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Hervorgehoben I
Vorurteile geben Sicherheit
Gewohnheiten sind mächtig – wie auch Vorurteile. Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, erzählt im Apropos-Gespräch über hilfreiche und gefährliche Vorurteile, über Lieblingsvorurteile und warum es gut ist, den moralischen Zeigefinger schnell wieder einzupacken.
Sind Sie ein Gewohnheitstier?
(lacht) Ja.
Wie äußert sich das?
Ich habe einen sehr schnellen Job, in dem immer alles neu ist und der viele Bereiche abdeckt wie etwa Sozialarbeit, Studien schreiben, Journalismus, auf aktuelle Entwicklungen reagieren ... Daher bin ich sehr froh, dass es abseits meines Jobs Dinge gibt, die mir in diesem Wahnsinn Halt geben. Zum Beispiel brauche ich superlange, bis ich in meiner Wohnung etwas verändere. Ich trenne mich auch sehr schwer von liebgewonnenen Dingen wie Büchern oder CDs. Ich mag Rituale im Alltag, liebe Feste, die immer wiederkommen im Jahreskreis.
Was bedeutet für Sie Konzentration?
(überlegt) Konzentration bedeutet für mich Energie, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit auf einen Punkt hin zu lenken. Der Punkt ist der Fokus, die Essenz.
Gewohnheiten geben Sicherheit im Alltag – wie auch Vorurteile. Was ist für Sie ein Vorurteil?
Rein wertneutral ist es ein Urteil über Menschen, über Geschmäcker, über Gruppen, über andere, also etwas, worüber ich mir schon eine Meinung gebildet habe, etwas, das schon vorher da war. Es ist ein Urteil, das weder gut noch schlecht ist, sondern – entwicklungspsychologisch gesehen – sinnvoll ist, weil ich so Meinungen und Urteile schnell abrufen kann.
Wann ist ein Vorurteil hilfreich?
Vorurteile geben uns Orientierung und Sicherheit. Ohne sie könnte es keine Lernerfahrung geben. Die Erfahrung, zu wissen, dass jemand zu uns gut ist, ermöglicht uns in Beziehung zu treten. Dieses Vorurteil gestattet es, sich auch auf andere einzulassen.
Wann nicht?
Ein Vorurteil ist dann gefährlich, wenn es unverrückbar ist und nicht an der Realität überprüft wird. Und wenn es als Machtfaktor, als soziale Waffe eingesetzt wird – Vorurteile sind immer auch Instrumente von Mächtigen gegenüber weniger Mächtigen.
Welche Vorurteile haben Sie selbst?
(überlegt) Ich habe alle Vorurteile, die einem weißen, in Wien und Niederösterreich aufgewachsenen Akademiker innewohnen. Ich habe also Vorurteile darüber, wie Menschen sind, die vielleicht weniger Bildung haben oder die aus anderen Ländern kommen, ich habe wohl auch die klassischen Vorurteile gegenüber Bettlern und Roma, die ja anstrengend und lästig sein können. Allerdings habe ich die privilegierte Position, in der ich gelernt habe, meine Vorurteile immer wieder zu überprüfen durch den Job, in dem ich arbeite, und durch meine Ausbildungen.
Apropos Bettler und Roma: Unlängst hat Friedensbüro-Leiter Hans-Peter Grass in einem Leserbrief über die aktuell laufende Bettelverbots-Debatte an die Salzburger Nachrichten folgende Worte geschrieben: „Auch ich finde den Anblick von Bettlern unangenehm, ich mach gelegentlich einen Bogen und wenn ich offensiv angesprochen werde, reagiere ich ablehnend, beizeiten auch wütend. (...) Das hindert mich jedoch nicht daran, mir der Relationen bewusst zu sein – zu sehen, dass da zwei Welten aufeinanderprallen.“ Nämlich jene des unangenehm Belästigten – und jene des bedürftigen Bettlers. So reflektiert wie Herr Grass und Sie sehen nicht alle Menschen auf sich und auf andere. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um Vorurteile abzubauen?
