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Schwerpunkt
„Ein Eldorado für Nationalsozialisten“
„Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt ein Sprichwort. Und 65 Jahre sind eine lange Zeit. Doch wenn Marko Feingold, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, von seinen schrecklichen Kriegs-Erlebnissen erzählt, erkennt man, dass Narben zurückbleiben, die nie mehr heilen. Der 96-Jährige über „überfolgsame“ KZ-Aufseher, sein Verhältnis zum Tod und die Unbelehrbaren in unserer Gesellschaft.
Herr Feingold, am 12. April 2010 ist ihr guter Freund und langjähriger Wegbegleiter Eduard Goldmann (siehe auch Info-Kasten) im Alter von 95 Jahren verstorben. Wo und wann haben Sie davon erfahren?
Es war ein schwerer Schlag. Als er gestorben ist, war ich gerade in Auschwitz bei einem Treffen zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers vor 65 Jahren. Von seinem Tod habe ich erst zwei Tage später, bei meiner Rückkehr nach Salzburg, erfahren. Wir haben nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald fast alles gemeinsam gemacht. Ein gemeinsames Geschäft haben wir aufgebaut und auch gewohnt haben wir nebeneinander.
Sie selbst werden in wenigen Tagen 97 Jahre alt und sind nach dem Verlust von Eduard Goldmann einer der letzten Zeitzeugen, die noch am Leben sind. Haben Sie nach all dem, was Sie erlebt haben, Angst vor dem Tod?
Nein. Ich erwarte ihn täglich und bin darauf vorbereitet. Andere sagen, der Feingold schafft es leicht, so alt wie Moses zu werden (Moses wurde 120 Jahre alt. Anm. d. Red.).
Oder haben Sie Angst davor, dass nach dem Tod der verbliebenen Zeitzeugen die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit geraten?
Von mir und meinen unzähligen Vorträgen in Schulen und Universitäten gibt es mindestens 60 oder 70 Videoaufzeichnungen. Abgesehen davon habe ich meine Eindrücke und Erlebnisse in drei Büchern niedergeschrieben. Wer sich heute dafür interessiert, was damals wirklich passiert ist, wird sich auch dann dafür interessieren, wenn wir nicht mehr leben.
Sie haben das Dritte Reich hautnah miterlebt. Können Sie sich vorstellen, dass so etwas wieder passieren könnte?
Es kann wieder passieren. Der Großteil der österreichischen Bevölkerung will sich ja gar nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Die Österreicher waren ja nicht dabei und „haben nie etwas verbrochen im zweiten Weltkrieg“. Das geben sie auch an ihre Kinder weiter. Und wenn ich mir heute Vertreter der Burschenschaften anhöre, hört sich vieles wie in alten Zeiten an.
Ist also in Salzburg auch heute noch ein gewisser Antisemitismus zu spüren?
Ja. In ganz Österreich ist er noch zu spüren. Aber am ärgsten hier in Salzburg. Aber wissen Sie, was das Schlimmste ist? Salzburg war die einzige Stadt in Österreich, die bei der Bücherverbrennung mitgemacht hat. Aber keiner der Salzburger will dabei gewesen sein. Keiner gibt es zu. Das ist typisch österreichisch. Als wäre damals nie etwas passiert. Und bis heute werde ich oft gefragt, warum ich denn nach dem Krieg nicht nach Palästina ausgewandert bin, sondern in Salzburg geblieben bin.
Was antworten Sie darauf?
Warum sind Sie nicht nach Rom ausgewandert?
Sie waren sechs lange Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern, unter anderem in Auschwitz und Buchenwald, interniert. Wie haben Sie das überlebt?
Ich war der erste Österreicher, der nach Auschwitz gebracht wurde. Damals hat es geheißen, dass ein Jude in Auschwitz höchstens drei Monate überleben kann. Doch ich hatte das Glück, dass ich nach einiger Zeit ins KZ Neuengamme überstellt wurde. Danach folgten noch Aufenthalte in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald.
