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Schwerpunkt
„Gehöre zu denen, die nicht dazugehören“
Gerade erst hat er mit seiner Rolle als Schwarzer in Deutschland für große Debatten gesorgt, nun bereitet sich Günter Wallraff schon auf seinen nächsten Selbstversuch vor. Im Telefoninterview mit Apropos erzählt der Aufdeckungsjournalist, was ihn antreibt, was er von Obdachlosen gelernt hat und wofür er sich schämt.
Günter Wallraff ist aufmerksam: „Möchten Sie mich am Festnetz anrufen?“, fragt er, als ich mich zur vereinbarten Zeit bei ihm melde. Und völlig uneitel. Als er seine Mailadresse ansagt, um das Interview autorisieren zu können, buchstabiert er: „Günter ohne h und Wallraff mit zwei l und zwei f.“
Herr Wallraff, woran haben Sie heute Morgen nach dem Aufwachen als Erstes gedacht?
Ich denke mir morgens immer: „Um Gottes willen, was kommt heute alles auf mich zu? Wen treff’ ich alles? Wo habe ich eine Lücke, um auch was für mich zu machen?“ Ich kann nicht Nein sagen. Ich unterscheide auch nicht zwischen wichtig und unwichtig. Von daher zerrinnt mir die Zeit oft. Und bald muss ich wieder in einer neuen Rolle untertauchen, da bin ich nicht erreichbar. Aber da brenn’ ich ja drauf.
Sie haben sich mit Ihren Reportagen und Ihrer Arbeitsweise schon längst selbst ein Denkmal im Journalismus gesetzt – brauchen wir heutzutage noch Denkmäler?
Nein. Zumindest nicht in der herkömmlichen Art. Menschen zu Denkmälern zu machen, das ist Personenkult und absolut abzulehnen. Wo Menschen vergötzt werden, gehören Denkmäler gestürzt.
Wem müsste Ihrer Meinung nach unbedingt ein Denkmal gesetzt werden?
Erinnerungen! Ob das nun der Holocaust ist oder andere Menschheitsverbrechen. Vor allem in Form von Erinnerungsstätten. Yad Vashem in Jerusalem ist da ein sehr gelungenes Beispiel.
Ist ein kritischer Geist eine angeborene Haltung oder lässt sich kritisches Denken erlernen?
(lacht) Es ist auf jeden Fall zu erlernen. Genetisch ist es sicher nicht angelegt, aber sehr wohl sozial-, erziehungs- und erfahrungsmäßig zu fördern. Auch Zivilcourage lässt sich erproben und trainieren in der Realität. Ich sollte ja mütterlicherseits eher zu einem Menschen erzogen worden, der sich einfügt, der nicht auffällt, der sich anpasst, der sich wohl verhält ... Da hab ich mich schon sehr früh dagegen gestemmt, mich sozusagen von der Blutsverwandtschaft gelöst und Wahlverwandtschaften gesucht. Ich fühle mich noch am ehesten jenen zugehörig, die nicht dazugehören.
Warum?
Weil ich bei jenen Menschen mehr wahrnehme als bei den Saturierten, die durch Härte oder familiäre Vergünstigungen ihren Platz in der Gesellschaft erreicht haben und auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Bei Obdachlosen, Menschen auf der Straße habe ich immer wieder sensiblere Menschen kennen gelernt als in der High Society – wobei es da sicher auch Ausnahmen gibt.
Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis, dass Sie eher zu denen gehören, die nicht dazugehören?
Ich habe der Bundeswehr einiges zu verdanken. Als Kriegsdienstverweigerer, der Widerstandsaktionen organisiert hat, bin ich zu guter Letzt in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts zu Koblenz eingeliefert worden. Danach wurde ich mit dem Ehrentitel entlassen: „Abnorme Persönlichkeit. Für Krieg und Frieden untauglich, Tauglichkeitsgrad 6. „Das war eigentlich die beste Voraussetzung für meine spätere Arbeit. Ich bin dann erst mal ein halbes Jahr durch Asyle in Skandinavien getrampt, hab in Güterwaggons gelebt, aber auch im Pik As, einer Notschlafstelle in Hamburg, sozusagen als Experiment. Ich bin ja eigentlich gelernter Buchhändler. Ich hab dann nicht mehr den vorgesehenen Berufsweg angenommen – aus einer Verweigerungshaltung heraus. Ich bin wahrscheinlich von Natur aus ein Verweigerer (lacht). Ist mir aber gut bekommen.
