Wischen, warten, weiterflirten
Kennenlernen im Internet und anderswo. Was Singles daran hindert, zueinanderzufinden. Und welche Kompetenzen helfen, dem Glück eine Chance zu geben.
von Georg Wimmer
Online ist auch nicht anders als das richtige Leben: Er hält sich alle Möglichkeiten offen. Sie hat sich auf ihn festgelegt und versucht, sich in seine Welt hineinzudenken. Er meldet sich mal wieder nicht. Während sie darüber grübelt, was sie falsch gemacht haben könnte. „Hört bloß auf damit!“, fordern jetzt Influencerinnen und feiern lässige Unabhängigkeit als die angesagte Haltung für Frauen auf Partnersuche. „Daten wie ein Mann“ heißt der jüngste Trend in den sozialen Medien. Unter Hashtags wie #DateLikeAMan gibt es Anleitungen, wie frau lernt, ihren Selbstwert in unverbindlichen Situationen hochzuhalten. In Magazinen berichten Journalistinnen von ihren Selbsterfahrungen. Autorinnen verfassen ganze Bücher mit detaillierten Tipps. Die Kernaussage lautet jeweils: Wenn Frauen denken und daten würden, wie Männer es (angeblich) tun, dann wäre ihr Liebesleben um vieles leichter.
Das Konzept fußt auf der Beobachtung, dass Frauen schnell viel Zeit und viele Gedanken ins Dating investieren. Und das schon in frühen Phasen des Kennenlernens. Männer hingegen tun das erst, wenn sie sicher sind, dass die Frau die Richtige ist. Zudem wird davon ausgegangen, dass Männer sich selten schuldig fühlen, wenn sie sich mehrere Optionen offenhalten. Ob der neue Trend Frauen tatsächlich glücklich macht? „Standard“-Journalistin Elisabeth Berger Waldenegg hat Zweifel, dass die Aneignung von schlechten männlichen Verhaltensweisen den Frauen zu einem besseren Liebesleben verhilft. Sie kommt nach einer Recherche zu dem Schluss: „Nicht daten wie ein Mann, sondern so, wie es einen selbst glücklich macht. Mit ein wenig mehr Egoismus, Spaß – und der Gewissheit, dass man sich selbst genug ist.“ Vor allem aber gehe es darum, beim Kennenlernen offen zu kommunizieren. Egal, ob online oder beim ersten gemeinsamen Abendessen.
Jedes dritte Paar begegnet sich online
Das Internet hat die Partnersuche zweifellos revolutioniert. Tinder, die Mutter aller Dating-Apps, hat unzählige Nachahmerinnen gefunden. Es gibt Partnervermittlungen, Singlebörsen und Dating-Apps für alle möglichen Interessen, sexuellen Orientierungen, Altersgruppen und Budgets. Parship etwa liefert seiner Kundschaft ab monatlich 50 Euro gezielte Vorschläge aufgrund von Persönlichkeitstests. Auf Tinder zahlen die Nutzenden 10 bis 40 Euro und können selbst eine Vorauswahl treffen. So verbringen sie viel Zeit mit Swipen, was auf Deutsch so viel heißt wie: wischen. Wischt man ein vorgeschlagenes Profilbild auf dem Bildschirm nach links, so bedeutet das: kein Interesse. Das Bild verschwindet. Nach rechts swipen bedeutet hingegen: Interesse, gefällt mir, ich möchte diese Person kennenlernen....