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Hervorgehoben I

„Habe ich heute schon gelebt?“

Gute Beziehungen zu anderen Menschen sind wichtig. Am allerwichtigsten ist jedoch die Beziehung zu sich selbst – und die gestaltet sich häufig am schwierigsten. Warum wir uns selbst oft am wenigsten mögen und wie sich das ändern lässt, erzählt der Psychotherapeut und Buchautor Uwe Böschemeyer im Apropos-Gespräch.



Sind Sie sich selbst ein guter Freund?

Manchmal. Je geduldiger ich mit mir bin, desto freundlicher werde ich mir gegenüber. Ich hab’s noch nicht zur Meisterschaft gebracht, aber es wird immer öfter in meinem Herzen heller mir selbst gegenüber.


Wir sind zu anderen Menschen oft viel netter als zu uns selbst. Warum ist das so?

Weil wir ihnen gefallen wollen und weil wir möchten, dass gut begonnene Beziehungen auch gut weitergehen. Aber auch, weil uns unsere eigenen Schwächen oft mehr bewusst sind als unsere Stärken und wir bei anderen Menschen mehr Positives wahrnehmen.


Was lässt sich dagegen tun? Wie können wir uns selbst der beste Freund, die beste Freundin werden?

Der Spiegel gibt uns die einzige Möglichkeit, uns selber zu begegnen. Ich kann daher nur empfehlen, sich morgens im Spiegel freundlich zu begegnen. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit sich selbst gegenüber kommt auf, ein Gefühl, dass ich dafür zuständig bin, dass es mir gut geht. Wichtig ist auch, dass wir uns immer besser kennenlernen, sowohl unsere Stärken wie unsere Schatten. Je weniger wir uns vormachen und je klarer wir in Bezug auf uns selber sind, desto mehr akzeptieren wir uns.


Also frei nach dem Philosophen Friedrich Nietzsche: „Werde der, der Du bist.“

Ja, es ist ganz wichtig, dass wir uns überlegen, wie wir sein möchten und welches Potential in uns steckt. Es lohnt sich, danach zu suchen, worin wir liebenswert sind. Manchmal hilft es schon, wenn man sich ein Blatt Papier nimmt und darauf schreibt, was man so richtig an sich mag. Ich kann auch einen Freund auffordern, mir zu sagen, was er an mir schätzt.

Wir finden auch zu uns, indem wir Leidsätze erkennen und zu vermeiden versuchen, die permanent in uns ablaufen wie zum Beispiel „Das habe ich noch nie gekonnt!“ oder „Ich Idiot“. Besser ist es, sie durch Leit-Sätze zu ersetzen wie etwa „Das habe ich ziemlich gut gemacht“ oder „Und ob ich das schaffe!“.

Und natürlich, indem ich aufräume mit Verletzungen meiner alten Zeit. Das Leben findet bekanntlich in der Gegenwart statt. Ich treffe oft auf Menschen, die alten Groll mit sich herumtragen. Man muss deshalb nicht gleich zum Therapeuten gehen. Es kann schon hilfreich sein, einem Freund die ganze Lebensgeschichte zu erzählen und sich dabei nicht unterbrechen zu lassen. Während der Erzählung kommt dann Schönes und Schmerzliches hoch. Dadurch kann das Gefühl der Klarheit und des Zusammenhangs entstehen: „Aha, das war also mein gelebtes Leben. Darauf kann ich stolz sein. Aha, das war MEIN Leben. Zudem wachsen wir, indem wir Aufgaben nicht ausweichen und uns Herausforderungen stellen.


Was ist das Um und Auf der Selbstliebe?

Das Ja zu mir trotz meiner Schwächen. Akzeptieren, dass ich ein Mensch bin, der liebenswert ist und zugleich immer an seine eigenen Grenzen stößt. Ein Ja zu mir, wie ich gegenwärtig bin, frei von Selbstvorwürfen und Anklage. Die Freude über mich selbst, dass ich am Leben bin. Dass ich mich bedingungslos akzeptiere.


Wie, wo und wann lernen wir uns selbst am besten kennen?

In der Stille. Indem wir uns zumuten, uns täglich Zeit zu nehmen oder etwa unter der Woche an den See zu fahren. Dann spricht die Seele aus, was wir sonst chronisch überhören. Stille ist der Ort, an dem sich die Seele zu zeigen beginnt. Ich begegne mir auch selbst, wenn ich Musik höre, die ich besonders mag, weil sie die tieferen Schichten meiner Seele berührt. Wir lernen uns auch in der Not gut kennen, weil sie uns an unsere Grenzen bringt und uns unter Umständen zwingt, Altes aufzugeben und Neues zu suchen. Und natürlich durch die Liebe, weil sie uns dabei hilft, uns anzunehmen und offener anderen gegenüber zu werden.


Was passiert, wenn wir uns nicht wahrnehmen, uns nicht selbst spüren?

Wenn ich keine starken Emotionen erlebe, weder positive noch negative, dann gleiche ich einem Schiff, das keine Ruder mehr hat. Ich werde zuerst mir selbst gegenüber gleichgültig, dann werden mir die anderen gleichgültig, dann das ganze Leben. Dann nehme ich auch nicht wahr, wie sich eine Krankheit in mir entwickelt, dann bin ich mir selbst fremd.


Sollen wir uns also Krisen und Krankheiten wünschen, damit sie uns aufrütteln, um wieder den Wert des Lebens zu erkennen?

Nein, unter keinen Umständen! Die kommen von selber. Aber wir sollen offen für Krisen sein und nachdenken: Was will uns diese Krise sagen? Krisen sagen oft: „So läuft das nicht mehr, wie Du das bisher gemacht hast. Schau hin, was Du ändern solltest.“ Die Krise ist wie das Fieber der Seele.


Warum fällt es uns so schwer, im Moment zu leben?

Weil wir zu sehr von der Vergangenheit belastet sind, von Leid, Unglück und Groll. Und weil viele Menschen in der Gegenwart nicht genug Sinnvolles vorfinden, für das es sich im Jetzt zu leben lohnt. Viele verlegen das richtige Leben auf morgen und sehnen sich aus der Gegenwart heraus in eine Zukunft, die noch nicht ist.


Was kann ich dafür tun, mehr im Moment zu leben?

Indem ich mir morgens 15 Minuten Zeit nehme und überlege: Was will ich heute unbedingt erleben? Worauf will ich auf keinen Fall verzichten? Welche bewusste Ich-Inseln will ich mir heute gönnen? Zum Beispiel kann ich mir vornehmen: „In diesem Gespräch werde ich mich durchsetzen.“ „Weil es heute schön ist, erlaube ich mir, einen Sonnenspaziergang am Nachmittag.“ „Ich werde mit dieser Aufgabe nicht eher aufhören, bis ich sie endlich zu Ende gebracht habe.“


Sie plädieren dafür, sich täglich die Frage zu stellen: „Haben Sie heute schon gelebt?“ Das geht ja auch in diese Richtung ...

Ja, das ist die Frage für den Abend. Da ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen und Stichworte zu machen: Wo war ich heute ganz bei mir, ganz gegenwärtig? Der Vorteil ist, dass sie am nächsten Tag aufmerksamer für solche Momente werden und es ihnen immer besser gelingt, im Moment zu leben.


Interview: Michaela Gründler

Foto: privat