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Hervorgehoben
Die Abweichung ist das Ziel
Das Leben von Erziehungscoach & Trainerin Edith Lettner (45) verlief alles andere als geradlinig. Persönliche Schicksalsschläge, aber auch unerwartete berufliche Herausforderungen haben die AHS-Lehrerin vor allem eines gemacht: offen fürs Leben. Diese Offenheit möchte sie in ihren Seminaren und Workshops an Kinder, Jugendliche & Eltern weitergeben.
Sind Sie eher ein Mensch, der den direkten Weg wählt oder der sich lieber für den Umweg entscheidet?
In meinem Leben ist eigentlich immer alles auf mich zugekommen. Sobald ich versucht habe, etwas direkt anzugehen, hat es nicht funktioniert. Zufälle, oder besser gesagt scheinbare Zufälle, und Umwege waren immer entscheidende positive Impulse in meinem Leben.
Ordnen Sie doch bitte beiden Wegformen je drei Adjektive zu.
Der direkte Weg ist zielführend, gerade und manchmal anstrengend. Umwege sind überraschend, spannend und entwicklungsfördernd.
Eltern haben vor der Geburt ihres ersten Kindes meist ganz klare Vorstellungen, wie das Leben mit Kind ablaufen wird: harmonisch, entspannt, beseelend – die Realität ist dann in geschätzten 99 Prozent aller Fälle ganz anders. Was würden Sie werdenden Eltern raten?
Ich würde sie darauf hinweisen, dass jedes Kind ein Wunder ist – und von Anfang an eine einzigartige Persönlichkeit und einen eigenen Willen hat. Beides lässt sich nicht immer mit den Wunschvorstellungen der Eltern vereinbaren.
Sie sind Trainerin für liebevolle Erziehung – was sind die Merkmale einer solchen Erziehung?
Die wichtigsten Merkmale sind für mich eine Liebe, die das Kind wahr- und ernst nimmt sowie ehrliches Bemühen. Perfekte Eltern sind für Kinder eine riesengroße Hypothek. Alle Kinder schätzen es, wenn ihre Eltern authentisch sind. Interessanterweise sind es oft die sogenannten schwierigen Kinder, die erbarmungslos enttarnen, wenn Erziehung mehr mit gesellschaftlichen Normen und Zwängen zu tun hat als mit dem ehrlichen Anliegen der Eltern. Kinder können übrigens viel besser mit vermeintlichen Schwächen ihrer Eltern umgehen, als diese vermuten. Deshalb könnten diese bei Erziehungsproblemen ruhig öfter mal fragen: „Wie können wir das gemeinsam schaffen?“ Wichtig ist dabei, dass die Elternrolle nicht nur ehrlich und liebevoll, sondern auch klar bleibt. Die Rollen dürfen sich nicht plötzlich umkehren.
Kaum jemand würde heute noch behaupten, sein Kind antiautoritär zu erziehen – und trotzdem scheinen immer mehr Kinder Schwierigkeiten zu haben, natürliche „Autoritätspersonen“ wie Eltern und Lehrer anzuerkennen, Regeln einzuhalten und Grenzen zu akzeptieren. Was läuft da falsch?
Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten, das hat bei jedem Kind andere Gründe. Manchmal fehlen klar definierte Regeln oder es gibt zu viele, manchmal herrscht aus Angst vor Autoritätsmissbrauch ein zu großer Verhandlungsspielraum, das heißt, es wird ständig über alles diskutiert, anstatt dass ein klares „Nein“ ausgesprochen wird. Und in anderen Familien ist den Kindern einfach nicht klar, was ihre Eltern eigentlich von ihnen erwarten. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt: je offener und authentischer die Eltern artikulieren und vorleben, was ihnen selbst im Leben wichtig ist, umso klarer können die Kinder sich orientieren und Grenzen akzeptieren.
Manchen Eltern scheint die Liebe zu ihren Kindern, häufig vor allem in der schwierigen Phase der Pubertät, regelrecht abhanden zu kommen. Auf welchem Weg können sich Eltern und Kind wieder annähern?
