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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Neue Wohnung, neues Leben

Zwölf Quadratmeter groß, ein Waschbecken, ein Bett, ein Fernsehstuhl, ein Bücherregal und ein kleiner Tisch; eine Gemeinschaftsdusche, ein WC am Gang und  eine Gemeinschaftsküche zum Kartenspielen. Neun Leute unter einem Dach – betreutes Wohnen. Wenn man von der Straße kommt oder von der Notschlafstelle, ist man froh um eine Türe, die man hinter sich schließen kann; da kann man die Tage und Monate, in denen es nicht so gut ging, Revue passieren lassen.

 

 

Betreutes Wohnen finde ich sehr gut, da der Weg zu den Behörden und Ämtern erleichtert wird. Man hat einen Betreuer, der einem hilft, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Über drei Jahre war ich dort und ich danke heute noch dafür, dass ich für den Einstieg von der Straße in ein normales Leben einen Betreuer hatte, der mir sehr viel geholfen hat, um mich wieder lebensfähig zu machen. Mittwochs hatten wir im Langzeitwohnen der Sozialen Arbeit GmbH immer ein gemeinsames Mittagessen mit allen Betreuern, die für uns zuständig waren. Anschließend ein kleiner Kaffeeplausch zur Aufmunterung, dass das Leben doch positive Seiten hat. Der Zusammenhalt unter den Mitbewohnern war nicht so gut, da ja jeder mit sich und seiner Krankheit beschäftigt war. Der Alkohol ist ein kleiner Teufel, der einen Menschen zugrunde richten kann. Man verliert die Kraft, verliert die Kontrolle über sich, und man verliert die Freude am Leben. Man lässt sich fallen, nimmt das Geschehen, das um einen herum stattfindet, nicht mehr wahr, und man braucht dann wieder ärztliche Hilfe, um aus diesem Sumpf herauszukommen. Einer davon bin ich, der es geschafft hat, ein geordnetes Leben zu führen.

 

Anteil daran hat auch meine Arbeit als Apropos-Verkäufer. Apropos verdanke ich sehr viel, da die Straßenzeitung ein Sprungbrett für mich war, um von der Gesellschaft wieder aufgenommen zu werden, und ich mir wieder etwas wert war. Eine Tätigkeit, um liebe Menschen kennenzulernen, ein Gespräch zu führen, wieder zu lachen, was ich schon verlernt hatte. Ich lernte und lerne heute noch Menschen kennen, die mich unterstützen, damit ich es ein bisschen einfacher habe. Mithilfe dieser Unterstützung erhielt ich schließlich eine Wohnung: 39 Quadratmeter, Küche, Bad, WC und einen Balkon und ein Wohn- und Schlafraum. Die Grundeinrichtung habe ich mir zusammengespart. Recht herzlichen Dank möchte ich auf diesem Wege dem Dr. Wolfgang Pöhl und Notar Dr. Werner Saltenig zukommen lassen, die mir das hier ermöglicht haben. Es ist ein anderes und neues Leben, für mich ist es wie eine Wiedergeburt. Da ich ja zwei Wellensittiche habe, die mich durch das jetzige Leben begleiten und mir viel Freude machen, sind die hellen Räume, die ich habe, eine Auffrischung. Meine zwei Sittiche haben viel Freiraum, sie können umherfliegen und einen Lieblingsplatz haben sie auch schon gefunden. Mein Lieblingsplatz ist der Balkon, wenn ich abends nach Hause komme und unter der Dusche war, dann sitze ich gerne auf der Terrasse. Egal ob die Sonne scheint oder Regen fällt – ich sitze gerne hier und lasse den Tag Revue passieren.

 

Mein Vormieter war ein Brandstifter, der Balkon war mit Brandmalen gezeichnet. Nun habe ich mir eine Farbe zusammengespart und mein Heiligtum frisch gestrichen. Ich habe sechs Blumenkistchen mit schönen Blumen, die ich hege und pflege. Manchmal spreche ich sogar mit ihnen, dass sie weiterhin so schön bleiben sollen und den Menschen, die unten vorbeigehen, Freude bereiten. An die Kirchenglocken, die am Tag und in der Nacht ihre Töne von sich geben, habe ich mich schon gewöhnt. Danke für die Zuneigung und das Verständnis, die ich von euch und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bekomme.

 

 

 

Text & Foto: Verkäufer Kurt

September-Ausgabe 2009

 

Mehr aus dem Leben unserer Verkäuferinnen und Verkäufer und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen erfahren Sie im aktuellen Apropos und auch online im Schreibwerkstatt-Archiv.