Wechselbad der Gefühle
Impulsive Kolleg:innen, launische Partner:innen: Im Alltag prallen wir immer wieder auf Menschen, die ein wenig sprunghaft sind. Maria Trigler, klinische Psychologin, Psychotherapeutin und Vorsitzende des Salzburger Landesverbandes für Psychotherapie, erklärt, wann Stimmungsschwankungen normal sind, wann sie gefährlich werden und wie wir uns selbst schützen.
Interview mit Maria Trigler
von Sandra Bernhofer
Frau Trigler, müssen wir jede Stimmung anderer Menschen aushalten?
Maria Trigler: Aushalten ist ein starkes Wort. Positive Stimmungen halten wir ja meist gern aus – die sind ansteckend. Bei negativen ist das etwas anderes. Entscheidend ist, was für uns selbst gesund und tragbar ist. Und das ist sehr individuell und hängt stark von sozialen Prägungen und Glaubenssätzen ab, aber auch vom Kontext: Ist die Person eine Fremde, die mir nur kurz begegnet? Ist es ein Kollege? Oder jemand aus der Familie? Und vor allem: Welche Möglichkeiten beziehungsweise kommunikativen Fähigkeiten habe ich? Kann ich Abstand nehmen, etwas ansprechen, Feedback geben?
Bis zu welchem Grad sind Stimmungsschwankungen „normal“?
Maria Trigler: Stimmungsschwankungen sind erst einmal völlig normal. Gerade in Übergangsphasen reagieren wir mit stärkeren Emotionen: in der Pubertät, bei der ersten großen Liebe, nach der Geburt eines Kindes oder beim Eintritt in die Pension. Auch hormonelle Veränderungen können eine Rolle spielen. Und schwere Verluste sowieso: Trauer braucht Zeit. Früher haben wir vom Trauerjahr gesprochen, weil es nun einmal ein ganzes Jahr braucht, um alle Feste und Jahrestage allein gemeistert zu haben. So etwas braucht Anpassungsleistung und ist sehr individuell von verschiedenen Faktoren abhängig.
Wann wird Wechselhaftigkeit zu etwas, das man ernsthaft pathopsychologisch einordnen sollte?
Maria Trigler: Der Übergang von „normal“ zu „behandlungsbedürftig“ ist tatsächlich fließend. Wichtig ist die Frage: Sind die Stimmungsschwankungen nachvollziehbar, also an konkrete Auslöser geknüpft? Oder kommen sie scheinbar aus heiterem Himmel? Und wie gut gelingt es mir, mich wieder zu stabilisieren? Wenn Gefühle extrem werden, sehr lange anhalten oder das Leben massiv beeinträchtigen, dann sprechen wir nicht mehr von normalen Höhen und Tiefen, wie sie etwa in einer Verliebtheitsphase vorkommen. Zum Vergleich: Eine unbehandelte bipolare Störung kann im schlimmsten Fall mein Leben ruinieren, wenn ich etwa in der Manie plötzlich fünf Autos kaufe oder in der Depression meinen Job verliere.
Wie sehr ist unsere Vorstellung von psychischer Gesundheit eigentlich vom Anspruch geprägt, immer stabil, leistungsfähig und funktionstüchtig sein zu müssen?
Maria Trigler: Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, geht es leider immer noch viel zu oft um Defizite – also darum, was „nicht stimmt“. Aber was es eigentlich heißt, psychisch gesund zu sein, davon haben wir als Gesellschaft kaum eine Vorstellung. Psychische Gesundheit bedeutet nicht nur, stabil zu sein, leistungsfähig und dass man in sozialen Beziehungen gut zurechtkommt, sondern auch, bewusst annehmen zu können, was man nicht ändern kann. Es geht also darum, den Blick zu verschieben: weg vom Defizit, hin zu dem, was Menschen stark, widerstandsfähig und lebensfähig macht. Ressourcenorientiert. Und dabei müsste man sehr früh ansetzen – in der Elternberatung oder bei den sozialen Netzwerken, in denen Kinder aufwachsen.
Warum kommen manche Menschen erstaunlich gut mit emotional wechselhaften Personen zurecht, während sich andere regelrecht an ihnen aufreiben?
