwiefern haben Sie in Ihrer Arbeit den Klimawandel festgestellt?

Horst Nöbl: Bis in die 90er-Jahre war vom Klimawandel noch keine Rede. Das Thema kam erst ab den 2000er-Jahren auf. In meiner Arbeit und anhand der Aufzeichnungen über Unwetterkatastrophen im Pinzgau habe ich festgestellt, dass die 100-jährlichen Hochwasserereignisse schon alle 30 Jahre kommen und die 30-jährlichen Ereignisse alle zehn Jahre.

Sie erstellen jährlich eine Winter- und eine Sommerprognose für die Stadtgemeinde Saalfelden, die auf rund 800 Metern Seehöhe liegt. Mit welchem Wetter können wir im April rechnen?

Horst Nöbl: In der Winterprognose habe ich noch einen relativ kühlen April drin, aber die neueren Rhythmen sagen, dass er nicht so kalt ist. Die Gefahr der Spätfröste ist aber immer gegeben im April.

Auf welchen Rhythmen stützen Sie sich bei Ihren Prognosen?

Horst Nöbl: Es gibt kurzfristige Rhythmen wie den Wochenrhythmus, bei dem sich Wetterlagen oft beispielsweise von Wochenende zu Wochenende wiederholen. Für längerfristige Prognosen wende ich einen längeren Rhythmus an. Es gibt einen 100-Tage-Rhythmus, der von den Bauernregeln stammt. Etwa in der Regel „Weihnacht im Klee, Ostern im Schnee“ und umgekehrt. Oder wenn es den ersten Reif gibt, schneit es oft 100 Tage später.

Sie haben an der Universität für Bodenkultur Forstwirtschaft studiert und verbinden dieses Wissen mit alten Bauernregeln. Ein Studium war für einen „Bauernbub“ damals sicher kein gewöhnlicher Weg.

Horst Nöbl: Ja, das war ungewöhnlich. Ich habe mir in der Hauptschule leichtgetan und auch immer gern gelesen. Aus der Schulbibliothek habe ich mir jede Woche ein Buch ausgeliehen, sehr gerne las ich die Karl-May-Bücher, insgesamt um die 30. Mein Vater ist auch oft in die Bibliothek gegangen und hat mir Bücher mitgebracht. In der zweiten Hauptschule meinte meine Lehrerin, ich müsse auf das Gymnasium in Villach wechseln, um Latein zu lernen. Die schöne Hauptschule verlassen und jeden Tag nach Villach fahren, das fiel mir nicht leicht.

Wie haben Sie die Zeit auf dem Gymnasium in Erinnerung?

Horst Nöbl: Die Professoren regten sich anfangs auf: „Jetzt schicken sie einen von der Hauptschule aus dem Gailtal zu uns.“ Wir waren 53 Schüler in der Klasse und die anderen waren viel weiter. Ich musste mich erst eingewöhnen, schaffte die dritte Klasse aber mit ein paar Vierern. In der vierten Klasse wurde ich zum Klassensprecher gewählt. Das hat mich überrascht, weil ich kein großer Redner war. (lacht) Aber ich bin mit allen in der Klasse gut ausgekommen.

Nach mehr als 50 Jahren intensiver Beobachtung der Natur: Was kann der Mensch von der Natur lernen?

Horst Nöbl: Der Mensch könnte einiges von der Natur lernen. Bei primitiven Lebewesen, etwa in der Pflanzenwelt, gilt nur das Prinzip des Stärkeren. Von hundert Samen auf einem Quadratmeter bleibt am Ende nur ein Baum übrig. Bei den Tieren ist das anders, sie sind schon etwas höher. Sie kämpfen um die Führung und am Ende ist ein erfahrenes Tier das Leittier, wie bei einem Boxkampf oder einem Wettbewerb. Die gleiche Art wird dabei aber auf keinen Fall umgebracht. Was macht der Mensch? Der Mensch hat alle Möglichkeiten. Die einen Menschen, sagen wir die, die sich schon zum Menschen entwickelt haben, helfen dem anderen. Die helfen dem, der krank ist, oder dem, der am Verhungern ist. Und dann gibt es den anderen Menschen, der so handelt wie die primitiven Lebewesen. Wo nur das Gesetz des Stärkeren gilt und es egal ist, wie viele Tote es gibt, solange er gewinnt. Das sieht man gerade, wenn man jede Zeitung aufschlägt, dass wieder das Prinzip des Stärkeren gilt. Und die anderen müssen sich dagegen wehren und rüsten auf. Die Sachen, die produziert werden, werden dann auch eingesetzt. Das ist furchtbar. Wer das Prinzip des Stärkeren vertritt, sollte sich ansehen, wie sich die Tiere ausmachen, wer der Führende ist.

Sie sind nun 84 Jahre alt und führen Ihre Messungen noch immer täglich durch. Bleibt das Wetter Ihre lebenslange Aufgabe?

Horst Nöbl: Gerade in der Pension braucht man Aufgaben. Ich wollte mich nicht auf die faule Haut legen. Natürlich kann man Urlaub machen, aber man muss schauen, dass man beschäftigt bleibt. Mit dem Pensionsantritt habe ich in einem zweiten Chor angefangen und war im Pfarrgemeinderat. Wenn man einmal 80 ist, muss man aber natürlich ein bisschen zurückschalten. Aber nicht bei den Bienen, die habe ich nach wie vor. Sie geben mir immer noch genügend Arbeit im Sommer.