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Hervorgehoben II

Sicherer Halt oder quälende Fessel?

Rituale sind ebenso ein Massenphänomen wie ein Teil unserer ganz persönlichen Gewohnheiten. Sinnvoll können sie in beiden Formen sein. Und manchmal sind sie auch einfach nur ein Klotz am Bein auf dem Weg zu Neuem.


Nationalfeiertag, Tag des Kriegsendes, Tag der Befreiung des KZ Mauthausen: Der Präsident und Teile der Bundesregierung treten an – setzen ernste Mienen auf, legen einen Kranz nieder, wahlweise mit oder ohne Musik und mahnenden Worten … das wars. Diese sich seit über 50 oder 60 Jahren wiederholenden Gedenkakte haben längst den Status von rotweißroten Ritualen erlangt – heuer werden sie erstmals relativ lautstark hinterfragt.

Immer kleiner wird die Zahl der Zeitzeugen, der noch lebenden Täter, Opfer, Zuseher, Betroffenen. Die Gruppe jener also, die das Ritual aus ihrer Erinnerung heraus mit Inhalten füllen können. Ihnen gegenüber steht eine immer größer werdende Gruppe Spätergeborener, für die es keine Erinnerung an die Ereignisse gibt. Und daher auch kaum Inhalte, die es „niemals zu vergessen“ gelten könnte. Die Zweite Republik (und nicht nur sie) muss Gruppen- oder gar Massenrituale, denen keine Inhalte mehr zugeordnet werden können, kein gemeinsames Erinnern oder Empfinden, dringend hinterfragen und reformieren. Denn Sinn-leere Rituale schaden dem Ereignis, dem sie gewidmet sind. Und jeder, der nicht mitmachen will bei einem Ritual, dass für ihn leer ist, sollte es tatsächlich bleiben lassen.

Rituale sind ein Kommunikationsprozess. Werden sie von einer breiten Masse nicht verstanden oder als miterlebbar empfunden, weil sie geheimnisvoll oder fremd sind, dienen Rituale seit jeher auch als Vorwand für Ausgrenzung und Angstmache. Allzu gut wissen das jene Vereine, Kultur- oder Religionsgemeinschaften, die ihre Traditionen, Bräuche, Rituale und Riten weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit vollziehen. Der tiefere Sinn, die Symboliken und das gemeinschaftsstiftende Erlebnis bleiben der „Außenwelt“ verborgen, was enormen Platz für jedwede Spekulation bietet. Meist grundlos, denn Rituale begleiten unser ganzes Leben, keine Kultur kommt ohne sie aus.

 

Rituale helfen uns in Krisen. Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Die althergebrachten Totenbräuche und Trauerrituale der ländlichen, religiös geprägten Kulturen bedienen sich im Prinzip der gleichen Eckpfeiler wie moderne Trauerarbeit – lediglich das Selbstverständnis (routinierte Pflicht versus freiwilliges Angebot) unterscheidet sich massiv. Beide Zugänge haben Vor- und Nachteile. Richtig und passend ist, was den Betroffenen in der Krise hilft. Rituale helfen uns zu lernen. Vor allem im Hort- und Kindergartenalter unterstützen sie das junge Kind sich im komplexen System verschiedener sozialer Welten zu orientieren. Rituale geben Sicherheit und Geborgenheit, sie steigern das Gefühl, mitgestalten zu können und sie strukturieren den Tagesablauf – vom Zähneputzen, über den Tischspruch und den Sesselkreis bis zum Vorlesen am Abend. In der heimischen Schulpädagogik haben einige althergebrachte Rituale (Aufstehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, Morgengebet etc.) an Bedeutung verloren bzw. sind bewusst zurückgedrängt worden. Die USA hingegen setzen nach wie vor auf den „integrierenden“ Wert des „Morgenrituals“ in Grundschulen, aus dem Gebet und Nationalflagge nicht wegzudenken sind.


