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Hervorgehoben I
Was will ich von meinem Leben?
Immer wieder verlieren wir im Alltag den Blick für das Wesentliche. Wir konzentrieren uns oft zu sehr auf andere und zu wenig auf uns selbst – und sind überfordert. Wie wir einen klaren Blick auf unser Leben gewinnen und Hoffnung in Phasen der Orientierungslosigkeit finden können, erzählt Psychologin und Trainerin Andrea Kirchtag im Apropos-Gespräch.
Worauf konzentrieren Sie sich in Ihrem Leben?
Ich konzentriere mich darauf, im Hier und Jetzt immer wieder zu erfassen, was die eigenen Werte sind, was mein Lebensplan mit sich bringt, was jetzt gerade angesagt ist für mich und mein Umfeld, um in allen Lebensbereichen im Fluss zu bleiben.
Läuft das bewusst oder unbewusst bei Ihnen ab?
Der Vorteil ist, dass das Unbewusste Tag und Nacht arbeitet. Um eine gute Entscheidung zu treffen, ist eine Verbindung von Verstand und Gefühl wichtig. Daher nehme ich mir immer wieder Zeit, innezuhalten, um meine Prioritäten zu überprüfen. Das Leben ist etwas Dynamisches und es ist wichtig, die eigene Ausrichtung flexibel daran anzupassen.
Was bedeutet für Sie Konzentration?
(überlegt) Konzentration bedeutet für mich Energie, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit auf einen Punkt hin zu lenken. Der Punkt ist der Fokus, die Essenz.
Oft konzentrieren wir uns zu sehr auf andere und zu wenig auf uns selbst. Wie lässt sich hier eine Balance finden?
Nach dem Psychotherapeuten Klaus Mücke hat die Psyche zwei Grundbedürfnisse. Zum einen das Grundbedürfnis nach Loyalität, Teil einer Gruppe zu sein. Zum anderen das Grundbedürfnis nach Selbstverwirklichung, nach dem Ausleben des „Ich will“. Wichtig ist, dass diese beiden Pole in uns nicht streiten, sondern kooperieren. Wenn einer zu stark ausgelebt wird, ist es sinnvoll, den Blick auf den anderen Pol zu richten. Die meisten Menschen erkennen relativ schnell, wo der Großteil ihrer Energien hingeht, wenn sie darauf achten. Sie sollten sich dann auf jenen Bereich konzentrieren, der bei ihnen weniger ausgeprägt ist. Wenn also jemand viel für andere tut, sollte er oder sie seine „Sonden“ einfahren und die Energien nach innen richten, um die eigenen Bedürfnisse wieder stärker zu leben, denn Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Wie bekommen wir einen klaren Blick auf uns?
Wir nehmen im Alltag viele verschiedene Rollen ein wie zum Beispiel als Tochter oder Sohn, als Partner, als Elternteil, als Chef, als Angestellter, als Expertin, als Ehrenamtlicher ... Wichtig ist, hier Klarheit hineinzubringen und sich zu fragen: „Welche Rolle will ich wie füllen? Was erwartet die Außenwelt von mir?“ Man kann nicht alle Rollen mit derselben Zeit und Energie ausfüllen, damit überfordert man sich. Hier gilt es Mut zu fassen, genau hinzuschauen, was verändert werden sollte. Hilfreich ist es dabei, seine Rollen in Form einer Mind Map auf einem Blatt Papier zu skizzieren. Oft erkennen Menschen im Gesamtblick, dass die Verteilung von Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit für sie nicht stimmt. Sie übernehmen zu viele Aufgaben und Verantwortlichkeiten selbst und nehmen andere Personen zu wenig in die Pflicht. Dabei bleiben eigene Sehnsüchte und das eigene Wohlbefinden auf der Strecke und ungelebtes Leben sammelt sich an.
Was kann ich gegen diese Überforderung tun?
Es gibt eine gute Übung dafür, indem man sich fragt: „Was nährt, was zehrt?“ Wenn man sich auf einer Plus-Minus-Liste seine Kraftspender und seine Energieräuber notiert, bekommt man einen guten Überblick. Die Liste kann man auch unterteilen in die Bereiche „Was tut meinem Körper, meinem Gefühl, meinem Verstand und meiner Seele gut oder schlecht?“ Wir brauchen Nährendes auf allen Ebenen, eine Ebene kann eine andere nicht kompensieren. Wer etwa alle Energie nur in seinen Job steckt, vernachlässigt möglicherweise seine emotionalen Bedürfnisse.
Sie arbeiten unter anderem als Projektleiterin bei Frau und Arbeit. Seit 17 Jahren bietet der Verein Beratung, Training und Information für Frauen an. Was sind denn die großen wiederkehrenden Themen, die Ihnen immer wieder begegnen?
Ganz generell ist in unserer Gesellschaft das Sich-selbst-Wertschätzen ein großes Thema. Frauen haben zudem oft das Problem, für sich selbst etwas zu beanspruchen. Bei ihnen sind berufliche Veränderungsprozesse meist mit dem Privaten verbunden, weil immer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mitspielt. Existenzsicherung ist ein weiteres großes Thema bei Frauen: „Wie sichere ich für mich und für die, für die ich verantwortlich bin, die Existenz, wie erhalte ich meine Leistungsfähigkeit?“, hören wir oft in der Beratung. Und Tatsache ist: Armut ist weiblich in Österreich. Leider kommen viele Frauen erst dann zu uns, wenn schon viel passiert ist. Je früher sie zu uns kommen, umso besser ist es, denn Veränderungen brauchen viel Energie und Aufmerksamkeit.
