Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

(K)eine von euch

Irgendwann im Oktober 2008 war es so weit. Ich steige mit meinem voll bepackten Kinderwagen, meiner kleinen Tochter auf dem Arm aus dem Bus und mein Sohn kommt einfach nicht mit. Er bleibt zurück, der Bus fährt weg und er mit ihm. Ich versuche die Oma des Krabbelstubenfreundes zu erreichen, welche mit uns im Bus fuhren, um dort mein Kind ausfindig zu machen. Doch leider ist das Guthaben auf meinem Handy auf null und das Postamt sperrt vor meiner Nase zu. Die nächstgelegene Wachstube, die mir in den Kopf kommt, ist die Rathauswachstube, aber da will ich nicht hin. Weil ich schon einmal schlechte Erfahrungen mit den Beamten dort gemacht habe, suche ich lieber nach der nächsten Stelle – die ist am Bahnhof. Ich steige also mit Kleinkind und Wagen in den nächsten Bus und fahre zurück zum Bahnhof. Am Weg suche ich nochmals den Fahrer der Buslinie auf und erkundige mich nach dem Verbleib meines Sohnes. Diesmal mit positiver Antwort. Er sei jetzt in polizeilichen Händen, man hatte mich schon gesucht.

 

Bei der Wachstube angekommen, werde ich mit unfreundlichen Worten begrüßt und nach Schilderung meines Problems noch viel unfreundlicher nach meinem verspäteten Kommen und dergleichen befragt. Ja, wir hatten schon einmal einen Vorfall zu Hause. Ja, die Polizei war gerade vor zwei Wochen bei uns, weil ich einfach außer Haus gegangen bin.

 

Nein, sie würden mir mein Kind nicht mehr geben, er komme diese Nacht in eine vorübergehende Schlafstelle für Kinder und morgen solle ich mich beim Jugendamt melden. Danke. Der Termin stand ohnehin schon aus.

 

Am nächsten Tag begrüßt mich eine stattliche Frau des Jugendamtes und befragt mich zu den Vorfällen. Was soll ich sagen, wie soll ich mich verhalten? Ich habe gar nichts mehr in mir. Keine Gefühle, keine Regung, ich bin müde. Nach zwei sehr knappen Geburten hintereinander und einer relativ stressbeladenen Beziehung saß ich nun also hier. Seit der ersten Geburt habe ich Probleme mit enormen Depressionen und Angstzuständen, welche immer wieder auftauchen und verschwinden. Einmal fühle ich mich zum Bäumeausreißen, beim nächsten Mal traue ich mir noch nicht mal zu, richtig auf meine Kinder aufpassen zu können.

 

Das Kind kommt erstmal ins Mutter-Kind- Heim.

 

Irgendwie bin ich froh, doch habe ich keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll. Zu Hause sitze ich mit meiner neun Monate alten Tochter da und weiß nicht mehr vor noch zurück. Tausende Gedanken spinnen mir im Kopf herum. Alles Zeugs, mit dem ich nichts anfangen kann. Meiner eigenen Kindheit wegen, Fragen über Fragen, ob ich denn nun das Recht darauf habe, Mutter zu sein, oder nicht, ob die Kinder bei mir bleiben oder nicht, ob ich alles richtig mache ... Im Grunde gibt es zu dem Zeitpunkt in meinem Leben keinen Handgriff und keine Tat, die ich nicht selbst gleich wieder hinterfragen würde.

 

Nach einem halben Jahr gebe ich dann meine Tochter ebenfalls ins Heim. Zu dem Zeitpunkt sitze ich täglich zu Hause und weiß eigentlich gar nichts mehr anzufangen. Gott sei Dank war meine kleine Tochter Alleinunterhalterin in Perfektion und es machte ihr nichts aus, dass ich so war, wie ich eben nun mal war, doch ich hatte Angst – vor mir selbst. Die Gründe, warum ich meine Tochter ins Kinderheim gab, waren vielfältig. Im Grunde fühlte ich mich von Seiten der Behörden schon sehr stark unter Druck gesetzt und entschloss mich schließlich dazu, um meine beiden Kinder gemeinsam an einem sicheren Ort zu wissen. Mein Mann und ich stritten sehr viel, auch wurde ich leicht gewalttätig und es kam zu üblen Auseinandersetzungen. So weit dieses.

 

Darauf folgend: unendlich erscheinende Tage ohne die Kinder an meiner Seite, viel zu wenig und kurze Besuchskontakte unter ständiger Aufsicht, viel Verwirrtheit, psychologische und psychotherapeutische Betreuung, Krankenhausaufenthalte, schließlich übernahm die Obsorge das Jugendamt. In der Zwischenzeit sind die Kinder bei ihrer Großmutter untergebracht und mein Mann und ich haben uns getrennt.

 

Nachdem ich begonnen hatte, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, ging ich halt aus, trank Alkohol, amüsierte mich, doch gut ging es mir dabei nicht. Dann kam der Punkt, an dem ich in mir spürte, dass ich jetzt eine Entscheidung treffen müsste. Entweder ich setzte mich auf die Straße zum Betteln, denn mein Leben konnte ich mir zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht finanzieren, arbeitsfähig fühlte ich mich überhaupt nicht und Vorstellungen über eine bessere Zukunft versiegten meist spätestens bei meiner nächsten Zusammenkunft mit den Behörden wieder. Oder ich würde mein Leben ändern. Da dachte ich mir: „So, ich habe doch auch schon mal anders gelebt.“ Ich hatte vor meiner Heirat studiert, zwar das Studium abgebrochen, aber zumindest studiert und gearbeitet, hatte Freunde – all das, was ich eben jetzt nicht mehr hatte. Warum also nicht besser wieder dorthin? Dorthin, wo ich mich einst einmal sicher gefühlt habe.

 

Nun sitze ich halt da und quäle mich durch meine Bücher, langsam, denn trotz Tabletteneinnahme habe ich immer noch große Probleme damit, mich auf eine Sache zu konzentrieren, doch zumindest habe ich es geschafft, in eine neue Wohnung zu ziehen, diese für mich alleine zu finanzieren, meinen Gemütszustand in einen stabilen Bereich zu befördern und mit meiner Familie wieder ins Reine zu kommen. Innerhalb von nur einem Jahr. Es ist viel passiert.

 

 

Text: Lydia

Foto: Bilderbox

Juni-Ausgabe 2010

 

 

Mehr aus dem Leben unserer Verkäuferinnen und Verkäufer und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen erfahren Sie im aktuellen Apropos und auch online im Schreibwerkstatt-Archiv.