Ist Ihnen der Ausdruck „Muckraker“ ein Begriff?
Ja klar. Das war erst mal ein Schimpfwort im Amerikanischen für Journalisten, die investigativ recherchiert haben, aber auch für Schriftsteller. Der sozialkritische Autor Upton Sinclair ist damit behaftet gewesen als „Nestbeschmutzer“. Aus diesem Schimpfwort ist dann ein Ehrentitel geworden. Bereits im 19. Jahrhundert hat es die Reporterin Nellie Bly gegeben, die unter anderer Identität in Obdachlosenasylen, in der Psychiatrie und im Gefängnis war, um von dort aus über entsetzliche Zustände zu berichten. Ich habe solche Vorbilder unter Anführungszeichen erst kennen gelernt – auch Kisch zum Beispiel – als klügere Menschen meine Arbeit mit meinen Vorbildern zu vergleichen begannen.
Kann man über Ungerechtigkeit nur dann glaubwürdig berichten, wenn man sie am eigenen Leib erlebt hat?
Ja. Dann ist man zwar parteilich, aber man hat eine andere Glaubwürdigkeit, auch wenn man mit einem entfremdeten Blick herangeht. Der Zugang darf keine Rache sein, es muss immer eine gewisse Distanz vorhanden sein. Damit gelingt es, den Schwächeren Gehör zu verschaffen. Jemand, der behauptet, er wäre objektiv, der ist sehr kritisch zu hinterfragen: Weil er verschweigt, wo er steht und welche Interessen er in Wirklichkeit vertritt.
Was gehört zu den schönen Erlebnissen, wenn Sie in eine neue Rolle eingetaucht sind?
Dass ich mir manchmal wie in einem Abenteuerfilm vorkomme, nach dem Motto „Das kann ja nicht wahr sein“. Manchmal ist es wie ein surreales Theater, in das man zufällig hineingerät, in dem man gleichzeitig Schauspieler und Regisseur ist. Das koste ich dann auch aus und genieße es. Solche Situationen provoziere ich durchaus, indem ich mir die Narrenkappe aufsetze und mich dumm stelle.
Die meisten Menschen wollen aber für gescheiter gehalten werden, als sie sind …
... aber durchs Dummstellen erfährt man mehr. Um sich dumm zu stellen, darf man allerdings nicht ganz blöd sein (lacht). Und manchmal sind die, die besonders gescheit sein wollen, nicht klug, sondern nur eingebildet. Ich habe wahrscheinlich keinen besonders hohen IQ, aber ich bin sicher sozial intelligent. Menschen werden oft zu schnell nach vordergründigem Wissen kategorisiert. Und die Klugen sind manchmal auch die Gefährlicheren ... Ich finde Empathie, Zivilcourage und Individualität bei Menschen wichtiger als kalten Intellekt.
Auf was sind Sie besonders stolz?
Dummheit und Stolz wachsen aus einem Holz, gibt es ein Sprichwort. Nationalstolz geht mir völlig ab. Jene, die nicht auf etwas Eigenes stolz sein können, klammern sich oft übertrieben an so etwas Übergeordnetes. Aber Stolz an sich? Ich bin nicht auf etwas stolz.
Aber Sie freuen sich sicher über etwas ...
Natürlich! Meine fünf Töchter sind trotz meiner langen Abwesenheiten einzigartige und souveräne Menschen geworden! Nicht zuletzt dank ihrer Mütter. Außerdem bin ich nun in dritter Ehe glücklich verheiratet und ich freue mich, dass die Eifersucht überwunden ist – ich meine, großteils.
Wofür schämen Sie sich?
Was ich meiner ersten Ehefrau angetan habe durch Treuebruch. Das kann ich nie wieder gutmachen, auch weil sie mittlerweile verstorben ist.
Und beruflich sind Sie auf gar nichts stolz ...?
Ich sehe meine Unzulänglichkeiten. Was ich besser hätte machen können … Wofür ich mehr Zeit aufwenden hätte sollen ... Sie sehen, ich bin nicht sehr überzeugt von mir …
Aber Sie führen doch Ihr Lebenswerk fort, indem Sie eine Stiftung für „Wallraff-Journalisten“ einführen wollen ...
