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Schwerpunkt

„Man muss den Staat beschämen“

Pastoralassistent Max Luger setzt sich seit fünf Jahren mit seinem Projekt „ArMut teilen“ für Bedürftige im Stadtteil Mülln ein. Derzeit sind es 60 Frauen und Männer pro Jahr, denen er teils einmalig, teils monatlich mit Geld aushilft. Er erzählt im Apropos-Gespräch, warum sich Armut so hartnäckig hält, ein Umverteilungs-container eine gute Lösung wäre und sein erfolgreiches Projekt dennoch keine Nachahmer findet.


Sind sie ein folgsamer Mensch?

(stutzt) Da ich im Kloster war, habe ich kein Problem, mich unterzuordnen. Allerdings bin ich wieder ausgetreten, weil ich den Lebenskampf gesucht habe. Im Kloster hat man Essen und ein Dach über dem Kopf, es wird sich um alles gekümmert. Das war mir auf Dauer zu wenig.

 

Wer ist für Sie ein Vorbild?

Die heilige Elisabeth. Sie hat sich immer für die Ärmsten eingesetzt, etwa den Getreidespeicher geöffnet, als ihr Mann im Krieg war, damit alle zu essen haben. Sie sah einfach die Not der Menschen und half gegen alle Widerstände. Ihr wurde oft vorgeworfen, sich um Diebe, Faulenzer und Taugenichtse zu kümmern. Das kenn ich …

 

Warum?

Manche Menschen werfen mir vor, mich ausbeuten zu lassen und auf Jammergeschichten hereinzufallen. Und wenn schon! Wenn ich daran denke, was sich Menschen in höheren Positionen alles erschleichen ... Ich habe allerdings eine gute Menschenkenntnis, auf die kann ich mich zumeist verlassen. Auch innerhalb der Kirche wurde ich anfangs angegriffen, warum ich das Projekt „ArMut teilen“ auf die Beine stelle, wenn es ohnedies Sozialkreise gäbe. Ich habe aber durch meine Tätigkeit als Pastoralassistent gesehen, dass es so viele Arme gibt, dass die dafür einfach nicht ausreichen.

 

Sie haben in den vergangenen fünf Jahren an die hundert Bedürftigen Ihrer Pfarre in Notlagen ausgeholfen. Was ist Ihr Antrieb?

Die Armen zuerst! Das ist eine Priorität, die das Evangelium unserem Denken und Handeln setzt – und da bin ich durchaus offensiv. Was ich zu Beginn meiner Tätigkeit nicht wusste, war, dass unsere Pfarre die zweitärmste in der Stadt ist. Außerdem bin ich von meiner Kindheit geprägt. Mein Vater hat in unserem Bauernhaus heimatlosen Kriegsheimkehrern aus Russland immer was zu essen und trinken gegeben und sich zu ihnen gesetzt. Ein Onkel ist obdachlos gestorben, während sich drei reiche Tanten immer für ihn geschämt haben. Während meines Studiums habe ich mich im Furtwänglerpark gerne zu den Obdachlosen gesetzt und mit ihnen gesprochen, weil ich wissen wollte, wie sie leben.

 

Von den Medien werden Sie gerne als Robin Hood bezeichnet, der Geld von Reichen nimmt, um es Armen zu geben. Stimmt das Bild für Sie?

Das höre ich gar nicht mal so ungern. Wenn die Menschen mir freiwillig Geld geben, dann freue ich mich. Bei meinem Armutskonto habe ich den Vorteil, dass die Summe, die ich bekomme, vollständig zu den Betroffenen fließt – ohne Verwaltungsabzüge oder Sonstiges. Wer täglich um seine Existenz kämpfen muss, ist häufiger krank. Ich habe unlängst einer Alleinerziehenden von Psychopharmaka abgeraten, weil sie in ihrer Not dazu greifen wollte. Die Leute bekommen bei mir so lange Geld, bis sie sich das Geld besser einteilen können. Meistens geht es um Zahlungsrückstände, Mieten oder Kinderbetreuungskosten.

 

Menschen geben gerne Geld, wenn sie wissen, wofür es verwendet wird. Allerdings wirken manche dann befremdet, wenn sie erfahren, dass sich Leute damit nicht Essen, sondern ein Kinoticket, Gewand oder Alkohol kaufen. Können Sie deren Befremden nachvollziehen?

Zum Teil. Ich bin aber der Meinung, dass jeder Mensch das Recht hat, die Schönheit der Natur und der Kultur zu genießen. Wer nur ein Mindesteinkommen hat, sitzt zuhause, wird depressiv und isoliert. Ich verteile gerne an Spender Dankeskarten mit dem Spruch: „Jemandem etwas vergönnen, nicht über jemanden bestimmen.“ Ich habe ein Ehepaar, das unter der Existenzgrenze lebt und Psychopharmaka nimmt, weil es ihm so schlecht geht – wenn die einmal in den Tiergarten kommen, ist das schon eine sehr hilfreiche Abwechslung in deren Alltag.

 

Woran liegt’s, dass manche Menschen spenden und andere nicht?

Meist spenden Menschen, die wissen, was es heißt, wenig Geld zu haben. An die Gruppe der Freiberufler und Geschäftsleute komme ich hingegen schwer heran. Denen fehlt vielfach das Verständnis für die Nöte von Bedürftigen nach dem Motto: Die sind selber an ihrer Misere schuld. Aber nicht jeder hat das Glück, ausreichend Intelligenz und Willenskraft in die Wiege gelegt bekommen zu haben oder ein geradliniges, wohlbehütetes Leben zu führen.