Es wird oft zwischen den grausamen Konzentrationslagern wie Mauthausen und Auschwitz und den etwas weniger brutalen wie Buchenwald und Dachau unterschieden. Sie haben beides erlebt. Gab es einen Unterschied?
In Mauthausen fanden von 200.000 Häftlingen 100.000 den Tod. In Buchenwald verloren 56.000 von 106.000 Menschen das Leben. Kann man da von einem Unterschied sprechen?
Sind alle Offiziere und Aufseher in den Konzentrationslagern den Befehlen „von oben“ gefolgt? Oder gab es welche, die den Häftlingen geholfen haben oder Mitleid gezeigt haben?
Ich war lang dort. Nicht einer war korrekt. Obwohl von Heinrich Himmler die Order kam, keine Inhaftierten ohne Grund zu verprügeln, wurden wir verprügelt. Für die Erschießungen zum Beispiel haben die Offiziere immer nach Freiwilligen gesucht. Es haben sich immer mehr gemeldet, als sie brauchten, um uns umzubringen. Wenn man nicht selbst in einem KZ war, kann man sich nicht vorstellen, was die deutsche Kultur zu Wege gebracht hat. Es war niemand da mit einem guten Herz.
1945 wurde das KZ Buchenwald von den Amerikanern befreit und sie kamen nach Salzburg, wo sie bis heute leben. Warum gingen Sie nicht zurück nach Wien?
Menschen aus 28 Nationen waren im KZ Buchenwald gefangen, als es durch die Amerikaner befreit wurde. Alle wurden von ihren Heimatländern abgeholt und nach Hause gebracht. Nur die 500 Österreicher, davon 30 Juden, nicht. Wir mussten uns die Heimfahrt selbst organisieren und wollten über München, Salzburg und Linz nach Wien. Doch an der Zonengrenze an der Enns mussten wir kehrtmachen. Die Russen haben uns nicht durchgelassen, weil aus Wien die Order kam, dass KZler nicht nach Wien kommen dürfen. Die haben sich nach dem Krieg lieber um die Nazis gekümmert als um uns. So bin ich mit sechs anderen Häftlingen in Salzburg gelandet.
Damals fanden viele jüdische Flüchtlinge Unterschlupf in Salzburg. Doch heute gibt es hier nur noch sehr wenige Juden? Warum?
Weil Salzburg das Eldorado für Nationalsozialisten war. Darum sind viele Juden geflüchtet.
Wie darf ich das verstehen?
In Salzburg wurde kurz nach dem Krieg von Herbert Kraus der Verband der Unabhängigen gegründet. Sozusagen die Vorgängerpartei der heutigen FPÖ. Viele namhafte Vertreter der Salzburger Gesellschaft, unter anderem Gustav Canaval, der Herausgeber und Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, waren gewichtige Unterstützer der VdU. Hier fanden auch viele ehemalige Nationalsozialisten politischen Unterschlupf, ohne ihre Gesinnung maßgeblich zu ändern. 1970 lebten zum Beispiel noch ungefähr 40 junge Juden in Salzburg. Doch ihnen war bewusst, dass sie hier in dieser Stadt die Matura nicht schaffen werden, weil die Professoren dies nicht zugelassen hätten. Wir halfen ihnen, ins Ausland zu gehen, um dort ihre Ausbildung fertig zu machen. Nach Salzburg zurückgekommen sind sie aber nicht mehr. So wurde die jüdische Gemeinde in Salzburg immer kleiner. Heute hat die israelitische Kultusgemeinde noch 70 Mitglieder, davon sind aber 50 zwischen 70 und 97 Jahre alt.
Eduard Goldmann wurde am 11. Juni 1914 in Wien geboren und verstarb am 12. April 2010 im 96. Lebensjahr in Salzburg. Er wurde im 2. Weltkrieg wegen Abhörens ausländischer Radiosender verurteilt und 1944 ins KZ Buchenwald überstellt. Nach der Befreiung war er Teil der Fluchthilfeorganisation „Bricha“ und Mitglied des Bundes sozialdemokratischer Freiheitskämpfer.
Interview und Foto: Günter Baumgartner
Mai-Ausgabe 2010