Worauf sollten sich Frauen vor allem konzentrieren?
Darauf, dass sie ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen; dass sie ihre eigene Lebensidee entwickeln und nicht an jene eines anderen andocken. Frauen neigen aufgrund ihrer Sozialisation dazu, sich schnell an andere Menschen anzupassen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Wir hören oft in der Beratung: „Und dann bin ich da reingeschlittert“ – sei es im Beruflichen wie im Privaten. Sinnvoller ist es aber, sich zu überlegen: „Was will ich? Wie soll mein Leben ausschauen“ und sein Leben aktiv zu gestalten. Wichtig ist es auch, sich ein gutes soziales Netz aufzubauen, um viele gute tragfähige Beziehungen zu haben, die einen stützen.
Wie komme ich an meine Lebensidee?
Ein „Big Picture“, ein großes Bild, gibt Menschen Sicherheit und Stärke. Es ist hilfreich, wenn man sich klar wird „Welchen Beruf will ich haben?“, „Will ich Familie?“, „Will ich lieber in der Stadt oder am Land leben?“, statt sich treiben zu lassen. Ein Ziel ist immer dann gut, wenn es dich hinzieht und du nicht geschoben werden musst. Eine Lebensidee lässt sich nicht ein einziges Mal planen und dann war es das. Das Leben ist etwas Dynamisches und unterwirft sich keiner Kontrolle. Wer etwa eine Firma gründet, muss darauf gefasst sein, dass Dinge wie die Finanzkrise passieren können. Daher ist es wichtig, flexibel zu bleiben und den Mut zu haben, seine Lebensidee immer wieder zu reflektieren. In bestimmten Lebensphasen kann es aber auch sehr entlastend sein, einfach zu akzeptieren „Ich weiß aktuell nicht, was ich will“. Das innere Chaos anzunehmen, wirkt befreiend und nimmt Druck.
Wie finde ich Ziele in einer orientierungslosen Phase?
Wenn jemand seine Probleme beschreibt, sind darin oft schon Ziele und Lösungen enthalten. In meinen Beratungen ermutige ich daher die Frauen, sich denken und fühlen zu trauen, ohne schon den Weg wissen zu müssen. Auch wenn vieles noch unkonkret bleibt, entsteht oft eine Richtung, in die es gehen soll. Wenn dann Ziele auftauchen, überlegen wir, wir realistisch diese sind und was bzw. wer bei der Zielerreichung unterstützen kann.
Was sind hilfreiche Methoden, um sich auf sich zu konzentrieren?
Im Alltag ist es wichtig, immer wieder Tempo herauszunehmen und zu entschleunigen – indem man etwa Pausen einlegt, innehält, tief durchatmet, einen Spaziergang oder kurze Entspannungsübungen macht – erst dann kann man sich wieder spüren. Wichtig ist auch, sich seine inneren Antreiber anzuschauen und diese „in den Urlaub zu schicken“. Wir sprechen permanent mit uns selbst. Unser innerer Richter, unsere innere Richterin treibt uns pausenlos mit Sätzen an wie „Du musst perfekt sein! Mach schnell! Du darfst nicht auffallen! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Das erzeugt kein gutes Gefühl in uns, sondern Druck. Wir können aber auch andere Stimmen in uns laut werden lassen wie etwa den unterstützenden Ratgeber, die unterstützende Ratgeberin, um die Aussagen umzuwandeln in stärkende Sätze wie: „Ich schenke mir selbst Zeit und Respekt. Ich weiß um meine Qualitäten und Kompetenzen. Ich erlaube es mir, ein glückliches Leben zu führen. Ich achte meine Bedürfnisse und sorge gut für mich selbst.“ Negative Verhaltens- und Gedanken-Muster lassen sich durchbrechen, wenn es ein starkes Ziel gibt, das einen anzieht.
Manchmal ist es auch hilfreich, sich wohlwollendes, aber kritisches Feedback von Familie, Freunden oder Bekannten einzuholen. Andere Menschen sehen manches deutlicher durch ihre Außenposition.
Worum geht’s im Leben?
(überlegt) Das Leben ist ein Geschenk. Ich denke, es geht darum, dass man dem Leben dienlich ist, indem man seine Energie so einsetzt, dass man Freude und Sinn im eigenen Leben sowie im Leben anderer produziert. Wenn dies auf gesamtgesellschaftlicher Ebene funktionieren würde, würde es uns allen gut oder zumindest besser gehen.
Andrea Kirchtag arbeitet als Projektleiterin für „Gründerinnen und Jungunternehmerinnen“ bei „Frau und Arbeit gGmbH“ und ist als Unternehmensberaterin, Organisationspsychologin, Trainerin und Coach auch selbständig tätig.
Interview: Michaela Gründler
Foto: privat


