Vom Warten und Hoffen

Autorin Andrea Grill trifft Verkäuferin Happy Akhue

von Andrea Grill

Happy, ein schöner Name, sagte ich am Anfang unseres Gesprächs. Gut ausgesucht von der Mutter. Happy lächelte. Sie erwartete mich in der Veranda des Hotels, das uns den Raum zur Verfügung stellte. Wir saßen in zwei großen Ohrensesseln einander gegenüber. Wir tranken beide Cappuccino. Durch die Fensterfront schauten wir hinaus in einen Garten, grüne Wiese, ein Baum. Es regnete in Strömen und würde, während wir redeten, nicht aufhören zu regnen. Am Weg zu Happy war ich nass geworden, so nass, dass ich mich erst trocknen musste, bevor ich ihr gegenübertreten konnte. Ich hatte keinen Schirm. Happy hatte einen Schirm. Sie war trocken. Sie trug ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln.

Hinter und um uns spielte ihre Tochter Kalisa – ein Jahr und vier Monate alt; sie zeichnete, beschäftigte sich mit allerlei, unterbrach uns kaum. Happy ist Alleinerzieherin. Sie verkauft Apropos mit einigen Unterbrechungen seit 2018. Eine lange Zeit. Etwas anderes darf sie nicht arbeiten. Sie hat keine Dokumente und wartet noch immer oder schon wieder auf Klärung ihres Aufenthaltsstatus in Österreich.

Happy ist 2016 nach Salzburg gekommen. Ob es ihr gefalle, fragte ich. Sicher, lautete ihre Antwort ohne Zögern. Trotzdem hatte ich den Eindruck, diese Antwort entspringe auch einer empfundenen Verpflichtung. Happy hätte nicht gewagt zu sagen, Salzburg gefalle ihr nicht. Und wahrscheinlich gefällt es ihr auch tatsächlich, wie es allen gefällt, die in Scharen aus der ganzen Welt hierherreisen. Der große Unterschied ist, diese Reisenden haben Dokumente, mit denen sie her- und auch wieder wegreisen können, Dokumente, auf die Happy seit zehn Jahren wartet.

Happy ist jetzt siebenundzwanzig. Sie hat keine Ausbildung, spricht nur wenig Deutsch. Den Kontakt mit ihrer Familie in Nigeria hat sie abgebrochen. Dennoch würde sie Nigeria als ihre Heimat bezeichnen.

Ich frage mich, wie soll Happy Salzburg mögen, eine Stadt, ein Land, in dem ihr seit einem Jahrzehnt keine offizielle Identität zugestanden wird? Zumindest keine bleibende. Immer nur eine Karte, die sie zwar ausweist, mit der sie beweisen kann, dass sie ist, wer sie ist, zugleich der Beweis für ihre andauernde statische Durchreise, eine Karte, die stets an den jahrelang vergeblich erwarteten und schließlich abgelehnten Asylbescheid erinnert. Ein Ausweis ist an sich keine Identität. Aber irgendwie doch. Hätte Happy einen österreichischen Pass, könnte sie arbeiten, wo sie wollte, und problemlos in fast alle Länder der Welt reisen. Sobald sie Papiere bekommt, möchte sie Köchin werden, sagte sie.

Sie sei auf einem Boot nach Europa gekommen, mit ein paar Leuten, die sie kannte, danach aber aus den Augen verloren habe, sagte Happy. Sie habe das Mittelmeer überquert, nach Italien. Dort sei sie drei Wochen gewesen. Sie weiß nicht mehr, wo in Italien sie angekommen, wo sie weitergereist ist. Sie war dann mit einer Person unterwegs, die sie als Freundin bezeichnet. Sie wollten nach Deutschland. Dort schien es gut zu sein. Unterwegs kamen sie durch Österreich und beschlossen, zu bleiben. Wo die Freundin jetzt ist? Keine Ahnung, der Kontakt ging verloren.

Als ich fragte, warum sie die riskante Bootsreise angetreten hatte, damals als Achtzehnjährige, antwortete Happy zuerst nicht. Ich schlug einen Grund vor: Sie habe gedacht, es müsse anderswo jedenfalls besser sein als dort, wo sie herkam? Sie stimmte zu: This is it.

