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Schreibwerkstatt: Versehentlich

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Versehentlich

von Verkäuferin und Schreibwerkstatt-Autorin Monika Fiedler

Ich war Au-pair-Mädchen in Paris. Ich war das erste Mal in Frankreich. Ich konnte kein Wort Französisch. Ich ging dort jeden Tag zwei Stunden in die Schule, von Montag bis Freitag. Nach drei Monaten konnte ich schon gut sprechen. Ich passte auf einen fünfjährigen Buben und ein zweijähriges Mädchen auf. Der Vater war Galerist, die Mutter arbeitete in einem Blutlabor.
Ich fuhr damals noch mit dem Orientexpress nach Paris. Ich fuhr die ganze Nacht durch. Zu Weihnachten bekam ich frei. Ich entschloss mich, mit dem Flugzeug nach Hause zu fliegen. Der Flug war nicht so teuer. Ich flog hin und retour. Damals ging es turbulent zu in Frankreich. Überall gab es Streiks. Es gab Poststreiks und Fluglinienstreiks. Dennoch gab es ein paar Flüge. Also fuhr ich mit der Metro zum Flughafen, zwei Tage vor Weihnachten.

Am Flughafen angekommen kannte ich mich nicht aus. Ich bin vorher noch nie mit einem Flugzeug geflogen. Versehentlich ging ich zum falschen Gate. Dann wartete ich eine Stunde, in der Annahme, dass das Flugzeug doch noch fliegen würde. Selbstverständlich war mein Flug schon weg. Ich fragte am Schalter nach dem Flug nach München. Die Schalterangestellte gab mir zu verstehen, dass ich meinen Flug schon versäumt hatte. Ich war traurig und enttäuscht. Die Schalterdame machte mir daraufhin ein Angebot. Sie bot mir einen Linienflug am nächsten Tag an. Ich musste nichts draufzahlen. Sie war auch so nett und fuhr mich mit ihrem Auto bis vor die Haustüre meiner Arbeit. Einer Wohnung im 17. Arrondissement. Ich flog am darauf folgenden Tag nach München und war happy.