Das stimmt, es wird bald Stipendien geben, in denen sich Jungjournalisten – aber nicht nur diese – in Betriebe einstellen lassen, wo Menschen drangsaliert, gemobbt oder ausgebeutet werden. Ich kann altersmäßig nicht mehr alle Rollen übernehmen und auch nicht überall sein. Die werden dann finanziell mit einem Stipendium unterstützt. Das wird in der nächsten Zeit passieren.
Sie haben sich in Ihrer Rolle als Obdachloser sehr klischeehaft mit dreckiger, ungepflegter Kleidung „verkleidet“ – und feststellen müssen, dass dieses Klischee nur selten zutrifft ...
Ja, da habe ich zu Beginn tatsächlich übertrieben. Ich bin sehr bald draufgekommen, dass Menschen aus allen Berufsständen auf der Straße leben – und viele großen Wert darauf legen, dass man ihnen das nicht ansieht. Aber zu Beginn hat man halt so sein Klischee im Kopf.
Was war für Sie die größte Erkenntnis in Ihrer Rolle als Obdachloser?
Dass die Schicksale so unterschiedlich sind, dass man sie gar nicht unter einen Hut bringen kann. Es kann jeden treffen. Und die Stigmatisierung ist groß. Es fehlt an unbürokratischer und individueller Hilfe, an Streetworkern – gerade im Jugendbereich –, die aus dem Milieu selbst kommen; es fehlen Mittel für einen Alkoholentzug, der auf die Bedürfnisse der Süchtigen Rücksicht nimmt; in der kalten Jahreszeit fehlen Maßnahmen, um Menschen vor dem Erfrieren zu retten – und es gibt Heime, die geschlossen gehören. Bei zwei Heimen ist es mir gelungen, eine Veränderung herbeizuführen.
Ein Containerheim in Frankfurt wird demnächst geschlossen. Ein Freund von mir, der obdachlos war und der dann eine Zeitlang bei mir gelebt hat, und ich sind nun zusammen mit Architekten beratend dabei, menschenwürdige Unterkünfte zu schaffen. Und der Bunker in Hannover, in dem die Obdachlosen in der Nacht eingeschlossen wurden, wird ebenfalls stillgelegt. Darauf bin ich vielleicht stolz in Anführungszeichen.
Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen Rolle und Mensch Wallraff?
Das kann ich nicht. Ich falle auch immer wieder aus der Rolle. Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe braucht, verlasse ich den passiven, teilnehmenden Beobachter.
Sein Mobiltelefon läutet. „Da braucht jemand eine Wohnung. Pass auf, ich hab da eine. Er soll mich doch mal anrufen.“ Nach zwei Minuten kommt Günter Wallraff wieder zurück. „Wo waren wir gerade?“
Bei der Hilfsbereitschaft ...
Ach so. Ja, manchmal gebe ich Menschen Geld, damit sie wegen Schwarzfahrens nicht ins Gefängnis kommen oder schicke es jemandem, der es nötig hat. Ein halbes Jahr hat ein obdachloser Gast bei mir gewohnt, dem ich dann auch eine Wohnung organisiert habe. Nach einem halben Jahr war er allerdings wieder auf der Straße. Er hatte zuvor 25 Jahre auf der Straße gelebt und wollte mit seinen Kumpeln zusammen sein. Er hat aber eine eigene Website (www.ohnewohnung-wasnun.de).
Was ist für Sie ein gutes Leben?
Eine gewisse Sicherheit. Eine Wohnung, die im Winter warm ist. Dass man sich gesund ernähren kann. Menschen, die man lieb hat, die einen verstehen und mit denen man sich austauschen kann. Gute Bücher, Zeit für sich, gute Filme. Ein Partner, mit dem man sich versteht und sich trotz Streitpunkten austauscht und zusammenrauft – da sehe ich Glücksmomente. Meine Kinder. Und dass ich nach meiner Krankheit, wo ich nicht gehen konnte, wieder meiner Sucht nachgehen kann: dem Ausdauersport, dem Laufen. Im Endeffekt gehört für ein gutes Leben nicht viel dazu: Es geht darum, aus dem Augenblick heraus leben zu können, weil, was in zwei, drei Jahren ist, das weiß ich doch nicht.
Text: Michaela Gründler
Foto: AK Salzburg
März-Ausgabe 2010


