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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

„Ich brauche ein intelligentes Publikum“

Vor sechs Jahren hat Verkäufer Ogi den Dirigenten Peter Ewaldt in Salzburg beim Zeitungsverkaufen getroffen. Inzwischen hatte er schon Gelegenheit eine von Peter Ewaldt dirigierte Oper anzusehen – und der Dirigent hat Spaß an den Gesprächen mit dem kulturinteressierten Apropos-Verkäufer. Dieser hat nun die Chance genutzt, den Künstler im ­Interview noch näher kennenzulernen.

 

Dirigierst du nur mit den Händen? Oder gibst du deinen Musikern auch andere Zeichen?

Natürlich dirigiere ich mit den Händen, aber auch mit meiner Mimik – und eigentlich mit meinem ganzen Körper. Die Grundvoraussetzung, dass die Musiker meine Zeichen auch verstehen, ist aber natürlich, dass sie ihre Noten kennen. Ich bin dann sozusagen das Echo, das dafür sorgt, dass die Musik nahtlos ineinander übergeht. Wie eine endlose Welle.

 

Ist die Musik wie die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken für dich?

Die Musik steht für mich in meinem Leben an erster Stelle. Aus ihr schöpfe ich meine Energie zum Leben. Wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe, dann gehe ich auch gerne auf die Berge, um neue Kraft zu schöpfen.

 

Hast du eine Lieblings-Musikrichtung?

Ich liebe natürlich besonders die klassische Musik und da vor allem Barockmusik mit ihren alten Instrumenten. Mit meinem Ensemble spiele ich vor allem diese.

 

Wie groß ist denn dein Ensemble?

Wir sind zehn bis fünfzehn Musiker. Je nachdem, wo wir spielen und wie viel Platz vorhanden ist.

 

Welches Publikum ist dir am liebsten? Ist es dir egal, ob in deine Konzerte ein Handwerker oder ein Apotheker kommt?

Ich brauche ein intelligentes Publikum. Die Bildung ist dabei aber nicht wichtig. Es geht dabei vor allem um die Herzensbildung. Ich brauche Menschen, die meine Musik verstehen – und das kann genauso der Bergmann sein, der glücklich ist, wenn er in seiner kleinen Dorfkirche ein Barockstück von mir hört.

 

Es gibt so viele Musikrichtungen von so vielen verschiedenen Nationalitäten. Hast du da irgendwelche Präferenzen?

Musik ist für mich Musik! Musik macht keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Völkern. Musik ist Nationalität, Musik ist eine Schwingung zum Menschen, Musik ist internationale Kommunikation.

 

Ein Spitzenkoch muss genau wissen, wie viel Salz und Pfeffer ein Gericht braucht. Ist das beim Dirigieren genauso? Ist der Dirigent für die perfekte Dosierung zuständig?

Der Dirigent muss die „feinen Momente“ in seinem „Musikgericht“ genau kennen, und ist dabei für die richtige Dosierung genauso zuständig wie ein Spitzenkoch. Ich koche und backe übrigens Torten wie Rossini.

 

Woraus ziehst du das große Glück? Aus der Musik, den Frauen, gutem Essen, einem Hobby, deinem Auto, Sport oder Religion?

Ich beziehe mein Glück aus vielen Dingen. Das ist ganz einfach erklärt: ich fahre zum Beispiel einen Subaru – aber ich mag auch andere Automarken. Ich liebe natürlich meine Frau – aber ich mag ganz allgemein die Frauen (lacht). Genauso ist es mit der Musik und der Kunst.

 

Hat die klassische Musik genug Sponsoren?

Leider nein. Wir sind zur Gänze angewiesen auf öffentliche Gelder. Das ist schade, weil, hätten wir mehr Sponsoren, könnten wir ganz andere Projekte verwirklichen.

 

In welchem Anzug dirigierst du? Welche Farbe hat er und von welchem Designer ist er?

(Lacht:) Ich habe meinen Frack vor so langer Zeit gekauft, dass ich das vergessen habe. Aber auch sonst spielen Marken und Designernamen keine Rolle für mich. Hauptsache, er ist schwarz.

 

Kennst du die schwarzen Momente im Leben? Was tust du, wenn du in einem solchen schwarzen Moment ein Konzert hast?

Das kann ich trennen. Beruf ist Beruf, und privat ist privat.

 

Ist es leichter mit Musikern oder mit Schauspielern zusammenzuarbeiten?

Ein bisschen leichter ist es mit Musikern. Aber ich kann mit beiden ­Berufsgruppen gut arbeiten. In jedem Fall ist das wichtigste ein respektvoller Umgang miteinander.

 

Gehst du manchmal auf Flohmärkte?

Nein! Ich gehe lieber ins Stadion. Früher zu Austria Salzburg und jetzt zu Red Bull.

 

Hast du Haustiere?

Wie du schon gesehen hast, kommen zwei Katzen zu mir. Das sind aber nicht meine, sondern die vom Nachbarn, aber sie fühlen sich recht wohl bei mir und spielen mit den Magneten an meinem Kühlschrank.

 

Welche Wünsche hast du an die Politik?

Ich wünsche mir, dass die Politiker mehr auf die Bedürfnisse des Volkes achten würden.

 

Was hältst du von Straßenmusikern?

Das sollte man unbedingt weiterhin erlauben. Es gibt darunter wirklich ganz phantastische Musiker.

 

Was bedeutet für dich die Straßenzeitung Apropos?

Ich finde sie ganz ausgezeichnet. Bei dem 5-Jahres-Jubiläum von Apropos habe ich übrigens selbst gespielt.

 

 

 

Interview: Verkäufer Ogi

Foto: privat

Februar-Ausgabe 2010

 

Mehr aus dem Leben unserer Verkäuferinnen und Verkäufer und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen erfahren Sie im aktuellen Apropos und auch online im Schreibwerkstatt-Archiv.