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Schreibwerkstatt
Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.
Maskenball
Wunderschöne venezianische Masken, wie sie jeder kennt, kommen mir in den Sinn, wenn das Wort „Maskenball“ fällt, so wie man sie aus Filmen oder aus geschichtlichen Erzählungen kennt, oder wie man sie im Theater verwendet, um den Leuten zu verdeutlichen, wen oder was die Figur darstellt, ob sie böse oder gut ist, ein Griesgram oder ein sprichwörtlicher Klassenclown. Doch wenn man es genau betrachtet, ist das ganze Leben ein Maskenball. Wir kommen auf die Welt, unschuldig und hilflos, aber wir lernen mit der Zeit, wie man dem entgegenwirken kann: Wir setzen uns eine unsichtbare Maske auf, die wir das ganze Leben über tragen. Mal öfter, mal seltener und oft wechselt sie die Form, um sich den Personen um uns herum anzupassen. Wir haben die Masken die ganze Zeit auf, in der Hoffnung, dass die Mitmenschen nicht erkennen, wer wirklich dahintersteckt, nämlich ein Mensch, der oft nicht so gelassen und glücklich ist, der auch verzweifelt und traurig ist. Und genau das versuchen wir zu verhindern. Niemand soll merken, wie es in uns wirklich aussieht, wie verzweifelt wir innerlich sind, denn wie reagiert unsere Gesellschaft, wenn es jemandem mal nicht so gut geht? Meist mit Ablehnung und Unverständnis. Und sollten wir doch mal für kurze Zeit die Kontrolle über unsere Maskerade verlieren, hört man sofort Sprüche wie: „Jeder hat mal einen schlechten Tag“ oder „Das wird schon wieder, wirst schon sehen.“ Und tatsächlich: Kurz darauf geht es uns wieder gut. Besser gesagt es hat den Anschein, als wäre alles wieder gut. In Wirklichkeit geht es uns immer noch schlecht, doch wir wollen nicht, dass andere das sehen, weil dann sofort die Gespräche der Mitmenschen untereinander beginnen. Sie rätseln, was mit einem los ist, ob man depressiv ist oder einfach nur „nicht richtig tickt“, anstatt auf ebendiese Menschen zuzugehen und versuchen zu helfen. Jetzt mal ehrlich: Es gibt sicher genug Menschen auf dieser Welt, die wissen, wovon ich rede. Man kann diese Gespräche nicht verhindern, außer man hat von Haus aus diese Maske auf, durch die nur wenige blicken können. Und genau diese Menschen, die unsere geistige Verkleidung durchbrechen können, sind wichtig. Es ist egal, ob die Person ein Verwandter ist, Vater, Mutter, Geschwister oder vielleicht die beste Freundin beziehungsweise der beste Freund. Jeder Mensch braucht jemanden an seiner Seite, der immer sieht, wie es uns geht, egal ob wir glücklich aussehen oder traurig, der mit uns unseren Lebensweg beschreitet und mit dem wir uns immer offen und ehrlich austauschen können. Der uns manchmal sogar besser kennt, als wir uns selbst. Denn auch wenn wir es nicht zugeben wollen, wir brauchen jemanden auf diesem Maskenball des Lebens, um ihn genießen zu können.
Text: Verkäufer Thomas


