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Hervorgehoben

Das wünsch ich mir

Wir wollen haben, was wir nicht besitzen, wollen sein, was wir nicht sind. Das Wünschen, die Sehnsucht und das Begehren sind tief im Menschen verankert. Aber wann sind wir zufrieden? Wann haben wir genug? Und welche drei Wünsche bleiben am Ende übrig, wenn die gute Fee uns danach fragt?



Ein Geschäft mit gefüllten Regalen, alles was das Herz begehrt, und das Beste daran, man darf sich nehmen, was man möchte, es kostet nichts. Das Paradies gibt es wirklich, und zwar inzwischen über 50 Mal im deutschsprachigen Raum. Es heißt Umsonstladen. Niemand muss hier seine „Bedürftigkeit“ nachweisen, jeder kann kommen, bringen oder nehmen. Um Spenden wird gebeten, denn für die Miete und Betriebskosten der Läden muss dann ja doch gezahlt werden. Manchmal wird auch reglementiert, wie viel man einpacken darf, die Drei-Teile-Regel hat sich bewährt. Das Vorbild der Umsonstläden lieferten in den 1960ern die Diggers, eine politisch-künstlerische Aktionsgruppe, die in San Francisco die ersten „Free Stores“ betrieb. Ihnen, wie auch den Befürwortern der Gratisgeschäfte heute, war und ist der Traum einer geldfreien Umsonst-Ökonomie gemein. Und die würde unser Wunschverhalten radikal beeinflussen. Denn der Ausgangspunkt eines jeden Wunsches ist das „Nicht-Haben“.


Auslöser und Produzenten von Sehnsüchten sind fast immer die Medien. Auf Knopfdruck wecken sie Bedürfnisse und Erinnerungen, die den „Jetzt-Zustand“ ausblenden. Wir sehen Idealtypen, Idealverhältnisse, Idealorte und Idealleben. Wir selbst und alles was uns umgibt, erscheinen uns dagegen minder. Plötzlich ist sie da, die Sehnsucht nach dem „So-Sein-Wollen“, dem „Auch-Haben-Wollen“ oder wenigstens dem „So-Scheinen-Wollen“.


Was vielleicht schon lange in unserem Unterbewusstsein schlummerte, kommt uns schmerzhaft in den Sinn. Dieser Vorgang ist kein neuer, davon berichtete bereits Freud ausführlich und er wird von der modernen Hirnforschung bestätigt: Bewusstsein und Unterbewusstsein sind zwei funktional unterschiedliche System, die auch unterschiedlich arbeiten. Je nachdem, wie unsere inneren Bewegungen angelegt sind, tendieren wir mal eher hier und mal eher dort hin. „Absicht“, „Entschluss“, „Wollen“, Schwenk zum Bewussten. „Trieb“, „Bedürfnis“, „Begehren“, Schwenk zum Unbewussten. Das Glück des Wünschens nun, liegt in der vorübergehenden Harmonie zwischen beiden Systemen: Dem Bewusstsein gelingt es zu benennen, was das Unbewusste schon weiß.


Aber, sind das jetzt auch wirklich meine Wünsche? Oder wünsche ich mir nur „sozial Erwünschtes“, also all jenes, was andere sich (für mich) wünschen? Die Eltern, mein Partner, die Gesellschaft? „Entdecke dich selbst“, forderte bereits die griechische Philosophie, was man als Anregung verstehen kann, immer wieder zu überprüfen, ob die eigenen Glaubensgrundsätze denn noch gültig sind, und ob es noch überhaupt die eigenen sind. Schön ist es, wenn wir unsere Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen jemandem mitteilen können, der uns und unsere Sehnsüchte auch ernst nimmt. Drehen wir uns nämlich damit alleine im Kreis – ohne Hoffnung auf etwaige Erfüllung – kann uns das passieren, was die französische Philosophin Simone Weill am eigenen Leib erfuhr: die wohlgebildete junge Frau wollte in den 1930ern das Los der Landarbeiter und Fabrikarbeiter nicht nur überdenken, sondern auch teilen. Sie arbeitet als eine von ihnen in der Fabrik und lernt dort „jenes Unglück kennen, in dem alle Wünsche sterben: das wunschlose Unglück.“ Sie philosophiert: „Unter allen Leiden, die uns zustoßen können, ist das Unglück etwas besonderes, etwas Einzigartiges und Unvergleichliches. Es bemächtigt sich der Seele und prägt ihr bis ins Innere einen Stempel auf. Der Unglückliche verachtet sich selbst, er hat keine Wünsche mehr und die anderen Menschen meiden ihn.“


