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Schreibwerkstatt
Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.
Abendkontrolle
Es war ein langer Tag gewesen. Verkäufer Ogi hatte den ganzen Tag, es war der 19. Februar 2010, an seinem Stammplatz beim Spar im Nonntal gestanden und Zeitungen verkauft, am frühen Abend seinen zweiten Stammplatz vor Das Kino eingenommen, und schließlich kurz vor acht beschlossen, auch dort Feierabend zu machen. Er radelte heim. Zuhause, das ist, nach eineinhalb Jahren im Flüchtlingsheim, nun seit einigen Jahren ein kleines Zimmer in Elsbethen. 20 Quadratmeter. Ein Bett, ein Tisch, ein Kasten, eine Kochplatte, eine Dusche. Am Haustor wartet bereits ein Nachbar: „Die Polizei ist da“, warnte er ihn. Ogi schiebt sein Rad auf den Hof. Zwei Polizisten in Uniform und zwei Frauen, die sich weder vorstellen noch ausweisen, warten dort auf ihn. „Ausweis!“ Ogi zeigt seinen Ausweis. „Ist das Ihr Fahrrad?“ „Ja, natürlich ist das mein Fahrrad. Eine Kundin hat es mir geschenkt.“ Der Polizist scheint dieser Antwort keinen Glauben zu schenken und dreht das Fahrrad um, um die Fahrgestellnummer lesen und notieren zu können. Er tut sich damit im Dunklen schwer. „Warum kommen Sie nicht morgen wieder, wenn es hell ist?“, möchte Ogi wissen. „Oder noch besser: Nehmen Sie mich und mein Fahrrad doch gleich mit und sperren uns gemeinsam ein...“
Die Polizisten und die zwei Frauen, die sich immer noch nicht ausgewiesen haben („Fragen sie doch bei der Caritas nach, warum wir hier sind ...“) finden das nicht lustig und wollen jetzt auch Ogis Zimmer sehen. Ogi weigert sich, die Beamten und die zwei Frauen in sein Zimmer zu lassen („Das ist privat. Nicht ohne meinen Anwalt.“). Noch immer weiß er nicht, was der eigentliche Grund des Besuches ist. Irgendwann sickert durch, dass die vier offensichtlich auf der Suche nach illegalen Flüchtlingen sind. „Ich bin doch nicht blöd, und klau erst ein Fahrrad, und verstecke dann noch einen Illegalen. Jetzt habe ich mir acht Jahre lang in Österreich nichts zuschulden kommen lassen, jetzt riskiere ich doch nicht alles wegen so einem Blödsinn“, ärgert sich Ogi über die Verdächtigungen.
Ärgern tut ihn vor allem die Art und Weise, wie er von den Beamten und den zwei unbekannten Frauen behandelt wird. „Ich bin mir vorgekommen wie ein Verbrecher bei einem Verhör. Eine der Frauen hat mir mit ihrer extrem hellen Taschenlampe direkt in die Augen geleuchtet, das war sehr unangenehm. Sie hat mich auch immer zurechtgewiesen: Ich solle nicht so viel reden, und nicht soviel Blabla von mir geben. Ogi sagt: „Meine Worte sind kein Blabla, sondern mein Bleiberecht.“ Ja, er habe viel geredet: Weil er empört war und auch unsicher, was da gerade mit ihm passiere. Einige Tage später erkundigt er sich bei der Caritas, was es mit dem nächtlichen Besuch auf sich hatte. Dort wusste man nichts davon, und konnte Ogi nicht weiterhelfen. Inzwischen hat er eine offizielle schriftliche Bestätigung von der Dame, die ihm das Fahrrad geschenkt hat, die er jetzt immer bei sich trägt.
Protokoll: Anja Keglevic
Foto: Bilderbox
April-Ausgabe 2010