Pubertät bedeutet Loslösung – und zu diesem Prozess gehört leider auch, die Eltern zurückzustoßen – nicht aber die Kinder. Und wenn es mal ganz schlimm wird, kann man sich vielleicht ins Gedächtnis rufen, dass die Pubertät nichts anderes ist als eine wiederholte Trotzphase („Ich will selber!“), nur eben mit jeder Menge Hormone. Die große Kunst von Eltern ist es jetzt, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen der Vermittlung klarer Regeln und Werte und der Möglichkeit, dass die jungen Menschen jetzt ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen. Immer hilfreich sind ehrliche Gespräche auf Augenhöhe, die den jungen Menschen ernst nehmen. Und zwischendurch kann man dem Kind ruhig mal sagen, wie lieb man es hat – auch wenn es gerade unausstehlich ist.
Es gibt den Begriff der „Umwegerziehung“. In dieser gestatten Eltern, die es sich leisten können, ihren Kindern eine Auszeit, eine „Abzweigung“ vom herkömmlichen Bildungssystem – indem sie z. B. mit ihnen ein Jahr auf Weltreise fahren, sie Zuhause unterrichten etc. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich ist das Ausweiten des Rahmens sehr positiv. Es kann aber auch durchaus Kinder geben, die einen fixen Rahmen brauchen. Vor meinen Augen entsteht da folgendes Bild: Früher gab es große Wälder zum Spielen, heute nur noch den Stadtpark – und da sitzt hinter jedem Busch die Mama. Es scheint, als müsse man die abenteuerlichen Wälder von früher heute künstlich ersetzen.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die es kaum erlaubt, von der Norm abzuweichen. Wer „anders“ ist, wer „Schwächen“ hat, aber auch wer versucht gegen den Strom zu schwimmen, läuft Gefahr, aus dem gesellschaftlichen Gefüge herauszufliegen. Was bedeutet das für Eltern und Kinder?
Der Druck ist eindeutig größer geworden. Und wird durch die Sorge der Eltern an die Kinder weitergegeben. Ich habe weinende Siebenjährige am Rande des Nervenzusammenbruchs bei mir in der Praxis sitzen gehabt, weil sie einen Zweier im Zeugnis hatten. Ihnen saß die Angst im Nacken, dass sie nach der vierten Klasse nicht ins Gymnasium dürfen. Es kann doch nicht sein, dass so ein kleiner Mensch erklärt: „Mein Leben ist vorbei!“ Da muss man vor allem den Eltern ganz schnell das Vertrauen vermitteln, dass ihre Kinder auch dann ihren Weg machen, wenn er nicht ganz konform ist. Auch hier sind es vor allem die Kinder mit Verhaltensoriginalitäten, die ihre ganz eigene Weisheit entwickeln und deutlich aussprechen, was sie brauchen, um weiterzukommen. Manchmal ist das nur der Wunsch nach ein bisschen mehr Geduld und Menschlichkeit.
Mit dem Family-Support-Training wollen Sie Eltern ermuntern, neue Wege in der Erziehung zu gehen. Was sind da die häufigsten Aha-Erlebnisse?
Die Erkenntnis, dass positive Verstärkung und Rückmeldung in der Erziehung viel mehr bringt, als immer nur zu schauen, was nicht klappt und was einem fehlt. Es ist so viel schöner, sich zu überlegen: „Was gefällt mir an meinem Kind, an meinem Partner, an meiner Familie?“, als sich ständig alles schlechtzureden. Im Family-Support-Training entwirren wir oft ein großes Erziehungsknäuel. Die Methoden zeigen, in welchen Bereichen man selber etwas ändern kann und wo man sich besser Hilfe von außen holt.
Edith Lettner
Coaching - Training - Lebens- und Sozialberatung
Karlsbader Straße 18, 5020 Salzburg
0676 / 843766614 oder edith.lettner(at)aon.at
Interview: Anja Keglevic
Foto: privat
Juni-Ausgabe 2010