Auch die Psychotherapie bedient sich verschiedenster Rituale als Werkzeug. Mit ihrer Hilfe sollen Ordnungen wiederhergestellt werden, wo sie nicht mehr als Struktur vorhanden sind. Auch die struktur- und bedeutungsstiftende Kraft von Ritualen für Gruppen wird genützt. Rituale und symbolische Handlungen (z. B. eine Versöhnungsgeste) unterstützen den Therapieerfolg etwa in der Familientherapie und Paarbeziehung. Individuelle Rituale, sprich persönliche Gewohnheiten, sind für jeden von uns alltäglich. Mancher Mensch pflegt sie intensiver und „hängt“ sehr an ihnen – andere benötigen diese Art von gewohnten Strukturen, Verhaltensformen und Erlebnissen weniger. Sie suchen lieber das Neue, Ungewohnte. Sie sind bereit zu Abenteuern und unbekannten Erfahrungen. Die Frage, wer von beiden „Typen“ besser lebt bzw. „mehr“ er-lebt, lassen Psychologen nicht gelten. Für sie steht fest, dass keiner im Schema des anderen glücklich würde. Was für den einen Menschen ein spannender Ausflug in eine neue Erlebniswelt ist, stellt sich für den anderen als beängstigender und in keinster Weise angenehmer Trip in fremdes Land dar.Übrigens: Diese völlige unterschiedliche Gewohnheits-Polung sollte auch bei der Partnerwahl eine ganz entscheidende Rolle spielen. „Die meisten Menschen schauen primär drauf, ob sie mit dem Job oder den Hobbys des eventuell Zukünftigen können. Viel wichtiger wäre jedoch eine Übereinstimmung in der Frage Gewohntes versus Lust auf Neues“, sagt Psychologin Andrea Hammerer und nennt ein einleuchtendes Beispiel. „Wenn sie einen Menschen neu kennenlernen und er trifft sie dreimal hintereinander bewusst im selben Lokal, wo er auch immer wieder das Gleiche bestellt, dann gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sie sind genauso gepolt oder sie lassen es gleich bleiben – denn radikal ändern wird sich der Betreffende in diesem Leben nicht mehr.“


Der Aufbruch zu neuen Ufern, das Hinterfragen oder gar Ablegen von gewohnten Ritualen ist also nicht jedermanns Sache. Doch wer immer die „Chance“ spürt und sich in der Lage dazu fühlt sollte sie ergreifen, sagen Psychologen. Jede Veränderung der Lebensumstände, egal ob hinsichtlich Partnerschaft, Wohnung, Arbeit, Freundeskreis, Hobbys bringt fast immer auch eine Veränderung ritualisierter Gewohnheiten mit sich. Sie werden – oft unmerklich – verändert oder über Bord geworfen. Damit findet, begleitet durch äußere Umstände und daher meist als wenig schmerzlich empfunden, ein „sich hinterfragen“ statt, ein Prozess der Neudefinition und -positionierung. Eine Chance eben.


Völlig OHNE persönliche Rituale würde diese Welt aber kaum funktionieren, und wenn, dann jedenfalls nur mit deutlichen Ausfällen. Vor allem in der ersten Tageshälfte. Chancenlos wären nämlich beispielsweile alle Morgenmuffel, deren Früh-Rituale so wirken, als wären sie von unsichtbarer Hand ferngesteuert. Die deutsche Kulturhistorikerin Christine Tauber hält dazu wissenschaftlich erheiternd fest: „Indem Rituale auf vorgefertigte Handlungsabläufe zurückgreifen, vermitteln sie Halt und Orientierung. Das Ritual vereinfacht die Bewältigung komplexer lebensweltlicher Situationen, indem es durch Repetition hochaufgeladene, krisenhafte Ereignisse in routinierte Abläufe überführt. Auf diese Weise erleichtern Rituale den Umgang mit der Welt, das Treffen von Entscheidungen und die Kommunikation.“ Selbst wenn es nur ein „Guten Morgen“ ist.



Text: Wilhelm Ortmayr

Foto: Luigi Caputo