Happy hatte ihren Cappuccino noch nicht angerührt, ich sagte, sie solle doch ruhig trinken, fragte, ob sie Zucker wollte. Sie nahm Zucker. Ich nicht. Im Hintergrund spielte anfangs fröhliche Jazzmusik, die im Laufe der Stunde zu Drum and Bass mutierte.

Ich fragte Happy, was sie über sich erzählen wolle, was sie möchte, dass die Leute über sie wissen. Sie antwortete mit der Frage, worüber ich denn möchte, dass sie spreche. Wir lachten beide ein bisschen verlegen. Wir sprachen Englisch miteinander. Happys Erstsprache, in der sie neben Englisch auch mit ihrer Tochter spricht, ist Edo. Die Sprache ist auch bekannt als Bini, diesen Begriff verwendet Happy aber nie, sie wird von circa zwei Millionen Menschen im nigerianischen Bundesstaat Edo gesprochen. Im Lexikon steht, das Land Edo sei reich an Bodenschätzen wie Erdöl, Erdgas, Kreide und Marmor, der überwiegende Teil der Bevölkerung sei in der Landwirtschaft tätig, es würden Kakao, Kokos, Getreide, Maniok, Reis, Mais, Bananen und anderes Obst angebaut. Gefragt, in welcher Stadt in Österreich sie am liebsten leben würde, antwortete Happy: Linz. Nein, kennen tut sie niemand dort. Aber sie mag die Stadt.

Derzeit lebt Happy in Kuchl. Ich bat sie, ihren Alltag zu beschreiben, einen Tag in ihrem Leben. Nach einer Pause sagte sie: Manchmal ist es nicht leicht. Aber die Tochter sei brav – das Wort sagte Happy auf Deutsch. Auf ihr Kind ist sie sichtlich stolz. Kalisa ist in Vöcklabruck geboren, weil Happy zu der Zeit gerade im Lager Thalham in der sogenannten Erstaufnahmestelle West untergebracht war. 

Nach der Geburt des Kindes wurde sie nach Bergheim, dann nach Tirol transferiert. Tirol ist deutlich nicht ihr liebster Ort gewesen. Sie war in einem Lager, ohne Geld für sich und den Säugling, da ihr Asylantrag während ihrer Schwangerschaft abgewiesen worden war. Sie stellte einen neuen und wurde für fünf Monate nach Tirol geschickt.

In Salzburg hat sie Freunde, die ihr halfen, ihr Geld liehen und die Wohnung in Kuchl für sie fanden, in der sie jetzt lebt. Inzwischen hat sie um ein Visum aus humanitären Gründen angesucht.

Ich frage, welche Hoffnungen sie für die Zukunft hat. Happy antwortet in derselben Sekunde: I hope for a bright future. Hat sie Rituale, um sich in schwierigen Momenten selbst zu beruhigen? I sing to calm myself. Singen ist für Happy sehr wichtig, allein oder zusammen mit anderen, Spazierengehen macht ihr ebenfalls Freude und Joggen. Happy liebt Gospels. Sie ist religiös und glaubt daran, dass Gott alles für sie möglich machen wird, an ihn wendet sie sich in Momenten der Verzweiflung.

Wie es ist, das Apropos zu verkaufen? Leute sind, was sie sind, antwortete Happy. Die Arbeit sei aber gut. Sie verkauft in Golling. Die Menschen seien freundlich, kennen sie schon. Während sie verkauft, betreuen Freunde ihr Kind. Es ist Winter, fährt sie gerne mit dem Schlitten? Nein! Davor fürchtet sie sich! Bisher zumindest, aber vielleicht wird sie es mit ihrer kleinen Tochter demnächst versuchen.

Nach einer halben Stunde merke ich, Happy hat genug von meinen Fragen. Ich frage sie abschließend, ob sie mir eine Frage stellen möchte? Sie denkt nach, sagt schließlich: Bist du aus Österreich?