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Schwerpunkt

Suche nach Lust – ein Leben lang

Die Psychologin und Psychotherapeutin Dorothea Gössl pendelt beruflich zwischen Sexualberatungsstelle und eigener Praxis. Hier wie dort gilt unter anderem: Die Menschen wollen über ihre Beziehungen sprechen. Vor allem über die, die nicht gelingen. Dabei geht es  nicht selten um die fehlende Lust, unterschiedliche Gelüste und die Unfähigkeit, auch einfach einmal miteinander „lustig“ zu sein.

 

Vielleicht ist ja endlich Frühling, wenn dieses Interview gedruckt wird: Was ist denn dran an Frühlingsduft und erwachender Lust?

Bei uns ist ja eher der Winterfrust als die Frühlingslust das Thema. Aber natürlich kennt jeder diese positive innere Gestimmtheit und Erregung, wenn es endlich Frühling wird. Früher, als das mit der Verhütung noch nicht so leicht war, sah man das an der Häufung der Maikinder etwa. Heute ist alles doch kontrollierter  und steuerbarer, dennoch steigt mit der Lebensfreude auch die Lust.

 

Jemand steht im Frühling oder im Herbst seines Lebens, sagen wir, wenn wir an Lust & Liebe bei jungen und bei älteren Menschen denken. Worin unterscheiden sich denn „Jung“ und „Alt“ darin?

Die Lust verändert sich im Laufe eines Lebens, und da würde ich zwischen Frauen und Männern klar unterscheiden. Ich glaube, dass die Kurve der Lustfähigkeit und der erlebten Lust bei Frauen eher zunimmt und bei Männern eher gefährdeter wird, etwa durch Funktionsstörungen. Frauen gehen da den umgekehrten Weg, bei ihnen ist am Anfang die eigene sexuelle Lust nicht wirklich das Treibende, während junge Männer stärker hormonell gesteuert sind.

 

Interessanterweise scheinen es dann aber trotzdem die älteren Männer zu sein, die häufiger Sex haben als ältere Frauen.

Das steht heute in der Zeitung, und es ist ganz wichtig, dass man das einmal aufgreift – was steht denn da wirklich drinnen? Wenn im Rahmen von Studien Männer zwischen 75 und 85 gefragt werden, sagen sie: „Ja, ich habe Sex.“ Und das wird auch stimmen, weil die meisten von diesen befragten Männern noch in Beziehungen leben. Viele von den befragten Frauen im selben Alter haben gar keinen Partner mehr. Und die werden auch gefragt: „Haben Sie noch Sex?“ Und nicht: „Haben Sie noch Lust?“ Und selbst wenn sie das gefragt würden, würden wohl die wenigsten Frauen darauf ehrlich antworten.

 

Trotzdem ist es auch heute noch meistens so, dass ein 70-jähriger Mann als attraktiver und begehrenswerter gilt als eine gleichaltrige Frau.

Die ältere Frau mit dem jungen Liebhaber irritiert heute sicher immer noch mehr als umgekehrt. Dann kommt auch gleich das ästhetische Argument, die Normen, dass Lust ja auch etwas mit Schönheit zu tun hat. Dabei hat, meiner Meinung nach, Lust vor allem etwas mit Sinnlichkeit zu tun, damit, wie sehr jemand bei sich ist, zu sich steht. Was macht denn etwa bei einem älteren Mann die Attraktivität für eine junge Frau aus? Seine Ästhetik? Sein Aussehen? Seine Potenz? Oder ist es nicht viel mehr die Potenz der Macht? Oder vielleicht die des Wissens? Der Erfahrung? Oder ist es doch die Geldtasche?

 

Aber haben Frauen mit ihrem alternden Körper nicht größere Probleme als Männer?

Männer lassen sich ja auch gerne lautstark über Frauen aus, und dann schaut man sich diese Männer an und fragt sich: „Wer sagt das?!“ Die Ästhetik des Mannes ist für ihn in seinem Selbstwert nicht so entscheidend, während Frauen sich auch selbst stark nach ästhetischen Kriterien bewerten. Da wird sofort die Falte, der Busen, oder was auch immer, zur Minderung der gesamten Person. Frauen haben Angst, denn mit einem jungen und straffen Körper können sie schlichtweg nicht mithalten. Deswegen ist ja auch diese Schönheitsmachbarkeit-Chirurgie, wie sie heute betrieben wird, so eine Katastrophe. Durch sie wird die Aufmerksamkeit auf einen „Mangel“ gerichtet, der durch das Älterwerden einfach entsteht. Anstatt auf die anderen „Begleiterscheinungen“ zu schauen, die das Altern mit sich bringt: auf die Erfahrung und die Selbstsicherheit, auf die Frau, die ausstrahlt: „Ich weiß, wer ich bin und was ich will“, auf die Frau, die ihre Sexualität und Lust verfolgt und lebt – weil sie davon überzeugt ist, dass sie liebenswert ist.

