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Schreibwerkstatt
Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.
Sieger und Verlierer
Das Ski-Großereignis Kitzbühel ist grade vorbei – ein guter Moment über Sieg und Niederlage nachzudenken. Da ich direkt neben der Gamsstadt geboren wurde, ist dieses Wochenende auch ein besonderes für mich – ich bin natürlich ganz nah bei den Verlierern, so gesehen ...
Was ist ein Sieg wert? Im Sport, im Geschäft, in der Kunst? Im Leben? Hier auf diesem Planeten geht es jeden Tag darum, das Beste aus sich und seinem Tag zu machen – und doch ist alles wieder so relativ, nach ein paar Stunden oft so unbedeutend und irrelevant. Angenommen, du gewinnst den Weltcup, das wichtigste Rennen der Welt, was auch immer – und im nächsten Augenblick stirbt dein Kind oder dein bester Freund. Was ist der Sieg dann noch wert?
Alle Siege hier sind very limited – ohne ihnen jetzt ihren Wert zu nehmen, das wäre feig und ehrlos. Man sollte jedem seinen Sieg gönnen, sogar dann, wenn er unlauter erworben ist, und darauf warten können, bis die Gerechtigkeit siegt – denn das ist in Wahrheit der größte Sieg. Ich habe zwischen 17 und 19 Jahren nach dem Suizid meines Bruders genau 45 Kilo zugenommen, und in einem Jahr wieder 25 Kilo abgenommen, die Aufnahmsprüfung für das Sportstudium geschafft – obwohl ich mir sechs Wochen zuvor noch eine schwere Verletzung zugezogen habe und eigentlich, laut Ärzten, zu dem Zeitpunkt Gips hätte tragen müssen – so gesehen, und wenn man die ganze psychische und persönliche Geschichte weiß, war das ein irrer, gewaltiger, grandioser Sieg, der mir natürlich einen Teufel nützt, eigentlich auch nie etwas genützt hat, und für den ich keinen Fingerhut voll Bier bekomme und nie bekommen habe.
Es macht bitter, wenn man sich umsonst bemüht. Es macht noch viel bitterer, wenn man sehr viel geleistet hat, und es wird nicht anerkannt und nicht honoriert. Und es raubt die Motivation, das ist klar, und trotzdem ändert es nichts. Aufgeben und sich in Selbstmitleid ergehen ist natürlich das Einfachste – aber es hilft nicht! Was sehr wohl hilft, ist seine Siege und Niederlagen zu relativieren. Eine Freundin sagte einmal: „Sammle deine Niederlagen und mach daraus Siege.“ Nun, ganz so einfach, wie sich das anhört, ist es natürlich nicht, aber im Grunde ist das schon richtig: Sobald man seine Niederlage annimmt, kann man sie verwerten. Solange man dagegen ankämpft, wird sie schlimmer und mächtiger.
Ich gebe zu, dass ich zu viele Niederlagen angesammelt habe – wohl auch aus diesem Grund, weil ich so stur war und es nicht habe akzeptieren können. Und weil natürlich jedes Toleranzmaß und -gefäß irgendwann voll ist. Aber im Gegenzug gibt es so viel Einzigartiges und Wunderbares für jeden Menschen, dass man diesen Gedanken einfach nicht so viel Raum geben darf. „Der Zweifel kommt vom Teifel“, heißt ein Spruch aus dem Volksmund. And: „Always look on the bright side of life“, heißt es in Monty Pythons „Das Leben des Brian“.
Wenn sich Niederlagen häufen, kommt es unweigerlich zur Schuldfrage, und in der Regel auch zu Schuldzuweisungen, die zwar menschlich sind, aber absolut nicht hilfreich – und da ist es gar nicht so wichtig, ob man sich oder anderen Schuld zuweist, es macht die Sache immer nur noch schlimmer.
Egal, wie furchtbar ein Verlust, bzw. eine Niederlage, sein können, wirklich Aufwärtsgehen kann es nur, wenn man sich innerlich aussöhnt, sprich es akzeptiert – auch wenn man noch so beleidigt, verletzt und zerstört ist.
Das kann natürlich sehr, sehr lange dauern und oft dauert es ewig. Wer zu lange hadert, der stirbt innerlich, auch wenn er erfolgreich ist und in lauter Gesellschaft. Denn es geht nicht um die Qualität des Theaters, das man spielt, es geht um die innere Vergebung.
Am allerschwersten ist es mitunter, sich selber zu vergeben. Am schlimmsten nagen die Selbstzweifel und -anklagen, sie machen vollends wehrlos und ohnmächtig. Wer sie überwinden kann, hat mehr gewonnen als ein Hahnenkammrennen – der hat sich selber gewonnen! Sich zuschütten und zudröhnen ist natürlich viel, viel einfacher und naheliegender, und ich glaube, dass jede Sucht genau dort ihren Ursprung findet: in inneren Verletzungen, die man sich nicht eingestehen, nicht verzeihen und so auch nicht lösen kann.
Als man mir vor etwa 25 Jahren eine Psychotherapie gratis angeboten hat – ein großzügiges Angebot vom Land Salzburg – habe ich das entrüstet von mir gewiesen. Heute glaube ich, dass ich mir unendlich viel Leid und Irrwege erspart hätte, wenn ich dieses Angebot genützt hätte.
Manchmal muss man auch das Lernen erst wieder lernen – zu Gefühlen finden, die unter dicken Wällen von Wut, ungelebter Trauer, Stolz und Verzweiflung liegen. Es ist oft viel leichter, und die Versuchung riesig groß, sein Leben wegzuschmeißen, weil man es weder als wertvoll noch als erträglich erlebt. Und manchmal kann man nur hoffen, dass man dann doch nie den Mut dazu findet. Denn, was kann es für ein großartigeres und einzigartigeres Geschenk sein, welch wunderbarer Sieg, sich so anzunehmen wie man ist – mit allen Narben und Niederlagen, mit allem was man nicht erreicht hat und oft auch nie mehr erreichen wird. Ganz schaff ich es noch nicht, die Enttäuschung ist zu groß – aber vielleicht wird es mir irgendwann in naher oder ferner Zukunft doch gelingen!
Text: Christoph Ritzer
Foto: Bilderbox