Die Wissenschaft belegt mittlerweile Weills Erfahrungen: Neurologen haben das Gehirn von normalen Menschen und das von Mönchen mit jahrzehntelanger Meditationspraxis untersucht. Bei den Normalsterblichen war ohne Unterbrechung jenes Zentrum aktiv, das bei unseren Vorfahren nur in Situationen akuter Todesangst aktiv war. Das Panikzentrum der Mönche war hingegen weitgehend inaktiv. Fazit: wer wohldurchdacht wünschen möchte, braucht einen klaren Kopf. Den brauchen auch Manager und Profisportler. Nicht umsonst gilt Mentaltraining heute als einer der Väter des Erfolgs. Und genau diesen spielen Menschen in Spitzenfunktionen gerne mit allen Sinnen und in allen Einzelheiten durch. Schon im Vorfeld zu spüren, wie sich der ersehnte Sieg, der gewünschte Erfolg anfühlen, entspannt, macht dankbar und mindert nachweislich die Zweifel.


Schützenhilfe bekommt diese These auch von einem Wissenschaftszweig, von dem man es nicht vermuten hätte, der Quantenphysik. Manch ein Physiker ist davon überzeugt, dass Realität durch Bewusstsein erschaffen wird. Es gelte manchmal also den Verstand zu überzeugen, dass es durchaus wunderbare (wenn auch unerklärliche) Phänomene gibt, und zu akzeptieren, dass diese Wunder ab und zu auch im eigenen Leben erscheinen.


Und hat sich dann ein sehnlicher Wunsch wie durch ein Wunder, tatsächlich erfüllt, dann ist alles gut. Oder nicht? Der englische Schriftsteller Oscar Wilde spöttelte, es gäbe beim Wünschen zwei Arten von Unglück: das eine, wenn sich der Wunsch nicht erfülle, und das anderer, wenn er sich erfüllt.


Oft verlieren Wünsche, wenn sie in Erfüllung gehen, ihren Glanz. Im Märchen kann man das nachlesen, denn hier spielen Wünsche eine große Rolle. Viele der alten Volksmärchen beginnen mit dem Satz: „Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat ...“. Das Wunschdenken ist dort eine machtvolle Überlebenshilfe. Da gibt es die geschlossenen Wünsche („Da wollte die älteste Tochter Perlen, die zweite Diamanten ...,) und die, die auf den ersten Blick zwar auch konkret anmuten (... die dritte aber sprach: „Lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen“), die aber Auslöser für dramatische, unvorhersehbare Geschehnisse sind. Denn das Löweneckerchen (die Lerche), das es zu fangen gilt, führt zu einem verzauberten Königssohn, der tagsüber ein Löwe, in der Nacht aber ein schöner Prinz ist ... Natürlich geht das Märchen gut aus, Prinz und die weniger oberflächliche Tochter finden zueinander, zurück bleibt die Moral: Es gibt Wünsche, die ins offene, und damit auch in Unberechenbare führen. Wünsche können Begegnungen auslösen, und haben oft viel mehr mit dem Sein und Entwicklung zu tun, als mit dem statischen Haben. Denn bloßes Haben, das wussten bereits die alten Märchenerzähler, macht auf Dauer nicht glücklich.


Was also sollen wir uns wünschen, wenn dann tatsächlich eines Tages die wunderschöne Fee mit ihrem glitzernden Zauberstab vor uns steht und uns drei Wünsche gewährt? Schaut man sich dazu in Internetforen um, wo genau diese Frage gestellt wurde, wird schnell klar: Bescheidenheit steht im Vordergrund. Gesund wollen die Menschen bleiben, und das wünschen sie sich auch für ihre Familien und Freunde. Genug Geld wollen sie haben – gerade genug, dass es an nichts fehlt, die Schulden getilgt sind. Und zufrieden wollen sie sein: einen sicheren Job haben, der ihnen Spaß macht und in einer glücklichen Partnerschaft leben. Bis an ihr Lebensende, wie es so schön im Märchen heißt. Ein Happy End also? Ja, sicher – bis das Sehnen und Wünschen von vorne beginnt. Und das ist auch gut so, denn das Begehren nach Wunscherfüllung ist eine starke Kraft. Etwas Neues zu beginnen.

 

 

 

Buchtipp:

Wer seinen Wünschen „Hand und Fuß geben möchte“, kann sie künftig im Detail in „Mein Buch der Wünsche“ eintragen. In große Kapitel gegliedert (von „So bin ich“ über „Meine Wünsche erkennen“ bis „Mein Weg zum Ziel“) gibt es dort viele verschiedene Rubriken, die es einem erleichtern seine Wünsche zu konkretisieren – und so bei der Wunscherfüllung kräftig mitzuhelfen.


Yvonne Niewerth: Mein Buch der Wünsche, Sanssouci-Verlag im Carl Hanser Verlag, München 2010, 17,40 Euro

 

 

Text: Anja Keglevic
Foto: Rita Bürgler
Ausgabe: Dezember 2010