 

Heute klagen immer mehr Männer über Lustlosigkeit und kämpfen mit Potenz-Problemen  – was sind die größten Lustkiller  im Alltag?

Die sexuelle Revolution, die erst Freiheit gebracht hat, hat die Sexualität längst zu einem Konsumprodukt gemacht, das genau definiert wird: wie oft, wann und wie. Es gibt hier irrsinnige Normen und Erwartungshaltungen. Wenn ich dem allem entsprechen will, ist es nicht verwunderlich, dass ich irgendwann mit meiner Lust anstehe. Es entstehen dadurch Phantasien, wie Sexualität „zu sein hat“. Dadurch wird so etwas Individuelles wie Sexualität vom ersten Tag, vom ersten Mal an, von außen mitgeprägt und mitbestimmt. Was dabei auffällt, ist, dass manche Frauen sexuell sehr aggressiv geworden sind. Mir kommt vor, dass sich immer mehr Mädchen und junge Frauen zunehmend über ihre sexuelle Potenz positionieren. Das ist für viele Männer schon erschreckend.

 

Aber wurde diese Generation der verängstigten Männer nicht eigentlich schon selbst von einer starken und selbstbewussten Mutter erzogen?

Ich glaube, das hat weniger mit der Mutter zu tun, sondern eher mit dem Gefühl: „Jetzt muss ich meinen Mann stehen.“ Das ist etwas ganz anderes wie: „Jetzt will ich meinen Mann stehen.“ Denn erst wenn ich etwas „muss“, kommt die Versagensangst hinzu. Als Frau geht es immer irgendwie. Männer sind da verletzbarer, eben weil ihr Versagen sichtbar ist. Aber vielleicht hängt es viel mehr mit der Frage zusammen, ob es einen starken und selbstbewussten präsenten Vater gegeben hat?

 

Männerlust und Frauenlust müssen ja nicht unbedingt immer dasselbe meinen. Und vor allem nicht immer zur selben Zeit ...

Der Frust entsteht oft genau aus diesem Grund. Aus diesem auferlegten Druck: jederzeit und immer. Ich kann mich gedanklich manchmal einfach völlig woanders befinden. Ich kann irgendwo total engagiert sein, oder total erschöpft, und einfach nur Sehnsucht nach einer heißen Badewanne haben. Und zwar sowohl Mann wie Frau. Wenn das dann immer gleich als Desinteresse und die Beziehung gefährdend interpretiert wird, ist es mühsam. Es gibt einfach Lebenssituationen, wo die Lust woanders ist, wo die Erotik im Alltag verschwindet.

 

Wie kann man denn langjährige Beziehungen, die mehr geschwisterlich als leidenschaftlich anmuten, wiederbeleben?

Wenn Paare sagen: Jetzt leben wir schon fast in einer geschwisterlichen Beziehung – und eigentlich vermissen wir beide etwas, dann ist die Türe ja schon wieder irgendwie geöffnet. Denn wenn ich etwas vermisse, dann muss ich mich eben auf die Suche machen, um zu schauen, wo es mir abhanden gekommen ist. Da muss ich dann beginnen, mich wieder mit meinen Phantasien zu beschäftigen, mit meinen Wünschen. Und mit denen meines Partners. Auf diese Art und Weise kann Lust wieder wachsen.

 

Lust & lustig – passt das eigentlich zusammen?

Lustige und lustvolle Momente liegen oft sehr nah beieinander. Darüber hinaus hat Humor ja auch oft die Funktion, sich von etwas zu distanzieren, was nicht so angenehm ist. Das macht etwa eine schamvolle Situation eindeutig leichter. Humor ist immer ein guter Wegbegleiter. Nicht zu verwechseln mit Schadenfreude. In diesem Fall kann Lachen etwas sehr Kastrierendes sein. Wie beim Sprechen macht auch beim Lachen der Ton die Musik. Für die beste Form des Humors halte ich sowieso das Lachen über sich selbst, die Selbstironie.

 

„Essen ist der Sex des Alters“, heißt es im Volksmund. Verlagert sich die sexuelle Lust im Laufe des Lebens immer mehr auf „Ersatz(ge-)lüste“?

Die erste Lust, die man deutlich wahrnimmt, ist, wenn man einem Baby an der Brust beim Trinken zuschaut. Das Schöne am Menschwerden und Menschsein ist, dass es eben so viele Lüste gibt: Die sexuelle Lust ist eine, ein gutes Essen eine andere, das Schauen, das Wahrnehmen von schönen Bildern, von Kunst, die Lust einen Gipfel zu erklimmen – die Lust ist eigentlich etwas, was zeitlos ist. Und gleichzeitig ist die Lust etwas sehr unmittelbares, ein kurzer Moment, der die Zeit aufhebt. Das Ziel sollte ja eigentlich sein: lustvoll zu bleiben oder sich immer wieder auf die Suche nach der Lust zu machen – ein Leben lang.

 

 

Interview: Anja Keglevic

Fotos: privat, Christine Mösl

April-Ausgabe 2010