In einem ersten Schritt ist es gar nicht schlecht, seine Gefühle zu akzeptieren, die man hat: „Ja, ich fühle mich belästigt, ja, ich bin wütend.“ Der andere Punkt ist: Es gibt kein Menschenrecht auf Schutz vor Belästigung. Im Gegenteil: Es ist ein Menschenrecht, davor geschützt zu werden, nicht ohne jeglichen Grund aus dem öffentlichen Raum entfernt zu werden. Man kann sich ärgern und es unangenehm finden, wenn jemand zum 20. Mal herkommt, aber es gibt kein Menschenrecht darauf, das mit Gewalt abzustellen, wie es die Bettelverbote vorsehen.
Sie sind Initiator zahlreicher sozialer Initiativen wie etwa Lichtermeer (SOS Mitmensch), Hunger auf Kunst & Kultur (Kulturpass für Einkommensschwache), Wiener Spendenparlament (Stimmen gegen Armut), Verein Hemayat (Betreuung schwer Traumatisierter), „Sichtbar Werden“ (Armutsbetroffene organisieren sich). Warum sind arme Menschen und Ausländer so oft Zielscheibe von Vorurteilen?
Ausländerfeindlichkeit ist oft eigentlich Armenfeindlichkeit. Es gibt etwa sozialpsychologische Studien, in denen Menschen Bilder vorgelegt werden mit weißen und schwarzen Gesichtern, mit Menschen in Anzügen und in Arbeitskleidung. Personen, die Anzug und Krawatte trugen, der Geschäftswelt zuzuordnen waren, wurden eher als „weiß“ eingestuft; Gesichter mit Kleidung aus der Welt der Portiere und Hausangestellten eher als „schwarz“. Es waren aber dieselben Gesichter. Einzig ihr sozialer Status und ihre berufliche Position ließ die einen „schwärzer“ bzw. „weißer“ erscheinen. Hier ist das Merkmal zur Unterscheidung der Mensch in gute und schlechte das Geld. Die Ablehnung hängt zudem mit der Größe von rechtspopulistischen Parteien, aber auch mit der jeweiligen Medienlandschaft zusammen oder ob es zivilgesellschaftliche Gegenbewegungen gibt oder nicht.
Die europäische Wertestudie zeigt, dass Österreich eines jener Länder mit der höchsten Ablehnung gegenüber Zuwanderern ist, obwohl in Österreich nicht die meisten Zuwanderer innerhalb Europas leben. Und im ehemaligen Ostdeutschland, beispielsweise, ist Ausländerfeindlichkeit um ein Wesentliches höher als in Westdeutschland. Nur gibt es im Osten kaum Ausländer.
Haben Ihre Initiativen etwas bewirkt?
Ein Jahr nach dem Lichtermeer hat es einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf die Größe von ausländerfeindlichen Parteien gehabt. Aber die Mitte-Parteien haben später das Thema nicht weiter aufgegriffen, sondern den Hetzern Recht gegeben. Das Lichtermeer war im Nachhinein betrachtet zu moralisch angelegt und zu wenig auf soziale und ökonomische Fragen ausgerichtet. Würden wir jetzt ein Lichtermeer organisieren, würden wir jedoch keine 350.000 Menschen mehr zusammenbringen, weil der Boden in der Mitte schon so vergiftet ist. Außerdem geht es jetzt um andere Formen der Artikulation und der Öffentlichkeit, siehe die Occupy-Bewegung oder die neuen sozialen Medien. Dennoch keimt mit dem neuen Staatssekretär so etwas wie Hoffnung auf, dass sich nun doch allmählich etwas ändert, weil neue Themen und Rahmen gesetzt werden.
Haben Sie ein „Lieblingsvorurteil“, dem Sie öfter begegnen, eines, das Sie oft zu hören bekommen und nicht mehr hören können?