 

Wünschen Sie sich von anderen, dass sie Ihnen folgen?

Schon. Die Werke sprechen für sich. Was ich hier geschaffen habe, ist wohl einzigartig in Österreich – und das ist schade. Es darf nicht so weit kommen, dass die Menschen sich denken: „Für Armut bin ich nicht zuständig, das ist Sache des Staates.“ Reiche Menschen in einem reichen Staat sollen etwas geben. Es muss in die Köpfe rein, dass es bei uns Armut gibt und Geld umverteilt werden muss.

 

Ihr Konzept gegen Armut?

Es geht um Umverteilung, nicht um Almosen. Die muss aber gelernt werden. Die meisten Menschen brauchen nicht viel Geld, um sich weiterzuhelfen. Arm ist, wer keine Rücklagen bilden kann. Normalerweise hilft man zuerst Verwandten, dann in der näheren Umgebung, dann in der Stadt.

Die Stadt sollte sich im Übrigen bemühen, dass der öffentliche Verkehr erschwinglich wird. Derzeit ist es so, dass die Schwächsten der Gesellschaft den öffentlichen Verkehr finanzieren: Pensionisten, Migranten, Schüler, Sozialhilfeempfänger ... Kein Autofahrer steigt um bei diesen Preisen. Wenn man bei den Einzelfahrscheinen auf 50 Cent und bei den Monatskarten auf 15 Euro runtergeht, dafür alle Ermäßigungen streicht, wäre das ein faires System. Jene, die Auto fahren, müssten eine jährliche Citymaut von 40 Euro zahlen oder ansonsten aus Solidaritätsgründen eine Busjahreskarte um 150 Euro kaufen.

 

Aber wie lässt sich Umverteilung nun lernen?

Bei der Aktion Offener Himmel vor fünf Jahren habe ich drei Tage lang einen Umverteilungs-container am Mozartplatz aufgestellt. Dort konnten Bedürftige ihre Wünsche angeben – deren Erfüllung hätte etwas über 1000 Euro gekostet. Knapp diese Summe haben Passanten im Container abgegeben. Wir konnten alle Wünsche erfüllen und die jeweiligen Summen überweisen. Die Menschen sind nicht unverschämt, sie wollen nicht mehr, als sie brauchen. Ich bin ja dafür, am Mozart- oder am Kapitelplatz einen dauerhaften Container aufzustellen – das würde ich sogar in meiner Pension machen, die ich ab Herbst antrete.

 

Das Telefon läutet. Eine Hilfesuchende möchte einen Termin. „Schauen wir mal, was ich für sie tun kann. Viel ist es nicht, aber ein bissel“, sagt Max Luger.

 

Warum hält sich Armut so hartnäckig?

Weil sie in vielen Köpfen als Problem nicht drinnen ist. Armut ist oft unsichtbar. Ich möchte das Gewissen der Menschen berühren und sie zu Solidarität und zum Umverteilen bewegen. Wenn jeder 20 bis 40 Euro für Arme zurücklegen würde, wäre das schon einmal ein Anfang. Solange die Bürgerinnen und Bürger nicht zum Umverteilen anfangen, wird es auch der Staat nicht tun, der so gerne auf Umfragen schielt. Man muss den Staat beschämen. Einfach indem man mit eigenen, kreativen Projekten in kleinen überschaubaren Räumen damit beginnt. Darum wäre auch ein UN-Umverteilungstag gut, damit zumindest einmal im Jahr das Bewusstsein dafür geschärft wird. Allerdings wird selbst bei guten staatlichen Systemen Armut nicht ausrottbar sein.

 

Wann muss man ungehorsam sein?

Wenn offensichtlich ist, dass es mit der Gerechtigkeit nicht mehr stimmt.

 

Warum kopieren nicht schon längst sämtliche Pfarren in der Stadt Ihr Projekt?

Ich habe alle angeschrieben, nur in Liefering hat man in Anlehnung ein ähnliches Projekt gestartet. 

 

Sie gehen im September in Pension – wie geht’s weiter mit „ArMut teilen?“

Der Erzbischof möchte sehr gerne, dass das Projekt weitergeht. Derzeit fehlt es noch an einem geeigneten Nachfolger, der auch stark genug ist, sich Angriffen zu widersetzen.

 

 

„ArMut teilen“

Vor fünf Jahren rief Pastoralassistent Max Luger das Projekt ins Leben. Konnte er 2008 9000 Euro an 33 Hilfesuchende verteilen, waren es 2009 bereits 15.000 Euro für 59 Bedürftige. Meist sind es Alleinerzieherinnen, die Lugers „Armutskonto“ nutzen. Je nach Notlage bekommen sie einen einmaligen Betrag oder auch 20 bis 50 Euro pro Woche (in einigen Fällen bis zu zwei Jahre). Am Umverteilungstag (Elisabethsonntag im November) erhalten die Betroffenen sogar 200 bis 300 Euro überwiesen. Derzeit spenden 152 Personen.

Mittlerweile hat Max Luger auch 25 Fahrräder organisiert, damit Bedürftige nicht schwarzfahren müssen. Zudem hat er sich eingesetzt, dass in der neuen Wohnanlage im Stadtwerke-Areal ein integriertes Wohnen für Alleinerziehende möglich wird.


Kontakt:

Max Luger, Pfarre Mülln, Augustinergasse 4, 5020 Salzburg, Tel. 0662/432671-13.

Kontonummer: ArMut teilen, Pfarre Mülln, Nr. 204101022, Hypobank Salzburg, BLZ 55000

 

 

Interview: Michaela Gründle

Fotos: Pfarre Mülln

Mai-Ausgabe 2010