Maria Trigler: Wer in der frühen Kindheit verlässliche Bezugspersonen erlebt hat, entwickelt meist ein stabiles inneres Fundament und kann Stimmungsschwankungen anderer gelassener wahrnehmen, ohne sich sofort davon mitreißen zu lassen. Wer sich dagegen ständig anpassen musste, um in seinem Umfeld sicher zu sein, reagiert oft sensibler auf Unberechenbarkeit. Am Ende kommt es also weniger auf die Launen der anderen an, sondern darauf, wie stark meine eigenen Ressourcen und Grenzen sind.
Was ist, wenn ich ein solches stabiles inneres Fundament nicht mitbekommen habe?
Maria Trigler: Resilienz kann man zu einem gewissen Grad lernen. Man kann lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, aus einer Opferrolle herauszukommen, den Blick auf die positiven Dinge zu richten. Entscheidend ist zu wissen: Was tut mir gut? Was beruhigt mich? Was gibt mir Sinn? Und dann diese Strategien auch wirklich im Alltag zu nutzen. Wer lernt, die eigenen Stimmungen wahrzunehmen und zu regulieren, kann Gelassenheit und innere Stabilität Schritt für Schritt aufbauen – und wird damit deutlich weniger anfällig für psychische Krisen. Denn psychische Erkrankungen sind oft Stresserkrankungen. Je resilienter ich bin, desto mehr psychische Problematiken kann ich abwenden. Die Kauai-Studie aus Hawaii hat eindrucksvoll gezeigt: Selbst Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind, konnten eine erstaunliche Widerstandskraft entwickeln, wenn sie denn Ziele haben, ein unterstützendes Umfeld, verlässliche Bezugspersonen außerhalb der Familie, etwa engagierte Lehrkräfte oder andere Erwachsene, die Halt und Anerkennung geben. Auch die Peergroup oder das soziale Umfeld am Arbeitsplatz können für eine „Nachbeelterung“ sorgen.
Was macht den Arbeitsplatz zu einem Umfeld, in dem zwischenmenschliche Unwägbarkeiten besonders schnell für Stress sorgen?
Maria Trigler: Der Arbeitsplatz ist ein besonderer Ort, weil wir dort nicht nur zusammenarbeiten, sondern immer auch in Beziehungen stehen. Und das meist in klaren Hierarchien, die grundsätzlich ja einen Sinn haben, etwa im Krankenhaus, wo es auf rasche Entscheidungen ankommt. Aber wenn Hierarchiestufen übersprungen werden – sei es aus Antipathie oder weil die Unterstützung „von weiter oben“ leichter verfügbar ist –, gerät das System ins Wanken. Wo Hierarchie im Spiel ist, geht es schnell nicht mehr nur um die Sache, sondern immer auch um Erwartungen, Zuständigkeiten und Macht. Außerdem sieht man sich täglich wieder, kann nicht einfach ausweichen. Konflikte schaukeln sich deshalb leicht hoch. Und plötzlich wird aus einer Kleinigkeit, etwa der Diskussion um die Kaffeesorte, ein Beziehungsthema.
Wie finde ich einen gesunden Umgang mit unberechenbaren Kolleg:innen?
Maria Trigler: Am Ende hängt viel von uns selbst ab: Reagiere ich auf jede Kleinigkeit? Fühle ich mich schnell persönlich angegriffen? Oder kann ich zwischen Sach- und Beziehungsebene unterscheiden – und vielleicht auch sehen, wenn der nervtötende Kollege gute Arbeit leistet? Wichtig ist außerdem zu wissen, wie belastbar ich bin, wo meine Grenzen liegen und wie viel Frust ich aushalten kann. Wer versucht, es allen recht zu machen, lässt leichter zu, dass die eigenen Grenzen verschoben werden. Auf Dauer kann das in Überengagement oder Burn-out enden.
Was kann ich also selbst aktiv beitragen, um Konflikte zu lösen?
Maria Trigler: Um Konflikte gut zu lösen, braucht man gar nicht so wenige Persönlichkeitsfaktoren: kommunizieren können, aktiv zuhören, sich in den anderen hineinversetzen. Und bereit sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen statt nach Schuldigen. Manchmal hilft die ehrliche Frage: Muss ich diesen Konflikt wirklich austragen – oder kann ich ihm bewusst weniger Bedeutung geben? Gleichzeitig gilt: Je früher man einen Konflikt klärt, desto besser. Was harmlos beginnt, kann sich zu einem Neverending-Thema auswachsen, bei dem am Ende beide Parteien verlieren.