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Schwerpunkt
Aus Stein gehauen, ins Herz geschrieben
Ich vergess Dich sowieso nicht. Aber manchmal steh ich trotzdem vor diesem Grabstein, ein paar Minuten, nicht zu lange, und betrachte das Keramikbildchen, schwarzweiß, mit Deinem Gesicht, einfach so. Wär Dein Schnurrbart jetzt grau? Du hast ein Schattengrab, hinter der Thujenhecke, Du und unser Vater, und im Winter frisst sich der Schnee durch meine Schuhsohlen.
Das Originalfoto hab ich noch. Neben Dir, ein paar Zentimeter außerhalb, sitze ich; unsere Schwester hat uns geknipst damals, bei unserem ersten gemeinsamen Treffen. Da waren wir längst erwachsene Männer. Ich hab Dich viel zu spät gefunden, kleiner Bruder.
Dein Keramikgesicht wird irgendwann, das macht die Zeit, verblassen. Auf San Michele, der Friedhofsinsel von Venedig, hab ich auf einem Grabstein die Fotografie eines lächelnden Gondoliere gesehen, die Ruderstange in der Hand; das Gesicht so bleich, als hätte er die südliche Sonne nicht gekannt. Das macht die Zeit.
Das Originalfoto, in Farbe, steht auf unserem kleinen Altar im Wohnzimmer. Was heißt „Altar“? Ein paar Bildchen im Rahmen, Engelfiguren aus Porzellan, Blumen der Saison, die Kerze. Unsere Mütter, ein Vater, eine Großmutter. Manchmal reden wir, meine Frau und ich, mit Euch. Gedenkaltar! Spinnerei. Aber wir mögen das.
Es ändert sich ja alles: die Friedhofskultur, die Grabmal-Realitäten. Die Engel verschwinden, die lasziven Engel, lebensgroß, aus weißem oder schwarzem Marmor, zum Verlieben schön. Sicher, die Grab-Engel in Genua, Paris oder Wien bleiben für lange noch. Aber es kommen keine neuen nach. Oder die stolzen Herren, aus Stein gehauen, weißer Anzug, weißer Sombrero, wie aus dem Marmormuseum, auf den Pferdehändlergräbern in Andalusien. Erhabener Protz, bewegender Kitsch, zu Stein gewordene Nostalgie unter freiem Himmel. Auslaufmodelle. Kommt nichts nach.
Die Grabstätten, weltweit, werden kleiner und schlichter, radikal schlichter und kleiner, wie ja auch die Urnenbeisetzungen den Erdbegräbnissen den Rang abgelaufen haben, jedenfalls in den Zentren, in Salzburg zum Beispiel. Wie viele Gräber aufgelöst werden!
Es wird immer öfter anonym beigesetzt, in aller Stille versenkt, unter einem Baum oder im Urnenhain. Ein Schildchen genügt, manchmal wird sogar auf die Namensnennung verzichtet. Man kann die Urne mit der Asche, unter bestimmten Bedingungen, mit nach Hause nehmen; und später einmal wird man die Asche, nach gewissen Regeln, in den Wind streuen dürfen.
Das Grabmal samt Gedenkstätte für die „still geborenen Kinder“ auf dem Salzburger Kommunalfriedhof, zwischen Kriegerdenkmal und Krematorium, berührt mich jedes Mal. Gibt es erst seit ein paar Jahren, zum Gedenken an die, die tot zur Welt gekommen sind. Es ist ja noch nicht lange her, da hat man tot geborene oder früh verstorbene Kinder einem x-beliebigen Toten in den Sarg dazugelegt.
Auf süditalienischen Cimiteri, in San Vito Lo Capo auf Sizilien zum Beispiel, kann man auf Grabsteinen lesen: „n.e.m.“ und dann ein einziges Datum. „Castiglione Maria – n.e.m. 5.12.1971“. n.e.m. – das heißt: nata e morta, geboren und gestorben, an ein und demselben Tag also. Oder nato e morto, n.e.m., wenn es ein Bübchen war. Namentliches Gedenken an jemanden, der vielleicht keine Stunde auf Erden, aber ein paar Monate in einer Mutter gelebt hat.
Manchmal schau ich auf virtuellen Friedhöfen vorbei, im Internet. Da kann man die Lebensgeschichten von unbekannten Menschen lesen, einen Trostspruch schicken und eine Kerze per Mausklick entzünden. Den Gedenkplatz im Netz mieten Angehörige oder Freunde, wie man ein Grab mietet. Wenn man nicht mehr zahlt, verfällt das Grab, verschwindet die Gedenkseite vom virtuellen Friedhof.
Anonyme Bestattungen, virtuelle Denkmäler. Klar, das Geld wird knapp, die Welt ist in stetiger Bewegung. Mobilität statt Sesshaftigkeit. Und wer kümmert sich ums Grab, wenn alle ausgeflogen sind?
Gedenken kann man auch ohne Marmorengel, Gruft und Grabstein. Man muss sich einfach konzentrieren. Wenn der Kopf nicht so voll wäre! Und jeden Tag kommen neue Geschichten, neue Namen dazu. Es müsste „Vergissmäler“ geben. Denkmäler zum Erinnern, Vergissmäler zum Vergessen von unwichtigem Kram. Gibt es aber nicht.
Ans Grab gehen kostet Zeit. Verlorene Zeit, geschenkte Zeit? Ich kenn Dein Gesicht ja, Bruder. Daheim hab ich Dich in Farbe. Du hast Dich in mein Herz geschrieben. Und wenn es regnet, frisst sich der Matsch durch meine Schuhsohlen …
Vielleicht scheint auch die Sonne, nächste Woche … ist das wirklich schon wieder sechs Jahre her?!
Walter Müller ist Schriftsteller und Trauerredner. Zuletzt von ihm erschienen: der Roman „Schräge Vögel“ sowie die Geschichten-, Gedichte- und Gedankensammlung „Wahre Geschenke“.
Text: Walter Müller
Foto: Bilderbox
März-Ausgabe 2010