Ja. Dass Menschen, die arm sind, in der sozialen Hängematte leben. Alle Studien widersprechen dem. Eine aktuelle Studie zur bedarfsorientierten Mindestsicherung in ganz Österreich zeigt, dass nur zehn bis 20 Prozent sie als Dauerhilfe bekommen und der große Rest, das sind mehr als zwei Drittel der Bezieherinnen und Bezieher, sie nur zwischen zwei und sieben Monaten als Überbrückungshilfe nutzen. Die ganzen alten Bilder vom Sandler, Trinker, Haftentlassenen entsprechen der Realität schon lange nicht mehr. Die meisten Mindestsicherungsbezieher arbeiten im Niedriglohn-Segment und haben schlecht bezahlte Jobs.
Das Spannende ist ja die Funktion dieses Vorurteils. Es geht dabei um die Verteilungsfrage. Aber anstatt sie bei den oberen 10 Prozent anzusetzen, die die Hauptgewinner der ökonomischen Entwicklung der letzten 20 Jahre waren und einen Großteil des Vermögens besitzen, stellt man sie lieber jenen, die „unten“ sind.
Oft weiß man nicht, dass man Vorurteile hat, und ist dann selbst erstaunt darüber, wenn sie auftauchen. War das bei Ihnen auch schon mal der Fall?
Ja sicher. Ich bin von meiner Ausbildung her Psychologe, gehe in Supervision und kenne Workshops, in denen man sich die eigenen Vorurteile genauer anschaut. Dennoch stolpert man immer wieder über unbewusst ablaufende Vorurteile, die als Sicherheitsmechanismen im Hintergrund im Alltag laufen. Da lernt man, den moralischen Zeigefinger wieder einzupacken.
Sind Sie selbst schon mal „Opfer“ eines Vorurteils geworden?
(überlegt) Ja, da gibt es dieses Gutmenschen-Bild. Der Begriff Gutmensch vermittelt nämlich: „Der hat keine Ahnung von der Realität.“ Und das ist ein sehr wirkungsvolles Vorurteil, weil es deine Argumente und deine Erfahrungen delegitimiert. Ich find‘s natürlich eine Sauerei, weil mehr Realität als in meiner Arbeit geht gar nicht.
Warum halten sich Vorurteile so hartnäckig?
Sie halten sich dann, wenn sie eine Funktion haben und wenn es gilt, die eigene Position abzusichern. Vorurteile sind ein Instrument der Rangordnung: Jemand, der unten ist, soll unten bleiben. Oder dort festgehalten werden, wo ich ihn haben will. Was dabei selten thematisiert wird: Bei der Armenfeindlichkeit und der Unterschichtsdebatte herrscht mittlerweile ein ziemlicher Elite-Rassismus vor nach dem Motto „Diejenigen, die es nach oben geschafft haben, leisten etwas, diejenigen, die unten sind, sind unnütz. Daher zahlt es sich ja nicht aus, in diese zu investieren.“ Diese Haltung hat in den vergangenen drei, vier Jahren zugenommen.
Sie sind Vater von vier Kindern: Welche Vorurteile registrieren Sie bei ihnen?
Vorige Woche haben sie von Konflikten in der U-Bahn mit anderen Jugendlichen erzählt, die sie anstänkern. Die anderen waren Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund. Da kann es vorkommen, dass sie deren Verhalten verallgemeinern und sagen: „Alle Türken sind so.“
Wie gehen Sie damit um?
Wenn sich ihr Ärger auf die Situation bezieht, ist das ja kein Problem. Wenn sie verallgemeinern, und die Welt dann nur mehr aus „Österreichern“ und „Türken“ besteht, dann wird das Gespräch schwieriger., aber auch interessanter.
Sie haben einen Beruf, in dem Sie ständig gegen Vorurteile ankämpfen. Wie vermitteln Sie Ihren Kindern Ihre Werte?
Ich erzähle ihnen viel von dem, was ich tue – und tue viel, worüber ich spreche: Alles andere ist nicht glaubwürdig.
Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Psychologe, freier Mitarbeiter der Straßenzeitung „Augustin“, Lehrbeauftragter am Studiengang Sozialarbeit der FH campus wien. Aktuelles Buch: „Die Integrationslüge. Antworten in einer hyterisch geführten Auseinandersetzung“ (Verlag Deuticke).
Martin Schenk freut sich über gute Musik und
ärgert sich über Blender und Schaumschläger.
Interview: Michaela Gründler
Foto: privat


